ROSAROT MIT LILA TÜPFCHEN?


Mit ein paar Jahren Verspätung kam im Dezember 2023 die social-media-Kultur samt ihrer digitalen Revolution in der Domstadt Bamberg an und ließ schließlich auch in oberfränkischen Gefilden altvordere Tage in die kulturelle Neuzeit kippen. Was bis dato gang und gäbe war, wurde rigoros und eiskalt über Bord geworfen und fortan geächtet. Da war mal so richtig Skandal im erzkatholischen Sperrbezirk.

Die Heavy Metal Band CRAVING spielte nämlich in jenem schicksalsträchtigen Weihnachtsmonat im hiesigen Jugendzentrum. Und um dem eigenen Genre bei ihrem Auftritt Ausdruck zu verleihen, entledigte sich einer der Musiker, wie bis dato im Heavy Rock eben üblich, während des Konzertes seines T-shirts in dem Glauben, dass das auch in der Domstadt nicht weiter ins Gewicht fiele und wie überall in der bis dato freien Welt seine Akzeptanz finden würde. Weit gefehlt! Der Leiter des Jugendzentrums zog dem Musiker nach kurzer und heftiger Diskussion in urfränkischer Art einfach den Stecker aus der Gitarre. Das jedenfalls stand so in den Gazetten zu lesen. Der Gitarrero zog daraufhin wohl sein Hemd wieder an, stöpselte wieder ein, es ward Frieden auf Erden und die Band spielte ihr Ding zu Ende. 

Der Vorfall an sich fand nach dem Konzert ein solches jedoch nicht. Im Gegenteil, da ging der Ärger ging erst los! Die lokalen Druckerzeugnisse waren sich nicht zu blöde, daraus einen Skandal zu stricken, welcher dann auch noch jede Menge andere Zeitungen auf den Plan rief. 

Man mag es glauben oder nicht, aber um ein Brusthaar hatte die investigative fränkische Berichterstattung nun das Ableben einiger Bandmitglieder zur Folge: Feministische Gruppierungen drohten der Band für den Fall einer wiederholten Ansicht des freien Männeroberkörpers mit Mord und Totschlag. 

Ob es zu einer Wiederholung kam, weiß man nicht. 

Wie aller Skandal in Gottes weitem Tiergarten verflog auch dieser bald im Winde und ward nicht mehr gehöret…

Interessant wurde das Thema aber kürzlich abermals, als im Februar 2026, natürlich ebenfalls in Bamberg, ein Musikant gastierte, der in USA wohl als Superstar gehandelt wird. Unsereiner hatte als Uraltrocker nie etwas von dem Mann gehört, aber er war, wenn man den Zeitungen glauben darf, wohl tatsächlich hier. Ob da nun ein Männerchor im Vorprogramm des amerikanischen Künstlers fehl am Platze war, mögen andere beurteilen. Und worauf die nahezu vierstündige Verspätung des Virtuosen zurückzuführen war, weiß nur sein direktes, geschäftliches Umfeld und da soll das von mir aus auch bleiben. 

Was aber wirklich nicht mehr zu verstehen war, ist eine Zeile, die ich wiederum der lokalen Berichterstattung entnehmen durfte: 

Man hatte als Zeitungsmann ob der Verspätung wohl ein paar Minuten übrig und so wurden vor Ort einige weibliche Konzertbesucher, also Konzertbesucherinnen, zum persönlichen Empfinden der Wartezeit befragt. Im Ergebnis stand zu lesen, dass man als Frau darauf hoffe, dass der Protagonist während der musikalischen Darbietung sein T-shirt abstreifen würde. 

Überhaupt schien die Erwartung an den nackten Oberkörper nach Auffassung der Befragtinnen in jener schicksalsträchtigen Nacht generell im Raume zu stehen! Ob diese Erwartung auch für den support act in Gestalt des Männerchores galt, weiß man nicht. Angebracht wäre eine solche allemal gewesen, auch oder vor allem wegen des ein oder anderen Bauchansatzes; gilt doch der fränkische Mann ohne selbigen eigentlich als unansehnlich. 

Und so nimm nun, gottesfürchtiges Bamberg, die Frage deines unbedarften, alternden Trommelbarden entgegen, welcher in den Weiten der sozialen Medien und angesichts der Vielfalt der in der Lokalpresse widergespiegelten „Meinungen“ nun vollkommen die Orientierung verloren hat:

WAS DENN JETZT?? WER SOLL DENN DA JETZT DURCHBLICKEN??

HEMD AN ODER HEMD RUNTER ODER WER ODER WIE ODER WO DENN???

Nicht, dass das bei uns Altrockern noch eine Rolle spielen würde. Also, hoffentlich nicht, die Säle wären ja schneller leer, als sie sich füllen. Unsereiner ist zudem froh, derlei Überlegungen nicht mehr unterlegen zu sein. 

Aber man muss doch die Situation des Nachwuchses verstehen: Man will einfach nur wissen, welche Sau denn als nächste durch die fränkischen Fluren getrieben werden wird. Wie um Himmels Willen sollen social media geprägte Jungmusiker-innen sich kleiden oder nicht kleiden, ohne von der eigenen Gemeinde böse  Kommentare, Verfolgung, Prügel oder gar Meuchelmord befürchten zu müssen? Was soll die musizierende Zunft denn anziehen? Oder nicht anziehen dürfen? Mit welchen Konsequenzen, sieht man mal vom Tod durch öffentliches Verbrennen auf dem Domplatz ab, müssen die Deliquent-innen auf der Musikbühne denn rechnen, wenn Kleidung oder Haut nicht dem oberfränkischen Anspruchsdenken entsprechen? 

Sollen es rosarote Söckchen mit lila Tüpfchen sein? Und wenn ja, soll man sie verbergen oder offenherzig zeigen?

Dazu stellt sich die Frage, wie man es denn am besten vermeidet, in den hiesigen Berichterstattungen zu landen. Das Netz vergisst ja nichts! 

Wo man dereinst danach trachtete, als Musiker mal in die Zeitung zu kommen, sollte sich der Jungpionier dieser Tage gegen ebendieses eher wappnen. Zu meiner Zeit wurden die Todgeweihten an der Nostalgie des Schreibers gemessen und öffentlich gemeuchelt, wenn sie der Erwartungshaltung desselben nicht entsprachen. Der zeitgenössische „Kritiker“ hat nun die „Meinungen“ von social media im Genick und muss der Oberflächlichkeit des Zeitgeistes dienen, sonst kommen ihm die Clicks abhanden. Auch kein leichtes Leben, gezeichnet von einer bedauernswerten, digitalen Prägung, welche Kunstschaffende aller Couleur anscheinend in Lebensgefahr bringen kann…

Aber eigentlich ist das ja eh alles wurscht. „Denn wohin der Wind uns weht und wohin die Reise geht, weiß allein der große Zampano“, wie Freddy Breck, angezogen und in der Hitparade mit der Startnummer Sechs, dereinst sang. 

Außerdem hat sich die Frage nach der Kleidung sowieso erübrigt, wenn sich jetzt in dieser Stadt Wartezeiten auf die vortragende Zunft von mehreren Stunden etablieren. Da sind die meisten Zuhörer-schauer-innen eh längst schon wieder daheim, bevor‘s losgeht. 

Auch die sechzig Euro Entgelt fürs Nichterscheinen des Hauptakteurs gehen klar: Man kann ja im Sommer zum Ausgleich die stadteigenen Musiker dann wieder die Centstücke aus ihrem Hut klauben lassen. Natürlich nur dann, wenn sie rechtzeitig erschienen sind. Die Musiker, nicht die Centstücke. 

Und keine Angst! Um Musik wird es bei dem ganzen Theater nie gehen. Die Zeiten sind vorbei. Wenn es sie je gegeben hat. Die Zeiten, nicht die Musik. 

Wo kämen wir denn da sonst hin…

In diesem Sinne, bis in Bälde, Leute, 

DON’T FORGET TO ROCK AND ROLL

and forever yours

 

Steff

 

PS: Eigentlich hat man drauf gewartet, aber was bei dem aktuellen Geschehen 2026 im Gegensatz zu dem Auftritt der Heavy Metal Band vom Jugendzentrum 2023 erfreulicherweise ausblieb, waren die Morddrohungen. Zum Beispiel von Lebensgefährten oder Ehemännern in spe. 

Der Geist der social- media- Programmierung ist eben ein schnelllebiger…


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