ON THE ROAD FOR – HUTGELD

02.11.2017

 

Ausnahmsweise ein ernstes Thema. In den letzten Tagen wird ziemlich viel an Kommentaren zum Thema „HUTGELD“ für Künstler in Umlauf gebracht. Da ist eine Menge Nützliches, aber auch, wie in digitalen Zeiten üblich, eine ganze Menge Blödsinn dabei und so mancher Kollege weiß nicht so recht, wie er das Ganze denn handhaben soll. Weil dieses Thema tatsächlich immer wichtiger wird, versuche ich mal, ein bisschen Licht ins Dunkel zu bringen:

Für Veranstalter hat das Hutgeld durch die Bank eigentlich nur Vorteile. Weil es einen Veranstalter als solchen zu Hutgeldbedingungen nämlich gar nicht gibt. Hier nun die Gründe, warum man immer mehr diese Art des Künstlerentgeltes ausweicht:

Die Abgaben an allerlei Institutionen wie GEMA, Künstlersozialkasse, sind bei Veranstaltungen, bei denen Eintritt verlangt wird, zum Teil von einer finanziellen Höhe, die es dem potentiellen Veranstalter unmöglich macht, seine Veranstaltung unter „normalen“ Umständen durchzuführen. 

Die Gelder, die „in den Hut geworfen“ werden, sind dagegen abrechnungstechnisch tatsächlich als Spendengelder zu sehen und müssen beim Finanzamt, bei der GEMA und bei KSK nicht angegeben werden. 

Und für die Künstler hat das Hutgeld den Vorteil, dass sie keine Rechnung schreiben müssen und ein paar Minuten weniger Verwaltungsaufwand haben. Hobbykünstler machen das zumeist eh nicht, weil hinter ihrer Tätigkeit (zumindest offiziell) keine Gewinnabsicht steht. 

Kein Aufwand, keine Bürokratie. Und das auch noch in Deutschland!

Das klingt doch phantastisch, oder nicht?

Gut. Dann schauen wir mal hinter die Kulissen und sehen nach, was das Hutgeld für den professionell arbeitenden Künstler bedeutet und wo eventuell auch Gefahren liegen:

 

- Wenn sich das Hutgeld noch mehr durchsetzt, sei jedem von uns, die wir von unserer künstlerischen Tätigkeit leben, angeraten, für sich selbst einen Beleg über vereinnahmte Gelder auszustellen und diese bei der Steuererklärung anzugeben. Es besteht bei zu geringem Einkommen nämlich die Gefahr, dass wir unsere Kranken- und Rentenversicherung verlieren. Die meisten von uns dürften in der KSK (Künstlersozialkasse) versichert sein. Wenn wir hier unter einem jährlichen Einkommen von 3.900€ liegen, fliegen wir da nämlich raus. Und wo kein Nachweis, da sind auch keine 3900€. Das heißt, wir verlieren tatsächlich unsere Renten- und Krankenversicherung.

 

- Ein weiteres Risiko besteht darin, dass uns das Finanzamt die Gewinnabsicht abspricht, wenn wir keine Rechnungen oder sonstigne Belege zu unserem Einkommen vorweisen können. Das hieße dann, dass wir nicht mehr dazu berechtigt sind, Instrumente oder Fahrtkosten von der Steuer abzusetzen. Das wäre in meinem Fall der Todesstoß, ich könnte meinen Laden dichtmachen.

Also immer schön mitschreiben und Eigenbelege ausstellen, um die Situation nicht prekärer zu gestalten, als sie’s eh schon ist.

 

- Man sollte auch ein wenig aufpassen, wer einen zu welchem Zweck bucht. Oft genug werden wir heutzutage als Mittel zum Zweck gesehen: Es ist so manchem VA völlig wurscht, was wir da machen. Hauptsache, wir kurbeln die Gastronomie und den Getränkeverkauf irgendwie an. Fünfzehn Jahre geübt zu haben, um dann als Bierumsatzankurbler mit Hut im Freien zu stehen ist kein besonders erstrebenswerter Zustand. Gab’s früher natürlich auch, aber da war man wenigstens drinnen und hat eine Fest- bzw. Mindestgage gekriegt. Es schadet also die eine oder andere Nachfrage nicht, zu welchem Zweck man anreisen soll. Ganz wichtig dabei: Wer tatsächlich glaubt, er könnte sich zum „Dumpingpreis“ irgendwo einkaufen und würde dann künftig eher bei der Auswahl des Veranstalters Beachtung finden, ist definitiv auf dem Holzweg. Das hat noch nie funktioniert und wird es auch nie tun.

 

- Eines der dümmsten Argumente für das Hutgeld, das ich gelesen habe, war eine Aussage zu den Verdienstmöglichkeiten: Sinngemäß stand da, dass 150 oder 200 Euro kein schlechtes Geld für 20 Minuten Arbeit sind. Für Künstler, die zwanzig Meter neben dem Arbeitsplatz wohnen, mag das zutreffen. Aber wer schon mal 400 km zum nächsten Gig gefahren ist und nachts dann dieselbe Strecke heimwärts zurückgelegt hat, weiß zum einen, wie lange diese zwanzig Minuten tatsächlich sind und weiß zum anderen, was diese zwanzig Minuten tatsächlich kosten. Ich mache das andauernd. Da werden aus 150€ Gage ganz, ganz schnell mal 80€. Den Sprit oder die Zugkarte kriegt man nicht geschenkt, nur weil man irgendwo mal schnell ein paar Lieder spielt oder bisschen jongliert. Es ist den meisten mir bekannten Kollegen tatsächlich egal, wie lange der Gig selber dauert. Es sind Organisation und Logistik, die Geld kosten. Gespielt oder gezaubert ist das schnell, darum geht’s überhaupt nicht. Es sind die Organisation und Logistik, die die Zeit in Anspruch nehmen, und bei Weitem nicht unsere eigentliche berufliche Tätigkeit. Da sind wir schnell mal bei einem Stundenlohn von 3,20€ angelangt. Und den Supercleveren, der so einen Blödsinn ausposaunt, möchte ich sehen, wenn er für den Lohn arbeiten soll. 

 

- Dass die freiwillige Spende nicht im mindesten eine Verpflichtung zur Zahlung darstellt, versteht sich zudem von selbst. Die Leute werden in digitaler Hinsicht in den letzten Jahren systematisch daran gewöhnt, dass Musik nichts kostet. Im Gegenteil: Es sind viele schon der Ansicht, dass wir dazu verpflichtet sind, umsonst und ohne jegliches Entgelt irgendwo anzutreten. Über das System der freiwilligen Spende werden wir umso mehr in die Ecke gedrängt. Die teilweise von uns selbst gezüchtete „Umsonst-Mentalität“ dreht uns die systematisch die Luft ab. Was übrig bleibt, sind ein paar Billigkrawallbrüder, die dafür Sorge tragen, dass ein Fest nach dem anderen verklagt und untersagt wird. Am Ende stehen wir dann alle mit einer allgemeinen Beschränkung auf 80db blöde in der Gegend rum und fragen uns, was wir hier eigentlich sollen. Das geht auch anders, aber zu diesem Zweck muss man auch mal Nein sagen können. 

 

- Zu guter Letzt ist vielleicht noch anzumerken, dass diese von vielen Leuten als Almosen empfundene Art der Bezahlung nicht unbedingt dazu beiträgt, dass wir als Künstler irgendwann in diesem Land unseren Beruf auch als einen von gesellschaftlicher Seite anerkannten ausüben können werden. Das hat sich mit dem Hutgeld endgültig erledigt. Die Frage nach dem „Was machen Sie denn im richtigen Leben“ wird jetzt schon deutlich häufiger gestellt als früher. 

 

Kultur kostet eben nun mal Geld. Wenn sie überall umsonst ist, ist sie auch keinem mehr was wert. Lasst euch nicht für blöde verkaufen und passt auf euren Idealismus auf! Denn wie Ian Gillan seinerzeit schon sagte:

„One man’s meat is another man’s lousy luck!“

 

Sodeli, ich hoffe, der Erleuchtete hat genug Streit geschürt für heute. 

 

Bis in Bälde – 

Euer Ilja