22. Mai 2010, dreiundzwanzig Uhr.

Es geschehen noch Zeichen und Wunder! Wolken und Schnee haben ein Ende…

Doch nicht nur dies bewegt mein kindlich' Gemüt auf's Tiefste. Engel und Seraphin' frohlocken, Schalmeien und Harfen ertönen allerorten, denn nicht allein die Erde um uns Sterbliche wird nun frühjährlich auf natürliche Weise getrocknet, auch jener vielzitierte Würdenträger, dessen Untaten das Volk in den vergangenen Wochen umtrieben und nicht schlafen ließen, muss darben ob seiner Taten und entzieht, von seinen Mitbrüdern genötigt, seinem Fleisch und Blute die geliebten und beseelenden Wogen der Droge. Und während der Sonne Licht am Tage hernieder scheint, um die irdischen Fluten des Frühjahrs zu trocknen, wälzt sich der Mann Gottes, im Alter seines Lebenselixiers beraubt, nächtens schlaflos wie seine beunruhigten Schäflein hin und her und fragt den eigenen heiligen Geist, ob es denn alles wahr sei, was über ihn berichtet wird, da er sich doch, über Jahre betäubt von Gerstensaft und Traubenmost, seiner Taten nicht entsinnen kann. Doch was ihm berichtet wird, was er getan haben soll, ist nicht Unrecht und ist es nie gewesen, wurde ihm die Gewalt doch von überirdischer Hand verliehen und handelte er doch im Namen und Auftrag seines allmächtigen Schöpfers, denn der Herr züchtigt und schlägt, wen er liebt. Nicht er beging Sünde, sondern die, die ihn nun knechten und demütigen, handeln im Sinne des Bösen. Wie lange hat es in ihm werden wollen, das Amt, welches ihm durch die Hand des obersten Hirten selbst verliehen wurde an jenem 24. Februar im Jahre des Herrn 1996. Wie sehnte er sich, endlich der eigenen Berufung dienen zu können, empfand er doch das Dasein des einfachen Pfarrers selbst schon als Demütigung und die selbst verübte Züchtigung der Dorfjugend als erniedrigend. Denn wenn er, was er nie anzuzweifeln wagte, zur Züchtigung berufen ist, so muss er diese in hohem Amte bestreiten, und nicht wie der gemeine Pöbel am Straßenrand. Wie er es hasste, Tag für Tag die Dorfjugend belehren zu müssen und den trivialen Seelen der ländlichen Glaubensgemeinschaft die Beichte abzunehmen. Sollten sie es ruhig am eig'nen Leibe spüren und erfahren, dass er zu Höherem erwählt war! Und nun, da er die Schmach der Gewöhnlichkeit lange hinter sich gelassen hat und endlich über Mensch und Seele, Land und Besitz, Reichtum und Armut gebietet, nehmen ihm die gefallenen und gottlosen Mitbrüder, von deren Seele der Leibhaftige daselbst Besitz ergriffen hat, die Unfehlbarkeit. "Das Werden der Person durch Glaube, Hoffnung und Liebe", über welches er einst seinen Doktor schrieb, scheint sich aufzulösen in den Nebeln der vergangenen Jahre, scheint seinen Bestand nicht halten zu können in Gegenwart des Unrechts, welches ihm widerfährt, und so schreit seine gequälte und gedemütigte Seele nach Rehabilitation, wohl wissend, selbige nie erfahren zu dürfen, da die Interpretation von Recht und Moral mit einem Male vogelfrei zu sein scheint und das abgrundtief Böse sich ihrer bemächtigt hat.
Und so haben nicht nur die Niederschläge aus den weiten, dunklen Wolken ein Ende, oh Zeichen, oh Wunder…
…die Amtszeit eines versoffenen Schlägers auch!


Seitdem sind drei Monate vergangen.
Ich weiß nicht, wie er es gemacht hat, aber er hat uns eingeholt.
Aus dem "OFF", wie die Fernsehleute sagen.
Lest bis zum Ende, dann wisst ihr, was ich meine.


04. August 2010, auch dreiundzwanzig Uhr
Was haben wir da alle für ein Glück gehabt, dass die den noch rechtzeitig abgesägt haben.
Wenn der jetzt noch im Amt wäre, nicht auszudenken!
Was hätte der Typ wohl, hätten seine Ex- Kumpels in Rom das seine Person betreffende Bauernopfer nicht durchgezogen, zu den Ereignissen um die Love Parade gesagt? Man könnte fast auf die Idee kommen, er würde jetzt aus dem Hintergrund agieren, unser Ex- Bischof. Man könnte fast auf die Idee kommen, der Mixa sei der Ghostwriter für Eva Herman. Was hab ich letztes Mal geschrieben? Dass der Zinnober wieder losgeht, wenn sich die Journaille beruhigt hat, hab ich geschrieben. Sinngemäß wenigstens. Kaum hört man nichts mehr von Missbrauch und Prügeln, drehen die im Glauben verwurzelten den Spieß pietätlos anhand einer Katastrophe wie der Love Parade schon wieder um und erzählen nebst allerlei anderem Dreck zum Beispiel dieses hier:
"Eventuell haben hier ja auch ganz andere Mächte mit eingegriffen, um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen. Was das angeht, kann man nur erleichtert aufatmen!"
Hat sie gesagt. Oder geschrieben. Die Eva. Die rechte Hand der Menschenverächter und Züchtiger. Der Grundstein zu Schlimmerem ist schon wieder gelegt. Dass diese unglaubliche Katastrophe, bei der so viele junge Menschen ihr Leben verloren haben, Umständen zuzuschreiben ist, die völlig profaner Natur und in allen Massengeschäften im Grunde gang und gäbe sind, interessiert die Eva nicht im Geringsten.
Die eigentliche Ursache, nämlich das Wissen des Veranstalters um die Funktionsweise der von Eitelkeit geprägten Gehirne derer, die alles an Vorschrift und Kritikbereitschaft vergessen, wenn sie nur ein positives Bild in der Öffentlichkeit gewinnen können, ist ihr völlig wurscht.
Der liebe Gott hat züchtigend eingegriffen, aus, fertig. Oder vielleicht seine Engel geschickt oder so was. Und die haben sich dann in die eitlen und prestigegeilen Hirne der Verantwortlichen gesetzt und dort alles an Denkvermögen außer Kraft gesetzt. So muss es wohl gewesen sein. Wenn Fanatiker aus klerikalen Cliquen sich erstmal so richtig reingerannt haben, hat man keine Chance mehr. Da kann man an die Ratio appellieren, so laut man will, man kommt da nicht mehr ran.
Aber man muss doch was tun, wenn man weiß, woran's gelegen hat. Man muss sich doch mitteilen, wenn man was zu sagen hat. Helfen wird das ja nicht, aber die Hände in den Schoß legen heißt ja auch nur, denen indirekt Recht zu geben. Was macht man denn da?
Das Beste wird sein, ich schreib ihr einen Brief, der Eva Herman. Sie wird ihn zwar nie lesen, aber andere vielleicht dafür umso intensiver. Die Ereignisse bei der Love Parade haben mir den Schlaf geraubt, vielleicht geht's danach wieder besser. Also dann…
Liebe Frau Herman

Sie kennen mich nicht, ich kenne Sie nicht, und aus diesen beiden Gründen möchte ich Sie bitten, die folgenden Zeilen nicht falsch zu verstehen. Es wird mir in den folgenden Ausführungen nicht darum gehen, Sie öffentlich an den Pranger zu stellen. Ich möchte lediglich einige Anmerkungen niederschreiben, welche vielleicht dazu beitragen können, die Ursachen der Katastrophe von Duisburg aufzudecken. Und ich möchte mich im Vornherein gleich dafür entschuldigen, dass übernatürliche Kräfte in dieser Analyse nicht vorkommen werden.
Allzu menschliche Verhaltensweisen dagegen umso mehr.
Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass bei der Suche nach den Ursachen der Katastrophe religiöse oder übernatürliche Phänomene auszuschließen sind und dass allein die Wissenschaft, in diesem Falle die Psychologie, als einzige in der Lage ist, den Sachverhalt bis ins Letzte zu klären. Lassen Sie es mich versuchen:
Als Ex- Öffentlich- Rechtlich- Medienschaffende wissen Sie um die Eitelkeit der Menschen. Sie wissen, dass es draußen in der freien Natur Millionen von Menschen gibt, die ihre eigene Mutter verkaufen würden, hätten sie nur einmal die Gelegenheit, ihr Gesicht im Fernsehen präsentieren zu dürfen (womit ich NICHT die Live Übertragung der Katastrophe meine!).
Als Ex- Öffentlich- Rechtlich- Medienschaffende wissen Sie des Weiteren um die Arroganz derer, welche sich die Naivität jener nahezu unendlichen Zahl der Einfältigen tagtäglich zunutze machen.
Sie wissen um das tägliche Geschäft der Medien, deren Bosse und Vorgesetzte die Einfältigen tagtäglich, wohl wissend und damit vorsätzlich, ins offene Messer der Scheinpopularität laufen lassen.
Die Eitelkeit, Frau Herman, ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft, sie regiert uns insgeheim alle von innen heraus.
Nun stellen Sie sich vor, Sie kämen aus Verhältnissen, welche immer schon größten Wert auf die Repräsentation der Familie in der Öffentlichkeit gelegt hätte. Stellen Sie sich vor, Ihre Eitelkeit hätte Sie, wie in solchen Verhältnissen üblich, dazu gebracht, für ein öffentliches Amt zu kandidieren. Sie werden sogar gewählt, Sie freuen sich, Verantwortung übernehmen zu dürfen. Auch wenn Sie vom einen oder anderen Sachverhalt nicht die geringste Ahnung haben. Sachkompetenz ist in der geistigen Beschaffenheit der Einfältigen und Eitlen völlig irrelevant. Der Posten zählt. Die Macht. Das Prestige, das Ansehen, der Spiegel an der Wand!
Das wäre die eine Seite der beiden Persönlichkeiten, um die es hier gehen soll. Die andere sieht so aus:
Stellen Sie sich vor, Sie kämen aus Verhältnissen, die Sie gelehrt haben, dass der zweite Name der Eitelkeit der der Dummheit ist. Sie haben ein Leben lang gearbeitet, lange Jahre und Monate, endlose Wochen und Tage. Sie hatten nie etwas übrig für die, die sich gerne im Spiegel sehen. Sie wissen, dass diese Leute ohne Ihre Arbeit gar nicht existieren könnten. Was wären die Einfältigen ohne die, die ihnen das Brot backen? Ohne die, die ihnen ihre Häuser bauen? Sich um ihre Kinder kümmern?
Sie sehen zu, wie sie sich im Licht der Öffentlichkeit aalen, wie sie trotz ihres Unvermögens bewundert und angebetet werden, wie sie trotz ihrer Inkompetenz und geballten Blödheit das Sagen im Lande haben, während Sie selbst, wohl wissend um die geistige Armut der öffentlichen Personen, Ihr Leben in Ihrer Arbeit fristen und nie in den Genuss öffentlicher Huldigungen kommen werden. Undank ist der Welten Lohn.
Sie beginnen irgendwann, sie zu hassen.
Von da ist es nur ein Katzensprung zu dem Punkt, an dem Sie anfangen, sie zu benutzen. Und jetzt wird es gefährlich: Sie werden immer mehr beseelt von dem Gedanken, im Geheimen über die Mächtigen zu regieren. Sie pfeifen auf Ihre Verantwortung. Die müssen jetzt andere tragen. Nämlich die, die in ihrer grenzenlosen Dummheit vorgeben, sie übernehmen zu wollen. PENG!
Ich denke, das dürfte als Einführung reichen. Es ist nun an der Zeit, in diesem Brief das Sprachbild zu wechseln und Ton und Schriftgröße den Ereignissen anzupassen:

Der Veranstalter der Love Parade wusste um die Eitelkeit der Verantwortlichen. Er wusste, dass sie sich nur allzu gerne ein Prestigeobjekt unterjubeln lassen, welches ihnen bei gutem Gelingen auch ohne Kompetenz hohes politisches Ansehen über Jahre hinaus sichert. Er musste eine zeitlang in verschiedenen Städten suchen, aber er hat sie schließlich gefunden. Und die Einfältigen haben sich sogleich Hals über Kopf erpressbar gemacht. Hier ein Wegstreichen bei den Sicherheitsaspekten, dort eine Kostenersparnis, da wird's noch billiger, dort etwas unter den Tisch gekehrt. Und wenn Polizei und Feuerwehr noch so ihre Bedenken an die Rathaustür nageln, man kann die Eitelkeit nicht besiegen.
Der Grund dafür ist, dass wir zu einem ganz erheblichen Teil selbst aus ihr bestehen.
Es ist die Eitelkeit, die diese jungen Leute umgebracht hat, Frau Herman. Und keine von Ihnen herbeigeschriebene übernatürliche Macht.
Es ist dieser gottverdammte Dämon der Eitelkeit, der in uns allen steckt.
Er hat einundzwanzig Menschen umgebracht.
Was das mit Ihnen zu tun hat?
"Die unheilvollen Auswüchse der Jetztzeit sind, bei Licht betrachtet, vor allem das Ergebnis der Achtundsechziger".
Das sind Ihre Worte, Frau Herman. Sie lesen sich wie die von Ex- Erzbischof Mixa. Und es geht wieder von vorne los. Und diesmal ist es gar nicht erforderlich, ein katholischer Ordensmann zu sein.
Damit möchte ich mich, in der Hoffnung, Sie ein wenig zum Nachdenken angeregt zu haben, von Ihnen verabschieden. Hoffentlich waren meine Zeilen kein allzu großes Ärgernis. Gestatten Sie mir einen letzten Satz:
Mir graut vor Ihnen, Frau Herman. Wäre ich ein Katholik, ich würde wohl drum beten, Ihnen nie über den Weg laufen zu müssen.

Herzlichst
Ihr Steff Porzel

Verflucht noch mal! Es hat nicht geholfen. Ich werde heute Nacht wieder schlecht schlafen. Das ist immer so, wenn mich der ZORN gepackt hat. Nicht zu verwechseln mit der Wut. Das kann man bei Georg Schramm, dem uneingeschränkten Herrn und Meister des scharfen Wortes, nachlesen oder -hören. Die Wut ist eine Sache der Sekunde. Sie verfliegt, wie sie gekommen ist.
Der ZORRRRRRRN dagegen ist gekommen, um zu bleiben. Ein ganzes Leben lang. Und manchmal wird er halt ein bisschen heftig, so wie heute Nacht wieder.
Im Ernst! Es ist an der Zeit, darüber nachzudenken.
Darüber nachzudenken, ob wir uns als Opernliebhaber oder Technofreaks, als Rockmusiker oder Jazzer, als Theaterleute oder Filmschauspieler und als Maler oder Photographen wirklich immer und unaufhörlich von minderwertigkeitskomplexgeplagten Geschäftsleuten und politisch aktiven Hanswursten instrumentalisieren lassen müssen.
Die Love Parade hat auf grauenhafte und furchtbare Weise gezeigt, mit wem wir es zu tun haben.
Es ist an der Zeit, denen, die das Geld mit unseren Leidenschaften verdienen, einen Riegel vorzuschieben.
Wir sollten uns ihnen entgegenstellen. Mit dem ganzen ZORRRRRRRRN, den wir zur Verfügung haben.
Wir sollten ihnen klarmachen, dass sie uns nicht benutzen dürfen. Und wenn sie es dennoch tun, müssen wir ihnen eine auf die Pfoten hauen! Und zwar mit aller Gewalt, so dass sie uns vor lauter Angst nie mehr anrühren!
Love and Peace. Und wenn sie das nicht kapieren, gibt's auf die Nuss. Zack.
Und Bischöfe haben von Vornherein Hausverbot.

So.

Jetzt geh ich, konsequent wie ich eben nun mal bin, ins Bett und lass den Herrgott von der Hermanseva einen bösen Mann sein.
Gute Nacht…