Ich aber sage euch:
"Und sie redeten irre und trugen seltsame Gewänder…"
Ich versichere euch: Die Geschichten, die ich euch jetzt
erzählen werde, haben sich so zugetragen, wie ich sie hier
aufschreiben werde. Sie wurden auch nicht verfremdet, weil das
Gehirn erfahrungsgemäß im Laufe der Zeit so einiges dazudichtet
und -erfindet. Diese Ereignisse haben sich eingebrannt. Die kann man
gar nicht verfälschen. Ich schreibe sie deshalb auf, weil die
katholische Kirche neben allerlei anderem abstrusen Unsinn zu
glauben scheint, dass sich ihre nachgewiesenen Missbrauchsfälle an
Kindern allein auf sexuelle Übergriffe beschränken. Dazu scheinen
Bischof Mixa und seinesgleichen tatsächlich der Auffassung zu sein,
dass es sich hier um ein dem Zeitgeist zuzuordnendes Phänomen
handelt. Die sexuelle Aufklärung und die sexuelle Revolution werden
als eigentliche Übeltäter benannt, nur nicht das Individuum, das
sich in Gestalt katholischer Priester, Pfarrer, Pater und Präfekten
an Kindern vergeht. Der Täter als Opfer des Zeitgeistes. Ha. Ha. Ha….
Wie billig, Mixa. Ebenso typisch wie billig und dieses Mal noch dazu
außerordentlich unverschämt, selbst für eure biederen und
manchmal menschenverachtenden Verhältnisse. Dabei wird ein
wesentlicher Teil eures Unwesens immer gerne übersehen.
Es gibt nämlich noch eine andere Art der Vergewaltigung, die
selbstverständliche nur als Einzelfall einiger verirrter Hirten
betrieben wird. In meinem eigenen Fall ist es lange her, und, eurem
seltsamen Gott mit seinen oft recht kruden Ansichten über die
menschliche Existenz sei's möglicherweise gedankt, ich bin mit
relativ gesundem Geist aus der Sache rausgekommen.
Obwohl, manchmal bin ich mir da nicht mehr so sicher…
Ich habe sieben Jahre, von 1973 bis 1980, meinem zehnten bis
siebzehnten Lebensjahr, in einem katholischen Internat gelebt.
Hinter den vergitterten Fenstern kam es meines Wissens nach nicht zu
sexuellen Übergriffen. Ich betone: Meines Wissens nach. Dafür
spielte Gewalt eine umso größere Rolle. Die Patres kann ich noch
benennen, wenn auch nur mit Vornamen. Die Nachnamen hau ich aus
irgendeinem Grund durcheinander, das lass ich mal lieber.
- Pater Paul, allein auf weiter Flur und damit eindeutig in der
Mehrzahl und den Durchschnitt repräsentierend, war ein herzensguter
Mann. Pater Paul war ein guter Mensch. Er sei, aus billigen,
stilistischen Gründen, um die Spannung erhöhen zu können, zuerst
genannt. Aber dann:
- Pater Ulrich. Diese erste Szene spielte sich in einem der
"Studiersäle" ab. Man muss dazu erwähnen, dass wir in
den ersten Jahren zum Teil bis zu dreißig Schüler in einer
Jahrgangsstufe waren, welche, die Jahrgänge nach Stockwerken von
unten nach oben zugeteilt, in Sälen zusammenlebten. So gab es
Speisesäle, Schlafsäle und eben jene Studiersäle. Ulrich, der
später die Leitung des Internats übernahm, überwachte an diesem
Tag die Hausaufgaben, die bei totaler Stille und unter totalem
Schweigen erledigt werden mussten. Zuwiderhandlungen wurden mit
Ohrfeigen und interessanten Kopfnussvariationen bestraft. Ich kann
mich nicht erinnern, wie es dazu kam, aber wir saßen an diesem Tag
plötzlich in einem aus Stühlen gebildeten Kreis um Pater Ulrich
herum. Der Mann beschäftigte sich aus unerfindlichen Gründen mit
eigentlich so katholizismusfremden Phänomenen wie fernöstlicher
Meditation, indischen Entspannungsübungen und, man höre und
staune, auch der Hypnose. Letzterer war er in weitem Umfang
mächtig; dazu kommt, dass Kinder im Alter von zehn oder elf Jahren
eben leicht zu manipulieren sind. Optimale Voraussetzungen für
einen Psychopathen wie Uli. Er ließ einen von uns in der Mitte
Platz nehmen und begann mit der Vorstellung. Er ließ den
Zeigefinger kreisen und sprach mit ruhiger Stimme auf den jungen
Kandidaten ein, bis dieser in den "Hypnoseschlaf" verfiel.
Dann erzählte er dem Jungen, dass er in einem Ameisenhaufen sitzt
und dass die Viecher anfangen, ihn überall zu beißen und zu
zwicken. Der Junge fing an, sich auszuziehen und sich am ganzen
Körper zu kratzen, konnte sich aber gegen die Übermacht der
eingeredeten Ameisen nicht wehren und wurde der Situation nicht
Herr. Ulrich brach seine Zirkusshow ab und ließ den Jungen
aufwachen, aber erst, nachdem er ihm den nächsten Hammer
eingetrichtert hatte: "Wenn du aufwachst, ist der Schüler XY
dein Todfeind. Du hast nie im Leben jemanden gehasst wie den, er ist
das Schlimmste und Furchtbarste, was dir je begegnet ist, du wirst
ihn ausradieren. Ich zähle jetzt rückwärts von zehn bis Null,
dann wachst du auf." Der Junge wachte auf, sah XY an der
anderen Seite. Und legte los. Ich glaube, er hätte den umgebracht,
wenn wir ihn nicht zu fünft oder sechst festgehalten hätten. Der
war absolut von Sinnen. So was hab ich seither nicht mehr gesehen.
Nicht mal in Gunzendorf auf Tanz.
Zwei Tage später war ich an der Reihe. Wegen einer Nichtigkeit, die
nichtiger nicht sein konnte: Kinder rutschen eben nun mal
Treppengeländer hinunter, das ist kein Verbrechen. In Ulrich's
Augen war's eines. Er hat mich unten am Ende des Geländers mit
weiten Armen empfangen und ließ gleich darauf den Finger kreisen.
Ich hatte gesehen, was mit XY passiert war und ließ mich nicht auf
das Spielchen ein. Das hat Uli ziemlich wütend gemacht. Er griff
sich mein linkes Ohrläppchen zwischen Daumen und Zeigefinger. Und
langsam, aber stetig den Druck erhöhend, hat er zugedrückt.
Probiert's aus. Oder besser: Lasst es jemanden an euch ausprobieren.
Ihr werdet im Selbstversuch nicht weit kommen. Das tut nämlich echt
richtig weh. Als ich endlich anfing zu schreien, zog er seinen Arm
und damit mich am Ohr hoch. Schön langsam. Ich hing an seinem
Unterarm an meinem eigenen Ohrläppchen, welches sich zusehends zum
Ohrlappen ausweitete.
Uli hat dauernd so Zeug gemacht. Der war definitiv nicht ganz
sauber. Das typische Zölibatsopfer. Wenn der Druck aus dem Kochtopf
nicht raus kann, explodiert er halt oder sucht sich andere Wege. Die
anderen Wege waren eben nun mal diverse Körperteile von kleinen
Buben. Wie bei den anderen Spinnern auch:
- Pater Albin war ein Bär von einem Mann und hat gerne gesoffen.
Auch eine Art der Kanalisation unterdrückter Triebe. Wenn er dann
verkatert zuschlug, wuchs kein Gras mehr. Eine der schönsten
Episoden meiner Schulzeit ist diese hier: Ich hatte gerade
Tischdienst. Das hieß, einer am Tisch war jeweils zuständig
dafür, allen anderen das Essen von der Küche an den Tisch zu
tragen. Gewechselt wurde wöchentlich. Bedingung dafür, dass man im
"Menü" auch an den "Hauptgang" kam, war, dass
man vorher einen Teller Suppe zu Essen hatte, ob man wollte oder
nicht. Da hat sich natürlich jeder gesträubt. Mein Tischnachbar
konnte mich blöderweise nicht besonders leiden (ich ihn auch nicht)
und schöpfte mir einen Löffel der verhassten Brühe in meinen
Teller. Worauf ich ihm natürlich ebenfalls eine Kelle voll
einschenkte und die Riesensuppenschüssel daraufhin weiterzugeben
versuchte.
Dann weiß ich nichts mehr.
Aufgewacht bin ich bei Totenstille vor einem Wandschrank, die Suppe
literweise auf mir drauf. Blut aus meiner Nase überall, das rechte
Auge zugeschwollen und zwei Tage nicht mehr zu gebrauchen. Sie haben
mir erzählt, dass "der Alte" gesehen hat, wie ich den
Schöpflöffel in den Teller meines Nachbarn gleiten ließ und
daraufhin völlig ausgerastet ist. Er ist durch den Speisesaal
gerannt und hat mir aus der Schulter heraus die geschlossene Faust
ins Gesicht geschlagen. So was haut einen Elefanten um. Einen
elfjährigen Jungen jedoch lässt es mühelos samt Suppenschüssel
in die Ecke fliegen. Die Tür von dem Schrank hatte auch nen
Treffer. Sie haben ihm gesagt, dass mein Tischnachbar mit dem
Scheiß angefangen hat. Albin hat sich aber nie entschuldigt.
- Pater Leopold war einfach zumindest aus heutiger Sicht nur ein
Mitläufer. Ich glaube, er hatte einen guten Kern, weiß aber
trotzdem nicht, was in seinem Schädel "in Echtzeit"
vorging. Ganz dicht waren die alle nicht, und einige haben wohl aus
Gründen der Gruppendynamik einfach mitziehen müssen, um sich
selber nicht auszugrenzen. Leo kam nachts an die Betten und
streichelte unsere Köpfchen. Also bei mir zumindest nur das
Köpfchen. Ich würd's euch sagen, aber mehr war nicht. Weil wir
gewusst haben, dass er kommt, haben wir uns ab und zu verkehrt rum
ins Bett gelegt. Da streichelte der gute Hirte dann die Füßchen,
bis er's merkte. Und dann lachte er immer ein leises, gutmütiges
Katholikenlachen. Der konnte aber auch anders. Den anderen war das
größtenteils wurscht, was in der Schule so los war, aber Leo war
einer der letzten in der Bastion derer, die sich wenigstens peripher
mit der schulischen Leistung einzelner Internatsinsassen befasste.
Wenn auch unter Anwendung mittelalterlicher Methoden. Ich kann mich
sehr gut erinnern, wie er uns bei schlechten schulischen Leistungen
in seinem herrschaftlichen Zimmer antraben ließ. An seinem
Eichenschreibtisch mussten wir die Finger ausstrecken. Bei einer
Vier gab's acht mit dem Rohrstock über die Flossen, bei `nem
Fünfer zehn, und ne Sechs war nicht auszuhalten. Dabei hat er mir
manchmal sogar Gitarrenstunden gegeben.
- Und jetzt alle! Zum Nikolaustag gab es ein ganz besonders
amüsantes Spektakel. Als wir später vierzehn, fünfzehn Jahre alt
waren, haben wir darüber gelacht, aber mit elf Jahren sah das noch
anders aus. Meine Kinderseele hatte echt so richtig Angst damals.
Das war so: Es durfte zur heiligen Weihnachtszeit, wenn der Schnee
anfing zu fallen und man sich an den sternenklaren Nächten freute,
jeder Schüler über einen x-beliebigen anderen, der ihm gestunken
hat, ein Gedichtlein schreiben. Selbiges kam zum Vortrage durch den
Nikolaus selbst, welcher sich in folgendem geradezu irrsinnigen
Szenario niedergelassen hatte: Der Studiersaal war voll, die Tische
aus dem Weg geräumt, die Stühle in Reihen angeordnet, das Licht
war verdunkelt oder ganz aus, bis auf den Platz, an dem der Heilige
selbst saß. Alle Internatsschüler waren anwesend. Der Nikolaus,
welcher, was die meisten von uns Jungen nicht wussten, von einem
Abiturienten gespielt wurde, saß auf einem Thron und wurde
flankiert von zwei Knechten, ebenfalls aus der Abiturklasse, jedoch
furchterregend anzusehen. Die Kerle waren in Kartoffelsäcke
gehüllt, man konnte beim besten Willen nicht erkennen, wer drin
steckte. In den ersten beiden Jahren trugen die außerirdischen
Geschöpfe auch noch Gasmasken. Weiß der Teufel, wo sie die her
hatten, aber die Masken ließen sie allein durch das Geräusch beim
Atmen noch übler erscheinen. Der Nikolaus rief dann die Namen der
Jungen auf, die im Gedichte verewigt waren, und trug dann die
allersüßesten Reime vor, nachdem der Benannte sich zwischen die
beiden Knechte gestellt hatte. Abhauen konnte der nicht, keine
Sorge. Die Knechte waren mit Weidenruten ausgestattet und schlugen
damit jedes Mal, wenn in dem Gedicht was Negatives über die arme
Sau in der Mitte erzählt wurde, von hinten in die Beine. Und es gab
nur Negatives zu berichten. Wir waren alle keine Engel, wir wussten
alle, wie wir unsere Kumpels zwischen die zwei Folterknechte
brachten. Die Gewalt gedieh in den heiligen Mauern und geriet zum
Zeitvertreib. Die Nikolaus-Szenerie war unglaublich. Die Angst der
Kinder ebenso. Es gab einige Eingeweihte, die taten sich ein
bisschen leichter mit der ganzen Sauerei, weil sie informiert waren,
wer hinter der Maskerade steckte. Aber ich gehörte zu denen, die
gar nichts wussten. Ich hatte eigentlich die ersten zweimal nur
Angst. So richtig Angst…
Jetzt langt's dann aber. Ich hör' jetzt auf. Schockiert? Das
waren doch bloß ein paar Szenen. In echt ging das sieben Jahre so
zu. Da gewöhnte man sich dran. Das war noch laaaaaange nicht alles,
Leute. Ich wollte euch nur ein paar von den Herrschaften vorstellen,
um euch ein bisschen zum Nachdenken anzuregen. Jetzt kommt schon,
Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Ihr finanziert doch diese Leute
mit eurer Kirchensteuer. Da müsst ihr doch dann auch dazu stehen.
Keiner von euch wird jetzt loslaufen und aus der Kirche austreten,
dazu seid ihr doch schon viel zu lange dabei, oder? Und was sollen
denn da die Nachbarn sagen? Und den Kleinen soll schließlich der
weiße Sonntag nicht genommen werden. Also. Auf geht's, fröhlich in
den Tag gegrinst. Wenn die damals Prügel gekriegt haben, dann haben
sie sie wahrscheinlich gebraucht! Uns haben sie ja auch nicht
geschadet. Ab und zu mal ein paar Ohrfeigen haben noch keinen
umgebracht. Ja, so gefallt ihr mir schon eher, jetzt kenn ich meine
Oberfranken wieder.
Franziskaner waren die Schläger übrigens. Alle, wie die Jesuiten
und andere Orden, natürlich ausnahmslos Ausnahmefälle. Sonst
würden die doch keine Kinder erziehen dürfen, ist doch klar. Nur,
damit ihr ruhig schlafen könnt.
Mal im Ernst: Warum behandelten die uns damals so? Wegen dem
Zeitgeist? Weil Boxen damals gerade "IN" war? Weil im
September 1973 Mohammed Ali gegen Ken Norton gewonnen hat? War das
vielleicht eine Art Sport?
Warum werden Kinder von denen vergewaltigt und sexuell missbraucht?
Weil die Achtundsechziger damals gesagt haben, dass Sex eigentlich
ganz ok ist? Wieder Zeitgeist?
Die Inquisition auch?
Wenn Bischof Mixa das tatsächlich glaubt, hat er keine Ahnung von
dem System, in dem er lebt. Die Katholiken haben so Zeug
Jahrhunderte lang betrieben. Vorsätzlich und mit System. Wenn es zu
all diesen Untaten einen Zeitgeist gab, dann hat der Katholizismus
ihn per Zölibat und unter totaler Kontrolle selber geschaffen.
Nicht die Frauen, die als Hexen verbrannt wurden, nicht die Kinder,
die sie geprügelt und missbraucht haben, und vor allem nicht die
68er Hippies in ihren Kommunen damals. Das war die Kirche selber.
Sie werden sich jetzt reihenweise wieder im Rahmen des derzeitigen
Skandals für die Kinderschändung entschuldigen, werden euch wissen
lassen, dass jeder Zusammenhang zwischen Zölibat und Missbrauch
gelogen ist, werden wieder ein paar Mark Schweigegeld bezahlen und
Gras drüber wachsen lassen. Und dann geht der ganze Zinnober von
vorne los. Immer wieder und immer wieder. Die werden nie aufhören.
Man wird die Pädophilie immer da finden, wo Kinder ihr
ausgeliefert sind, und nicht von vornherein in irgendwelchen
Therapiezentren. So wie man Säufer in den Kneipen findet, und nicht
in der Heilsarmee. Dazu kommt, dass den Tätern das System der
katholischen Kirche nahezu uneingeschränkte Macht verleiht. Ihr
kniet nämlich alle vor ihnen nieder, wenn sie euch sagen, dass der
Herrgott dies und jenes so will. Das hat mit Religion gar nichts
mehr zu tun. Die katholische Kirche ist vielmehr unabdingbarer
Bestandteil der hiesigen Kultur geworden. Das ist der Hauptgrund
dafür, warum man an ihr festhält. Was soll denn euer Nachbar
sagen, wenn ihr nicht mehr in der Kirche seid? Gruppendynamik und
der Zwang zur Ein- und Unterordnung dient auch hier auf fatale Weise
der Erhaltung des Systems. Wenn diese Leute von euch via
Kirchensteuer auch noch gut bezahlt werden, können die's doch gar
nicht besser treffen. Der Fehler liegt nicht im System, das System
selbst IST der Fehler. Es lädt aufgrund seiner Beschaffenheit, also
per se, zum Missbrauch ein. Und es wird sich, solange ihr es
finanziert, nicht ändern. Da könnt ihr so viel Mitleid mit den
Kindern haben, wie ihr wollt, ihr hängt alle per Saldo mit drin. Es
gibt nur eine einzige Möglichkeit, dieses Systems Herr zu werden,
und die ist, aus der katholischen Kirche auszutreten. Wenn ihr das
nicht tut, dann |