Wir haben ihn auf einer Tour in Australien
kennengelernt. Max war unser Backliner, also zuständig für die vor
Ort gemieteten Instrumente. Als wir ihn zum ersten mal aus unserem
Tourbus heraus erspähten, konnten wir eigentlich nicht so richtig
glauben, wen wir da sahen. Da stand ein barfüßiger Riese von einem
Mann mit gewaltigem Bauch und einem Vollbart bis zu den Knien, mit
Händen wie Schaufeln und den umfangreichsten Löchern in den
Klamotten, die die Welt je gesehen hat. Max hatte T-Shirts mit
Löchern drin, die waren größer als das Hemd selbst, Schuhe trug
er nie und ich glaube, er besaß gar keine. Ich hab' ihn jedenfalls
nie mit welchen gesehen.
Dieser Mann hatte vom ersten Augenblick unserer Begegnung an etwas
Faszinierendes, es umgab ihn eine unglaubliche, manchmal schon
unheimliche Aura, der man sich als normal Sterblicher kaum entziehen
konnte. Nachdem wir uns ein paar mal gegenseitig von oben bis unten
gemustert und die ersten Umkreisungen und das übliche Beschnuppern
hinter uns hatten, entpuppte sich der Riese zu unser aller
Erleichterung als sympathisch, gutmütig, umgänglich, friedfertig
und hilfsbereit, und wenn er lachte, hatte das was von einem
Donnergrollen, das die Erde unter seinen Füßen zittern ließ. Er
wirkte ein bisschen wie der Scheinriese Tur Tur aus Michael Ende's
"Die Wilde 13", der beim Näherkommen kleiner wird, nur
ein bisschen dicker. Es ging aber auch anders, da gab's
zwischendurch auch mal "Schluss mit Lustig": Wehe denen,
die Max in irgendeiner Weise krumm kamen! Meistens genügte schon
ein Blick von ihm, um etwaige Unklarheiten zu beseitigen. Wenn's
dann tatsächlich soweit kam, dass Max was sagte, stellte man sich
besser nicht in den Weg. Nicht auszudenken, was passiert wäre,
hätte er mal hinlangen müssen.
Dieser Mann hatte seine und unsere Welt allein durch sein
Erscheinungsbild fest im Griff. Nur einmal ließ er sich
zurechtweisen: Die Chefin des Southern Cross Clubs in Canberra
lehnte es ab, mit jemandem in solchen Klamotten an einem Tisch zu
speisen. Der Club hat uns richtig gut bekocht, nicht das übliche
Raststättenzeugs. Die Dame des Hauses, eine zuvorkommende Frau,
ebenfalls mit dem Herz am rechten Fleck, legte eben nun mal Wert auf
einen gewissen Stil und hat Max darauf hingewiesen, er möge doch
etwas "weniger Ventiliertes" zum Essen tragen. Da zog er
dann zwar maulend, aber geschlagen los und kaufte sich tatsächlich
ein anderes Hemd. Ich hab' mich echt gewälzt vor Lachen…
Der Herrgott hat, wie mir gerade auf dieser Tour wieder mal auf
entsetzliche Weise klar wird, einen wahrhaft großen und weiten
Tiergarten. Man trifft, wenn man so viel unterwegs ist, vom
Dampfplauderer und Dünnbrettbohrer und ach so cleveren und
eigentlich nur bedauernswerten Seelenverkäufer über den
zuverlässigen Arbeiter im Hintergrund bis zu den weitaus selteneren
wahren Erleuchteten alle Sorten von Menschen. Manche trifft man
gerne, von anderen wünscht man sich, man hätte sie nie
kennengelernt. Und dann gibt es noch solche wie unseren
Großstadtaborigine. Begegnungen der dritten Art, die man alle
zwanzig Jahre mal hat. Mein alter Freund und Kupferstecher Bernie
Zylka und ich wurden aus anfänglich stiller Bewunderung heraus in
ungebührlich schneller Weise zu Max-Fans. Das geht normalerweise
nicht so schnell, weil wir in diesem Geschäft gelernt haben, ein
bisschen besser hin zu gucken, mit wem wir's zu tun haben. Da bleibt
man auch mal, so wie heute Nacht, auf Abstand lieber alleine, statt
gemeinsam einsam im Hotel zu sitzen, und lässt eingebildete und
rummaulende Rockstars gerne eingebildete und rummaulende Rockstars
sein. Aber in Sydney war das anders. Bernie und ich besuchten Max in
seinem Viertel, hörten "TEX, DON & CHARLIE" (die mich
immer noch umhauen), tranken Ozeane von Foster's und Victoria
Bitter, spielten Billard und erzählten uns Räuberpistolen aus dem
Musikgeschäft, bei denen Dichtung und Wahrheit sich wie immer
freundlich die Hände reichten.
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