VON KSK, WERBEKOSTEN, CLUBMIETEN, LICHTLEUTEN, TONLEUTEN,
TÜRSTEHERN, PROBERÄUMEN, TRANSPORTKOSTEN UND VOM
EINKOMMENSTEUERGESETZ §50A FÜR BESCHRÄNKT STEUERPFLICHTIGE
KÜNSTLER
oder
MEIN NACHBAR UND DIE GEMA
Ich fange an mit einer e-mail von meinem Kumpel Herbert Fipke.
Herbert ist immer da zu finden, wo Leute Musik machen. Nicht erst
seit gestern. Herbert ist im Besitz einer journalistischen
Ausbildung, ist ein fanatischer Led Zeppelin Fan, Verfechter von
Live Musik jeder Art, Konzertgänger vor dem Herrn und hat folgenden
Vorschlag:
"Wäre doch mal eine Idee, auf die Tickets
draufzudrucken, wie viel an Abgaben abgedrückt werden muss -
ähnlich wie an jeder Zapfsäule, wo auch immer draufsteht, wie viel
Steueranteil pro Liter drin ist. Dann wäre besonders auf großen
Events, wo so Sachen wie Toiletten, Abfallentsorgung, Lärmabgabe,
Security, Notarzt, Polizei, usw. anfallen, selbst ein Ticketpreis
von über 80 Euro plötzlich gar nicht mehr so teuer... Vor allem
würde man es als Gast nicht mehr den Bands allein anlasten..."
Bombenidee, finde ich. Einziges Problem (verzeih mir, Herbert):
Die Eintrittskarten würden wohl die Ausmaße von Werbeplakaten
annehmen. Anders ist das Sammelsurium an Abgaben gar nicht
unterzubringen. Ich zähle also auf:
1. GEMA-Gebühren
Bei der GEMA bin ich selber Mitglied, habe aber inzwischen keine
Ahnung mehr, warum ich das eigentlich bin. Bei denen kann man's
anstellen, wie man will, es kostet einen immer nur Geld. Die GEMA
(Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische
Vervielfältigungsrechte) kriegt pro Gig im Live Club Bamberg,
welcher hier des Öfteren genannt werden wird, zurzeit 250 €. Die
Abgabe setzt sich zusammen aus der Quadratmeterzahl des Clubs und
ist zudem nach Höhe des Eintrittspreises gestaffelt. Näheres
könnt ihr dieser offiziellen Liste des Live Clubs Bamberg
entnehmen:
GEMA Gebühren im Live-Club Bamberg (bei Live Konzerten)
| bis 1,00 EUR Eintritt |
48,70 EUR zzgl. 7% MwSt. |
| bis 1,50 EUR Eintritt |
79,40 EUR zzgl. 7% MwSt. |
| bis 2,50 EUR Eintritt |
120,60 EUR zzgl. 7% MwSt. |
| bis 4,00 EUR Eintritt |
154,30 EUR zzgl. 7% MwSt. |
| bis 6,00 EUR Eintritt |
185,10 EUR zzgl. 7% MwSt. |
| bis 10,00 EUR Eintritt |
214,20 EUR zzgl. 7% MwSt. |
| bis 20,00 EUR Eintritt |
246,50 EUR zzgl. 7% MwSt. |
Bei Eintrittspreisen über 20,00 EUR erhöhen sich die
Vergütungssätze für die GEMA für je angefangene weitere 10,00
EUR um 10%
Dabei ist es der GEMA total wurscht, ob drei Leute oder
vierhundert da waren. Bands, die lange schon im Geschäft sind und
zu deren Gigs auch Leute kommen, haben die 250 in der Kasse und
können das zahlen (wenn auch widerwillig, weil, wie ihr gleich
lesen werdet, noch jede Menge andere Abgaben anfallen). Was macht
aber eine junge Band, die gerade mal anfängt, ihr Repertoire
öffentlich zu präsentieren? Ne Band, die keiner kennt? Wo der
Onkel und die Tante mal vorbeischauen und der Papa die Anlage
hinfährt? Naja, die legen eben drauf. Das machen die ein- zweimal
und dann nie wieder. Da gehen sie dann doch lieber zu meinem
Nachbarn in die Disco, das ist billiger.
In diesem Zusammenhang sei es mir erlaubt, zu fragen, warum mein
Nachbar, der hier den ganzen Tag die Dorfstrasse rauf und runter
fährt, keine GEMA Gebühren zahlen muss. Den ganzen Tag lang führt
der öffentlich Musik auf und sich dazu. Der schläft nie und
beschallt hier das ganze Kaff Tag und Nacht, von früh um fünf bis
früh um fünf, vierundzwanzig Stunden mit GEMA-pflichtigen
Computerbassdrums. Ab und an fährt er auch mal woanders hin. Dann
ist Veranstaltungsort Nordbayern. Bei der Zeit und der
Quadratmeterzahl würde ein Vermögen zusammenkommen. Und am
Wochenende könnte man die ganze Szene auf dem Supermarktparkplatz
abgreifen. Da treffen sie sich nämlich und zeigen sich gegenseitig
mit viel Bumm Bumm Bumm die neuen Hupen und Lenkräder, die sie die
Woche über eingebaut haben. Im Ernst jetzt: So absurd das klingen
mag, diese Szene ist an einem Tag lauter und lärmender als alles,
was man in dreißig Jahren Schlagzeugspiel zusammenbringt. Die
beschallen mittlerweile ganz Europa. Aber erstens kostenlos,
zweitens völlig legal, drittens ohne Pause und viertens ohne die
90dB Lärmbeschränkung, wie sie bei unseren Konzerten mittlerweile
gesetzlich vorgegeben ist. 90dB ist ungefähr so laut, wie wenn
einer von denen die Autotür zuschlägt. Mit dieser Auflage spielen
wir drinnen in den Clubs, während draußen ohne Auflagen vom
Bummbumm-Auto jede Menge Lärm gemacht werden darf. Ich weiß auch
nicht, irgendwas reimt sich da nicht. Irgendjemand schläft da einen
tiefen Büroschlaf in der Legislativen.
Aber zurück zu unseren Gebühren: Wir haben gerade geklärt, warum
sich die GEMA als einer der Mörder des Nachwuchses den Ast absägt,
auf dem sie sitzt. Doch nicht genug damit. Wir als Band füllen nach
jedem Gig einen GEMA Zettel aus, auf dem wir fein säuberlich
nennen, welche selbstgeschriebenen Stücke wir von unserer eigenen
CD gespielt haben und schicken den der GEMA auf dem Postwege zu. Da
sollte man denken, dass man einen Teil der Kohle dann auch wieder
kriegt. GEMA, so die landläufige Meinung, zahlt man ja dann, wenn
man was nachspielt oder die Lieder anderer Leute in irgendeiner Form
öffentlich aufführt, und das Geld kriegt dann der Künstler,
dessen Werk zum Besten gegeben wurde. Dachten wir auch, ist aber
falsch! Das würde nämlich niemals auch nur einen der dicken Benzen
der Bosse finanzieren!
Die Relation sieht so aus: Letztes Jahr haben wir allein mit CHP
zwölf GEMA-pflichtige Gigs gespielt. Alle in ähnlicher
Größenordnung, bei allen unsere eigenen Songs angegeben. Also
haben wir (bzw. die Veranstalter) um die 3000 € GEMA Gebühren
bezahlt. Gesehen hab ich davon jedoch, zurückfließend auf mein
Konto, keinen Pfennig. Ich bin immer noch im Soll. Ich glaube auch
nicht, dass noch was kommt, denn Abrechnung ist immer im April, und
der ist rum. Das ist die Relation, Freunde der Nacht. Da geht eure
Kohle hin. Jetzt könnte man uns natürlich vorwerfen, dass wir
selber Schuld sind, wenn wir unsere Gigs bei der GEMA anmelden. Naja,
das ist so: Die GEMA schickt Spione los. Also echt jetzt. Die gibt's
tatsächlich. Da sind sogar welche von uns beschäftigt. Also
Musiker. Die klappern tatsächlich Zelte und Säle und Clubs ab und
schauen nach, wie viele Leute da sind. Und ob ne Band spielt. Und
was die spielt. In den vielzitierten "Zeiten des
Internets" ist es dem Spion ein Leichtes, uns zu finden, weil
da ja jede Veranstaltung beworben wird. Und die Strafen für nicht
angemeldete Aufführungen sind hoch. Die Spione fahren immer so
kleine Spionautos, die nicht auffallen. Wahrscheinlich zahlt mein
Nachbar deswegen keine GEMA, weil der Spion mit seinem Spionauto
nicht hinterherkommt. Wenn ihr mir das alles nicht glaubt: Ihr
könnt ja mal bei der GEMA anrufen. Schreibt mir doch mal, wie weit
ihr gekommen seid, ok? Aber passt ein bisschen auf, die drehen euch
sonst das Wort im Maul um!
GEMA im Live Club also 250 €.
2. KSK Anteil
KSK ist die Abkürzung für Künstlersozialkasse. Das weiß ich,
weil ich da selber versichert bin. Die KSK bietet Leuten in unserer
Berufsgruppe die Möglichkeit, als freischaffende Künstler eine
Kranken- und Rentenversicherung überhaupt bezahlen zu können. Ohne
die KSK, das sei deutlich gesagt, könnte so mancher von uns sich
den eigenen Beruf nicht leisten. Blöd bloß, dass so eine
Institution naturgemäß allerlei zwielichtige und lichtscheue
Tierchen anlockt. Es war in den jungen Jahren der KSK ein bisschen
zu einfach, da reinzukommen. So war nun in der Vergangenheit ein
jeder in der KSK versichert, der als Beruf "Künstler"
angab. Dann sind die ganzen "Künstler" auch mal krank
geworden und hatten die Grippe oder mussten mal zum Zahnarzt oder
haben sich beim Künstlern blöd angestellt und sich mit dem Hammer
auf die Fußnägel gehauen oder sowas. Das hat die KSK dann bezahlen
müssen und hat im Nu die rotesten Zahlen geschrieben. Wie macht man
das denn wieder wett? Wo kriegt man denn bei den niedrigen
Beiträgen die verlorene Kohle wieder her? Antwort: Vom Live Club
Bamberg und seinen tapferen und fleißigen Musikern! Die
Clubbetreiber bzw. Veranstalter müssen eine ca. 5%ige Gebühr pro
Gig bezahlen. Dazu die offiziellen Zahlen des Live Clubs Bamberg:
Die Gebühren für die Künstlersozialkasse muss vom
Veranstalter übernommen werden. Die Beitragssätze sind in Prozent
der Nettogage:
| Jahr |
2000 |
2001 |
2002 |
2003 |
2004 |
2005 |
2006 |
2007 |
2008 |
2009 |
| Abgabesätze in % |
4,0 |
3,9 |
3,8 |
3,8 |
4,3 |
5,8 |
5,5 |
5,1 |
4,9 |
4,4 |
(Quelle: www.kuenstlersozialkasse.de)
Man schämt sich als gestandener Altrocker dafür, dass andere Leute
einem jetzt die eigene Krankenversicherung mitfinanzieren müssen.
Das hat keiner von uns Rockern gewollt (Jazzer vielleicht schon
eher, die muss man ja immer ein bisschen betütteln…).
Also, ich hätte da schon einen Vorschlag, wie man an die fehlende
Kohle kommen könnte: Man könnte doch die Kilometerleistung von
meinem hupenden Bumm-Bumm-Nachbarn als Berechnungsgrundlage nehmen.
Dies romantische Örtchen ist inklusive Sportplatz zwei Kilometer
lang. Die Strecke fährt der am Tag so um die dreihundertsechzig Mal
lärmend rauf und runter. Davon soll der dann doch fünf Prozent
für die KSK… Aber ich schweife schon wieder ab. Zurück zu den
Kosten unserer Gigs:
3. Einkommensteuergesetz §50a für beschränkt
steuerpflichtige Künstler.
Im Fachjargon: Die Ausländersteuer
Dieses Machwerk, Freunde der Nacht, ist weltweit einzigartig. Und
so was kann sich nur einer ausdenken, dem die deutsche Bürokratie
schon als Spermium im Schädel saß und der obendrein in seiner
Kindheit bis zur totalen Erschöpfung an Vernachlässigung gelitten
hat. Den kann nie einer gemocht haben. Das ist völlig unmöglich!
Der hat sich nämlich Folgendes ausgedacht: Auf die Gage eines hier
im Lande der Dichter und Denker auftretenden ausländischen
Künstlers wird (soviel ich weiß ab einer Gagenhöhe von 250 €)
ein Steueranteil von zusätzlich bis zu 40 % erhoben. Diese
40% von der Gage gehen, aus welchem Grund auch immer, an den Staat,
den deutschen. Sattelt die Hühner, ihr Gitarrenspieler aller
Länder, wir retten jetzt den Bundesadler vor der Finanzkrise. Was
vierzig Prozent noch mit "beschränkt
einkommensteuerpflichtig" zu tun haben sollen, das wissen nur
die Götter und ihre Beamten. Und was das für euch da draußen an
Eintrittsgeldern bedeutet, braucht man nicht vorzurechnen. Klar
zahlt ihr das mit. Ein sehr guter Freund von mir, dessen Name hier
nicht genannt werden soll, hat in seiner Eigenschaft als Manager und
Tourleiter in den letzten 20 Jahren 24 Stunden am Tag gearbeitet. Ob
daheim oder im Hotel oder im Bandbus oder im Urlaub. Nicht nur wegen
der Kohle. Eigentlich mehr aus Idealismus. Um den Blues unter die
Leute zu bringen. Hatte oft mit Bands zu tun, die inklusive
Bläsersektion zwölf oder mehr Leute auf die Bühne brachten.
Musiker, wie sie die Musik mit ihrem internationalen, friedfertigen
Charakter so mit sich bringt, aus allen Teilen der Welt. Die
Wenigsten waren hier aus unserem Bürokratenländle. Sie haben ihn
jetzt dafür gehängt, meinen alten Freund und Kupferstecher, dessen
Name hier nicht genannt werden soll! Eine kleine Fehlinformation im
Steuerbüro hat dafür gesorgt, dass aufgrund des gottverfluchten
§50a von der mühsam erarbeiteten Kohle nichts als 40.000 €
Steuerschulden geblieben sind. 40.000 Mücken wegen einem einzigen
fehlgeleiteten Spermium. Das nenn ich echt Pech! Man sollte den
internationalen Laden zumachen und sie vor dem bundesdeutschen
Musikantenstadl Schimmel ansetzen lassen, diese Verbrecher, diese
Kulturmörder! 40% Steueraufschlag auf jeden Liter Sprit, der hier
die Hauptstrasse rauf und runter für nix und wieder nix von dem
Schuhmacherschirmkäppchenballermännlein verbrannt wird, das wär'
mal ein Lösungsansatz! Aber rechtschaffene Leute fast in den Knast
zu bringen, weil eine Steuer hinterzogen worden ist, von der man
nicht mal gewusst hat, dass sie existiert? Da hört sich doch alles
auf! Schämt euch! Pfui Teufel!
4. Hotelkosten
fallen zwar nur bei auswärtigen Künstlern an, sind aber da.
Hier die offiziellen Zahlen des Live Clubs:
Catering / Hotel
Hotelkosten in Bamberg: 88,- EUR DZ, 60,- EUR EZ (Sonderpreis
Live-Club) - regulär liegen die Kosten bei (98,- bzw. 65,- EUR).
Gutes Mittelklassehotel in näherer Umgebung (kann keinen Namen wg.
des Sonderpreises nennen)
Cateringkosten liegen im Schnitt bei 100 - 250 EUR für kaltes
Catering, warmes Essen & Getränke (hängt natürlich von den
Anforderungen und der Personenzahl ab)
5. Tontechnik
Man braucht jemanden am Tonpult. Hier ist es so wie woanders
auch: Gute Leute kosten Geld. Und die sind jeden Pfennig wert.
Keine Diskussion! Kosten so zwischen 150 und 300 €. Sind aber
manchmal auch welche dabei, die jedes Konzert "unter vollem
Einsatz einzigartiger Sachkenntnis" zuschanden reiten. Da muss
man immer ein wenig aufpassen.
6. Lichttechnik
Man braucht jemanden am Lichtpult. Hier ist es so wie woanders
auch: Gute Leute kosten Geld. Und die sind jeden Pfennig wert. Keine
Diskussion! Kosten so zwischen 100 und 150 €. Sind aber manchmal
auch elende Fuchtler dabei, die die Band per Nebelknopf und totaler
Finsternis eher unsichtbar machen. Da muss man immer bisschen
aufpassen…
7. Haustechniker
Sind unabdingbar. Eine Art Hausmeister, der sich vor Ort mit der
Verkabelung auskennt. Kostet auch 100 €.
8. Kassierer bzw. Türsteher
arbeiten auch nicht umsonst. Sogenannte "Türsteher"
braucht man eigentlich in unserer Szene nicht, sind aber, soviel ich
weiß, ebenfalls Pflicht. Mit gegenläufigem Effekt: Sollte es mal
zu Schlägereien kommen, dann ist mit Sicherheit ein Türsteher drin
verwickelt und ist meist auch die Ursache dafür. Es handelt sich
bei der Sorte Mensch zumeist um Leute, die sich, legal und mit
Hausrecht ausgestattet, mit irgendwem aus Spaß an der Freud
prügeln wollen. Veranstalter stellen nämlich auch hier die
billigsten Hilfskräfte ein. Und die haben selten eine
dementsprechende Ausbildung, sondern sind lediglich dem
ortsansässigen Skinheadclub entnommen. Gib einem Menschen Macht und
er hört auf zu denken. Was in der Szene eh nie gemacht wird.
Dementsprechend verschärft sich die Sicherheitslage, der Schuss
geht nach hinten los und kostet wieder nur Geld. Obwohl man gerade
hier in Bamberg eigentlich froh drum sein muss, wenn solche Typen da
sind. Die legen sich dann mit den Junggesellenabschiedsdeppen an und
hauen denen mal ordentlich Bescheid. Wenigstens was…
9. Werbung
Wenn keiner weiß, dass wo ne Band spielt, kommt auch keiner, eh
klar. Also muss man an die Zeitungen ran. Plakate aufhängen ist
unerschwinglich geworden, wenn man's legal machen will. Unsere Stadt
soll nämlich sauber bleiben. Was anderes isses, wenn Wahlen sind.
Da darf echt jeder Arsch seine Nase aufhängen. Noch dazu in einer
derart penetranten Art und Weise, da fehlt's nur noch, dass sie uns
die Schlafzimmerschränke mit ihren Gesichtern tapezieren. Und was
für hässliche Vögel da dabei sind. Da rollt's einem die
Zehennägel hoch! Schwarzgelbgrünrotbraunblau glänzt da die
Haselnuss, monatelang. Die dürfen das, die sind privilegiert, die
Herrschaften. Wir müssen aber beim Plakatieren außen vor bleiben,
das möchte man nicht. Würde ja eh das Budget endgültig sprengen.
Was dann die Schwarzplakatiererei angeht: Wir leben hier in einem
sehr konservativen Landstrich. Wer je geteert und gefedert die
Sandstrasse in Bamberg hinuntergetrieben worden ist, der weiß,
wovon ich rede. Sie füllen einem auch ab und an mit Trichtern
heiße Jauche in den Magen, wippen dann mit großen Brettern und
Dielen auf dem Blähbauch und zwingen einen dazu, die Musik von
meinem Schirmkappennachbarn zu hören, wenn man seine Kumpels nicht
verpfeifen will. Spätestens während letztgenannter Folter fängt
jeder an zu singen. Unter Garantie. Ich hab Gerüchte gehört, dass
die Amis versucht haben sollen, meinen Nachbarn samt seiner mobilen
Folterküche für Guantanamo anzuwerben. Dann doch lieber Zeitung.
Was richtig Gutes kostet da 800 €. Aber man findet da zwar auch
andere Mittel und Wege, wenn man's mal lang genug gemacht hat.
Dennoch: Offizielle Werbung kostet zwischen 300 und 800 €. Zu
teuer, klar, aber was will man machen…
10. Was das mit den Musikern zu tun hat
Die Clubbetreiber sind ja nicht blöd (Das heißt, einige schon,
aber deren Läden sind dann auch gleich wieder zu). Also
veranstalten die Wirte zum großen Teil nicht mehr selber, weil
denen die Kosten zu hoch und das Risiko zu groß ist. A-b-s-o-l-u-t
verständlich, wenn mich einer fragt. Die haben eine gigantische
Pacht im Nacken, die monatlich als Schwert des Damokles über ihnen
hängt und jederzeit runterfallen kann. Dann ist die Rübe ab und
das Gegreine groß. Aber wer könnte das denn dann veranstalten,
wenn's die Wirte nicht mehr tun? Wer ist denn dann so doof und gibt
Leuten Geld, die eigentlich nix mit den Veranstaltungen zu tun
haben? Richtig! Wir Musiker selber. Einer muss ja. Clubbetreiber
vermieten also ihre Räumlichkeiten und ihre meist fest eingebauten
Licht- und Tonanlagen an uns. Die offizielle Live Club Zahl hierzu:
Miete Live-Club: 350,- EUR zzgl. MwSt.
In dieser Miete sind die Kosten für Reinigung, Energie (im Winter
auch Heizung), Auf- und Abbau und das technische Equipment
enthalten. Dabei muss man natürlich beachten, dass die Technik erst
mal gekauft werden muss und ständig gewartet werden muss.
Keinen Aufschrei jetzt. Die Miete ist absolut legitim und total
normal geworden. Dazu sollte man noch erwähnen: Gigs, die in
Bierzelten, Tanzsälen oder Turnhallen stattfinden, setzen noch ganz
andere finanzielle Anforderungen an die Logistik. Nicht fest
installierte PA's oder Lichtrigs müssen transportiert und aufgebaut
werden. Das ist erstens personalintensiver und damit schon
wesentlich teurer (weil das ja, man soll's nicht glauben, auch
wieder abgebaut und zurückgebracht werden muss…) und verursacht
zweitens noch mehr Kosten durch evtl. angemietete LKW oder andere
Fahrzeuge. Das einzige, was die Kosten da manchmal noch senkt, sind
freiwillige Helfer bei Gigs für Vereine oder so. Ansonsten muss man
sich da selber kümmern.
Na? Noch am Bildschirm? Dann zählen wir den Krempel mal zusammen:
11. Alles in allem
liegen wir grob überschlagen bei einem Gig mit lauter Inländern
(der Deutsche an sich ist da ja billiger…) und fest installierter
Anlage in einem Club der Größe des Live Clubs Bamberg bei Kosten
von ca. 1500 bis 2300 €. Aber OHNE UNSERE GAGE!!
Erst nachdem die 1500 bis 2300 in der Kasse sind, besteht für uns
die Möglichkeit, was zu verdienen. Da ist noch kein Ton gespielt,
noch nicht mal eine einzige Karte verkauft. Mit Ausländersteuer und
gemieteter PA können da schon mal, je nach Besetzung, ein paar
Tausend Euro mehr an Kosten zusammenkommen. Wo das hinführt, ist
eigentlich auch absehbar: Es werden sich in Zukunft die Gigs
durchsetzen, die Geld bringen. Solche, wo er auf die Eins
mitklatschen kann, der deutsche Michel. Der Perkussionist Pete
Lockett hat es, in der Fachzeitschrift DRUMS & PERCUSSION zum
Stellenwert der Musik in Indien befragt, auf den Punkt gebracht:
"Bei uns in Europa gehört die Musik und Kunst nicht mehr zur
Kultur. Das Konzept von Berühmtheit ist bei uns ein anderes. Big
Brother oder DSDSuperstar haben maßgeblich dazu beigetragen. Kunst
und Können gehören nicht mehr unmittelbar zusammen." Macht
euch auf was gefasst! Eines der neuen Konzepte wohnt neben mir. Der
ist auf dem besten Wege, berühmt zu werden, der Typ. Die nötige
Lautstärke als Grundvoraussetzung hat er schon. In all seinem Tun
und Streben. Da rollt noch einiges an Idiotie auf uns zu, wenn Pete
recht hat, das wird noch sehr, sehr amüsant die nächsten Jahre.
Wir haben jetzt also jeden mit Geld versorgt, alle haben an uns
verdient. Bloß ich hab' noch nix.
12. Nun zu meiner Kohle:
Das interessiert euch Voyeure doch am meisten. Also: Ich bin
einkommensteuerpflichtig. Das heißt, von meiner Gage, sollte denn
für die Musiker noch was übrig sein (dass man dabei draufzahlt,
ist keine Seltenheit…), trete ich ca. ein Drittel an Steuer ab.
Bei einem Gig mit einer relativ großen Besetzung wie den Bamberg
Allstars zum Beispiel sieht das so aus: Man sitzt daheim, je nach
geplanten Stücken, mehrere Stunden unterm Kopfhörer und schreibt
sich die vier oder fünf neuen Songs für's Repertoire raus. Das
dauert, sagen wir mal, drei, vier Stunden. Dann proben wir immer
zweimal vor den Gigs, jeweils mit Auf- und Abbau um die fünf
Stunden, schätze ich. Beim Gig selber bin ich nachmittags als
erster vor Ort, um die Drums aufzubauen, damit die aus dem Weg sind,
wenn der Kollegen tausendköpf'ge Schar eintrifft. Das geht halt
nicht anders. Trommler sind so, die denken immer für andere mit.
Ich bin also vom Einladen der Drums nachmittags um 14°° bis zum
Ausladen nachts gegen 2°° oder 3°° unterwegs. Das sind Summa
summarum mit Proben 27 Stunden für einen Gig. An Kohle bleiben mir
dann nach Abrechnung und Aufteilung durch sechs Musiker um die 120
Euro brutto. Davon ziehen wir ein Drittel Steuern ab. Sind netto um
die 80 Mäuse. Die teilen wir mal durch die 27 Stunden. Das ergibt
einen Stundenlohn von 2,96 Euro. Und noch was: FREIBIER IST NICHT!!
Die Zeiten sind vorbei. Jede Flasche Wasser und jedes Glas Bier wird
uns im Club zum Einkaufspreis berechnet. Am Getränkeumsatz sind wir
in keiner Weise beteiligt. Und natürlich hab ich auch einen
Proberaum. Damit ich üben kann. Wer übt, hat's nämlich nötig.
Der Raum kostet noch mal um die 100 Euro Miete im Monat. Außerdem
erlauben sich selbst Musiker heutzutage den Luxus einer Wohnung.
Unter den Brücken ist nämlich kein Platz mehr, da liegen die
ganzen Kunstmaler rum. Im Ernst: Ohne die Touren mit Spencer Davis
Group, deren Eintrittspreise dementsprechend hoch angelegt sind,
könnte ich mir diesen Job niemals mehr leisten. Warum ich das
überhaupt noch mache? Weil's tierisch Spaß macht und weil der
Rock'n'Roll ein Frankenwälder ist. Deshalb!
13. Wie können wir als Musiker an dieser Abzocke etwas
ändern?
Na, gar nicht. Wenn, dann müsste man so was Ähnliches wie einen
Streik organisieren. Mal drei Wochen ohne eine einzige Veranstaltung
in Deutschland. Alles bleibt liegen, die Tanzschuppen sind zu, die
Clubs sind dicht, die Zelte schweigen. Sogar mein Nachbar müsste
seine Rappelkiste mal ein paar Minuten stehen lassen. Welch
reizvoller Gedanke. Hätte was, oder? Diese Ruhe. Es wird aber nicht
gehen. Weil in dieser Branche keiner Ruhe gibt, bevor er nicht dem
anderen beide Augen ausgehackt hat. Wenn eine Combo streikt, sitzen
dahinter ungefähr 1200 andere, die den Job unbedingt wollen. Und
die werden die Solidarität stehenden Fußes niederstrecken und La
Paloma auf ihr pfeifen. Deswegen haben Künstler in Deutschland auch
keine Gewerkschaft. Weil sie sie nämlich nicht verdient haben!
Außerdem wird das, was wir machen, vom deutschen Michel eh nicht
als Broterwerb und damit als Beruf gesehen, sondern bestenfalls als
unterhaltendes Element am Wochenende, wenn man von der Arbeit ruht.
Fehlt uns nur noch die Hofnarrenkappe.
Das gibt's doch gar nicht. Kaum schreibt man was von Hofnarrenkappe,
schon kommt der Oberkappensepp mit seinem Berufschultransporter
wieder angewalzt! Das ist echt nicht mehr auszuhalten! Der hat
gerade an der anderen Seite des Dörfchens gewendet und kommt jetzt
mit 120 Sachen wieder zurückgeschossen. Bumm, bumm, bumm…Und
dieses dämliche Gehupe die ganze Zeit. Sowas Beklopptes. Die sind
doch alle krank hier! Ich hau jetzt ab. Ich wandere aus. Nach
Alaska. Oder Kanada. Oder Schweden oder Australien oder Bielefeld
oder so. Sehn wir uns nicht in dieser Welt, dann sehn wir uns in
Bielefeld. Es reicht, ich gehe. Gib ihnen das Schlusswort, Herbert.
Sag du was noch zur Live-Szene. Ich kann nicht mehr…
"Man sieht sich - wie immer - auch als Fans geben wir nicht
auf und stehen im Regen stundenlang an, um durch ein Gatter zu
gelangen wie Vieh, das zum Schlachter geführt wird, trinken
weiterhin minderwertiges, warmes und überteuertes Bier aus
Pappbechern, essen fettige widerliche Fritten, lassen uns von
schwarz gekleideten Neandertalern anschnauzen und 10 min nach
Konzertende vom Platz jagen wie Ungeziefer, pennen auf der
Rücksitzbank oder im löchrigen Zelt - und fühlen uns immer wieder
großartig, dabei zu sein..."
Prost, Herbert! Deine Zeilen sind ein Hieb.
Macht's gut, Leute.
Bis die Tage
Steff
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