25. Juni 2009, es ist kühl, der Himmel weint, und nur ich weiß, warum…

Steve Hyde und ich haben das Glück, mit Jaimi Faulkner ein paar Gigs in nächster Zeit zu spielen. Googelt euch schlau, Leute, Jaimi lohnt sich! Ebenfalls in musikalischer Hinsicht lohnenswert wird unsere lange DEEP PURPLE NACHT am 10. Oktober im Live Club Bamberg sein. Wie bereits erwähnt, das wird die Wucht!!
Wen's interessiert: Näheres findet ihr unter unter www.live-club.de.

So. Und jetzt ist hier mal Schluss mit lustig. Jetzt wird hier mal aufgeräumt und Tacheles geredet. Es wird nämlich so langsam eng hinter den Kulissen der Rock'n'Roll Maschine. Verdammt eng! Es geht so langsam echt an die Existenz. Und damit meine ich nicht nur meine eigene finanzielle Situation, sondern lehne mich wie üblich ein bisschen weiter aus dem Fenster und schließe das Überleben der Live-Musik im Allgemeinen gleich mit ein. Unser deutsches Bürokratenparadies baut nämlich seinen Kulturschaffenden und -betreibenden gegenüber so langsam ein Verhältnis auf, das dem eines Zuhälters zu seinen Nutten gleichkommt. Wir bezahlen mit unseren schlaflosen Nächten auf den Bühnen deutscher Clubs und Bierzelte immer mehr die dicken Benzen der selbstherrlichen deutschen Kulturverwalter, die mit unserer Arbeit nicht das Geringste zu tun haben. Völlig legal noch dazu, weil die Gesetzeslage eben nun mal so ist und von den selbstherrlichen deutschen Kulturverwaltern selber verabschiedet wurde. An der Quelle saß der Knabe! Bis jetzt mussten wir lediglich mit der Tatsache leben, dass wir ständig und bei jeder Gelegenheit von unserem hochgeschätzten Publikum wegen irgendwelchen Eintrittspreisen angemault wurden, die wir gar nicht gemacht hatten. Konnte man aber noch mit leben, weil wir ja als Musiker bis jetzt auch einen Teil von der Kohle gekriegt haben. Genau das scheint aber jetzt ein Ende zu finden. Dass wir auch was kriegen, mein' ich. Weil nämlich nix mehr übrig ist, wenn die selbstherrlichen deutschen Kulturverwalter mit unseren Gigs fertig sind. Die kleinen Musikclubs in Deutschland sind eben nicht die Bayreuther Wagnerfestspiele. Deswegen ist es an der Zeit, ein paar Leuten hier ordentlich die Meinung zu geigen. Endgültig dem Narzissmus verfallen, schreibe ich euch jetzt einfach mal nacheinander auf, wie die uns schröpfen. Und wenn ich damit fertig bin, druck ich ein paar Exemplare aus, nagle sie dem Erstbesten, der uns wegen irgendeinem Eintrittspreis anmault, auf die fliehende Ignorantenstirn und schick ihn in die nächste Diskothek. Da kann er sich dann, falls er bei dem geschmacklosen Baustellenlärm überhaupt was versteht, mit kurz geschorenen Schirmkappenträgern wie meinem Nachbarn unterhalten und überteuertes, blaues Designerbier saufen. Alsdann:

VON KSK, WERBEKOSTEN, CLUBMIETEN, LICHTLEUTEN, TONLEUTEN, TÜRSTEHERN, PROBERÄUMEN, TRANSPORTKOSTEN UND VOM EINKOMMENSTEUERGESETZ §50A FÜR BESCHRÄNKT STEUERPFLICHTIGE KÜNSTLER
oder
MEIN NACHBAR UND DIE GEMA

Ich fange an mit einer e-mail von meinem Kumpel Herbert Fipke. Herbert ist immer da zu finden, wo Leute Musik machen. Nicht erst seit gestern. Herbert ist im Besitz einer journalistischen Ausbildung, ist ein fanatischer Led Zeppelin Fan, Verfechter von Live Musik jeder Art, Konzertgänger vor dem Herrn und hat folgenden Vorschlag:

"Wäre doch mal eine Idee, auf die Tickets draufzudrucken, wie viel an Abgaben abgedrückt werden muss - ähnlich wie an jeder Zapfsäule, wo auch immer draufsteht, wie viel Steueranteil pro Liter drin ist. Dann wäre besonders auf großen Events, wo so Sachen wie Toiletten, Abfallentsorgung, Lärmabgabe, Security, Notarzt, Polizei, usw. anfallen, selbst ein Ticketpreis von über 80 Euro plötzlich gar nicht mehr so teuer... Vor allem würde man es als Gast nicht mehr den Bands allein anlasten..."

Bombenidee, finde ich. Einziges Problem (verzeih mir, Herbert):
Die Eintrittskarten würden wohl die Ausmaße von Werbeplakaten annehmen. Anders ist das Sammelsurium an Abgaben gar nicht unterzubringen. Ich zähle also auf:

1. GEMA-Gebühren

Bei der GEMA bin ich selber Mitglied, habe aber inzwischen keine Ahnung mehr, warum ich das eigentlich bin. Bei denen kann man's anstellen, wie man will, es kostet einen immer nur Geld. Die GEMA (Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte) kriegt pro Gig im Live Club Bamberg, welcher hier des Öfteren genannt werden wird, zurzeit 250 €. Die Abgabe setzt sich zusammen aus der Quadratmeterzahl des Clubs und ist zudem nach Höhe des Eintrittspreises gestaffelt. Näheres könnt ihr dieser offiziellen Liste des Live Clubs Bamberg entnehmen:

GEMA Gebühren im Live-Club Bamberg (bei Live Konzerten)

bis 1,00 EUR Eintritt  48,70 EUR zzgl. 7% MwSt.
bis 1,50 EUR Eintritt  79,40 EUR zzgl. 7% MwSt.
bis 2,50 EUR Eintritt  120,60 EUR zzgl. 7% MwSt.
bis 4,00 EUR Eintritt  154,30 EUR zzgl. 7% MwSt.
bis 6,00 EUR Eintritt  185,10 EUR zzgl. 7% MwSt.
bis 10,00 EUR Eintritt  214,20 EUR zzgl. 7% MwSt.
bis 20,00 EUR Eintritt  246,50 EUR zzgl. 7% MwSt.

Bei Eintrittspreisen über 20,00 EUR erhöhen sich die Vergütungssätze für die GEMA für je angefangene weitere 10,00 EUR um 10%

Dabei ist es der GEMA total wurscht, ob drei Leute oder vierhundert da waren. Bands, die lange schon im Geschäft sind und zu deren Gigs auch Leute kommen, haben die 250 in der Kasse und können das zahlen (wenn auch widerwillig, weil, wie ihr gleich lesen werdet, noch jede Menge andere Abgaben anfallen). Was macht aber eine junge Band, die gerade mal anfängt, ihr Repertoire öffentlich zu präsentieren? Ne Band, die keiner kennt? Wo der Onkel und die Tante mal vorbeischauen und der Papa die Anlage hinfährt? Naja, die legen eben drauf. Das machen die ein- zweimal und dann nie wieder. Da gehen sie dann doch lieber zu meinem Nachbarn in die Disco, das ist billiger.
In diesem Zusammenhang sei es mir erlaubt, zu fragen, warum mein Nachbar, der hier den ganzen Tag die Dorfstrasse rauf und runter fährt, keine GEMA Gebühren zahlen muss. Den ganzen Tag lang führt der öffentlich Musik auf und sich dazu. Der schläft nie und beschallt hier das ganze Kaff Tag und Nacht, von früh um fünf bis früh um fünf, vierundzwanzig Stunden mit GEMA-pflichtigen Computerbassdrums. Ab und an fährt er auch mal woanders hin. Dann ist Veranstaltungsort Nordbayern. Bei der Zeit und der Quadratmeterzahl würde ein Vermögen zusammenkommen. Und am Wochenende könnte man die ganze Szene auf dem Supermarktparkplatz abgreifen. Da treffen sie sich nämlich und zeigen sich gegenseitig mit viel Bumm Bumm Bumm die neuen Hupen und Lenkräder, die sie die Woche über eingebaut haben. Im Ernst jetzt: So absurd das klingen mag, diese Szene ist an einem Tag lauter und lärmender als alles, was man in dreißig Jahren Schlagzeugspiel zusammenbringt. Die beschallen mittlerweile ganz Europa. Aber erstens kostenlos, zweitens völlig legal, drittens ohne Pause und viertens ohne die 90dB Lärmbeschränkung, wie sie bei unseren Konzerten mittlerweile gesetzlich vorgegeben ist. 90dB ist ungefähr so laut, wie wenn einer von denen die Autotür zuschlägt. Mit dieser Auflage spielen wir drinnen in den Clubs, während draußen ohne Auflagen vom Bummbumm-Auto jede Menge Lärm gemacht werden darf. Ich weiß auch nicht, irgendwas reimt sich da nicht. Irgendjemand schläft da einen tiefen Büroschlaf in der Legislativen.
Aber zurück zu unseren Gebühren: Wir haben gerade geklärt, warum sich die GEMA als einer der Mörder des Nachwuchses den Ast absägt, auf dem sie sitzt. Doch nicht genug damit. Wir als Band füllen nach jedem Gig einen GEMA Zettel aus, auf dem wir fein säuberlich nennen, welche selbstgeschriebenen Stücke wir von unserer eigenen CD gespielt haben und schicken den der GEMA auf dem Postwege zu. Da sollte man denken, dass man einen Teil der Kohle dann auch wieder kriegt. GEMA, so die landläufige Meinung, zahlt man ja dann, wenn man was nachspielt oder die Lieder anderer Leute in irgendeiner Form öffentlich aufführt, und das Geld kriegt dann der Künstler, dessen Werk zum Besten gegeben wurde. Dachten wir auch, ist aber falsch! Das würde nämlich niemals auch nur einen der dicken Benzen der Bosse finanzieren!
Die Relation sieht so aus: Letztes Jahr haben wir allein mit CHP zwölf GEMA-pflichtige Gigs gespielt. Alle in ähnlicher Größenordnung, bei allen unsere eigenen Songs angegeben. Also haben wir (bzw. die Veranstalter) um die 3000 € GEMA Gebühren bezahlt. Gesehen hab ich davon jedoch, zurückfließend auf mein Konto, keinen Pfennig. Ich bin immer noch im Soll. Ich glaube auch nicht, dass noch was kommt, denn Abrechnung ist immer im April, und der ist rum. Das ist die Relation, Freunde der Nacht. Da geht eure Kohle hin. Jetzt könnte man uns natürlich vorwerfen, dass wir selber Schuld sind, wenn wir unsere Gigs bei der GEMA anmelden. Naja, das ist so: Die GEMA schickt Spione los. Also echt jetzt. Die gibt's tatsächlich. Da sind sogar welche von uns beschäftigt. Also Musiker. Die klappern tatsächlich Zelte und Säle und Clubs ab und schauen nach, wie viele Leute da sind. Und ob ne Band spielt. Und was die spielt. In den vielzitierten "Zeiten des Internets" ist es dem Spion ein Leichtes, uns zu finden, weil da ja jede Veranstaltung beworben wird. Und die Strafen für nicht angemeldete Aufführungen sind hoch. Die Spione fahren immer so kleine Spionautos, die nicht auffallen. Wahrscheinlich zahlt mein Nachbar deswegen keine GEMA, weil der Spion mit seinem Spionauto nicht hinterherkommt. Wenn ihr mir das alles nicht glaubt: Ihr könnt ja mal bei der GEMA anrufen. Schreibt mir doch mal, wie weit ihr gekommen seid, ok? Aber passt ein bisschen auf, die drehen euch sonst das Wort im Maul um!
GEMA im Live Club also 250 €.

2. KSK Anteil

KSK ist die Abkürzung für Künstlersozialkasse. Das weiß ich, weil ich da selber versichert bin. Die KSK bietet Leuten in unserer Berufsgruppe die Möglichkeit, als freischaffende Künstler eine Kranken- und Rentenversicherung überhaupt bezahlen zu können. Ohne die KSK, das sei deutlich gesagt, könnte so mancher von uns sich den eigenen Beruf nicht leisten. Blöd bloß, dass so eine Institution naturgemäß allerlei zwielichtige und lichtscheue Tierchen anlockt. Es war in den jungen Jahren der KSK ein bisschen zu einfach, da reinzukommen. So war nun in der Vergangenheit ein jeder in der KSK versichert, der als Beruf "Künstler" angab. Dann sind die ganzen "Künstler" auch mal krank geworden und hatten die Grippe oder mussten mal zum Zahnarzt oder haben sich beim Künstlern blöd angestellt und sich mit dem Hammer auf die Fußnägel gehauen oder sowas. Das hat die KSK dann bezahlen müssen und hat im Nu die rotesten Zahlen geschrieben. Wie macht man das denn wieder wett? Wo kriegt man denn bei den niedrigen Beiträgen die verlorene Kohle wieder her? Antwort: Vom Live Club Bamberg und seinen tapferen und fleißigen Musikern! Die Clubbetreiber bzw. Veranstalter müssen eine ca. 5%ige Gebühr pro Gig bezahlen. Dazu die offiziellen Zahlen des Live Clubs Bamberg:

Die Gebühren für die Künstlersozialkasse muss vom Veranstalter übernommen werden. Die Beitragssätze sind in Prozent der Nettogage:

Jahr  2000  2001  2002  2003  2004  2005  2006  2007  2008  2009
Abgabesätze in %  4,0  3,9  3,8  3,8  4,3  5,8  5,5  5,1  4,9  4,4

(Quelle: www.kuenstlersozialkasse.de)

Man schämt sich als gestandener Altrocker dafür, dass andere Leute einem jetzt die eigene Krankenversicherung mitfinanzieren müssen. Das hat keiner von uns Rockern gewollt (Jazzer vielleicht schon eher, die muss man ja immer ein bisschen betütteln…).
Also, ich hätte da schon einen Vorschlag, wie man an die fehlende Kohle kommen könnte: Man könnte doch die Kilometerleistung von meinem hupenden Bumm-Bumm-Nachbarn als Berechnungsgrundlage nehmen. Dies romantische Örtchen ist inklusive Sportplatz zwei Kilometer lang. Die Strecke fährt der am Tag so um die dreihundertsechzig Mal lärmend rauf und runter. Davon soll der dann doch fünf Prozent für die KSK… Aber ich schweife schon wieder ab. Zurück zu den Kosten unserer Gigs:

3. Einkommensteuergesetz §50a für beschränkt steuerpflichtige Künstler.
    Im Fachjargon: Die Ausländersteuer

Dieses Machwerk, Freunde der Nacht, ist weltweit einzigartig. Und so was kann sich nur einer ausdenken, dem die deutsche Bürokratie schon als Spermium im Schädel saß und der obendrein in seiner Kindheit bis zur totalen Erschöpfung an Vernachlässigung gelitten hat. Den kann nie einer gemocht haben. Das ist völlig unmöglich! Der hat sich nämlich Folgendes ausgedacht: Auf die Gage eines hier im Lande der Dichter und Denker auftretenden ausländischen Künstlers wird (soviel ich weiß ab einer Gagenhöhe von 250 €) ein Steueranteil von zusätzlich bis zu 40 % erhoben. Diese 40% von der Gage gehen, aus welchem Grund auch immer, an den Staat, den deutschen. Sattelt die Hühner, ihr Gitarrenspieler aller Länder, wir retten jetzt den Bundesadler vor der Finanzkrise. Was vierzig Prozent noch mit "beschränkt einkommensteuerpflichtig" zu tun haben sollen, das wissen nur die Götter und ihre Beamten. Und was das für euch da draußen an Eintrittsgeldern bedeutet, braucht man nicht vorzurechnen. Klar zahlt ihr das mit. Ein sehr guter Freund von mir, dessen Name hier nicht genannt werden soll, hat in seiner Eigenschaft als Manager und Tourleiter in den letzten 20 Jahren 24 Stunden am Tag gearbeitet. Ob daheim oder im Hotel oder im Bandbus oder im Urlaub. Nicht nur wegen der Kohle. Eigentlich mehr aus Idealismus. Um den Blues unter die Leute zu bringen. Hatte oft mit Bands zu tun, die inklusive Bläsersektion zwölf oder mehr Leute auf die Bühne brachten. Musiker, wie sie die Musik mit ihrem internationalen, friedfertigen Charakter so mit sich bringt, aus allen Teilen der Welt. Die Wenigsten waren hier aus unserem Bürokratenländle. Sie haben ihn jetzt dafür gehängt, meinen alten Freund und Kupferstecher, dessen Name hier nicht genannt werden soll! Eine kleine Fehlinformation im Steuerbüro hat dafür gesorgt, dass aufgrund des gottverfluchten §50a von der mühsam erarbeiteten Kohle nichts als 40.000 € Steuerschulden geblieben sind. 40.000 Mücken wegen einem einzigen fehlgeleiteten Spermium. Das nenn ich echt Pech! Man sollte den internationalen Laden zumachen und sie vor dem bundesdeutschen Musikantenstadl Schimmel ansetzen lassen, diese Verbrecher, diese Kulturmörder! 40% Steueraufschlag auf jeden Liter Sprit, der hier die Hauptstrasse rauf und runter für nix und wieder nix von dem Schuhmacherschirmkäppchenballermännlein verbrannt wird, das wär' mal ein Lösungsansatz! Aber rechtschaffene Leute fast in den Knast zu bringen, weil eine Steuer hinterzogen worden ist, von der man nicht mal gewusst hat, dass sie existiert? Da hört sich doch alles auf! Schämt euch! Pfui Teufel!

4. Hotelkosten

fallen zwar nur bei auswärtigen Künstlern an, sind aber da. Hier die offiziellen Zahlen des Live Clubs:

Catering / Hotel
Hotelkosten in Bamberg: 88,- EUR DZ, 60,- EUR EZ (Sonderpreis Live-Club) - regulär liegen die Kosten bei (98,- bzw. 65,- EUR). Gutes Mittelklassehotel in näherer Umgebung (kann keinen Namen wg. des Sonderpreises nennen)
Cateringkosten liegen im Schnitt bei 100 - 250 EUR für kaltes Catering, warmes Essen & Getränke (hängt natürlich von den Anforderungen und der Personenzahl ab)

5. Tontechnik

Man braucht jemanden am Tonpult. Hier ist es so wie woanders auch: Gute Leute kosten Geld. Und die sind jeden Pfennig wert. Keine Diskussion! Kosten so zwischen 150 und 300 €. Sind aber manchmal auch welche dabei, die jedes Konzert "unter vollem Einsatz einzigartiger Sachkenntnis" zuschanden reiten. Da muss man immer ein wenig aufpassen.

6. Lichttechnik

Man braucht jemanden am Lichtpult. Hier ist es so wie woanders auch: Gute Leute kosten Geld. Und die sind jeden Pfennig wert. Keine Diskussion! Kosten so zwischen 100 und 150 €. Sind aber manchmal auch elende Fuchtler dabei, die die Band per Nebelknopf und totaler Finsternis eher unsichtbar machen. Da muss man immer bisschen aufpassen…

7. Haustechniker

Sind unabdingbar. Eine Art Hausmeister, der sich vor Ort mit der Verkabelung auskennt. Kostet auch 100 €.

8. Kassierer bzw. Türsteher

arbeiten auch nicht umsonst. Sogenannte "Türsteher" braucht man eigentlich in unserer Szene nicht, sind aber, soviel ich weiß, ebenfalls Pflicht. Mit gegenläufigem Effekt: Sollte es mal zu Schlägereien kommen, dann ist mit Sicherheit ein Türsteher drin verwickelt und ist meist auch die Ursache dafür. Es handelt sich bei der Sorte Mensch zumeist um Leute, die sich, legal und mit Hausrecht ausgestattet, mit irgendwem aus Spaß an der Freud prügeln wollen. Veranstalter stellen nämlich auch hier die billigsten Hilfskräfte ein. Und die haben selten eine dementsprechende Ausbildung, sondern sind lediglich dem ortsansässigen Skinheadclub entnommen. Gib einem Menschen Macht und er hört auf zu denken. Was in der Szene eh nie gemacht wird. Dementsprechend verschärft sich die Sicherheitslage, der Schuss geht nach hinten los und kostet wieder nur Geld. Obwohl man gerade hier in Bamberg eigentlich froh drum sein muss, wenn solche Typen da sind. Die legen sich dann mit den Junggesellenabschiedsdeppen an und hauen denen mal ordentlich Bescheid. Wenigstens was…

9. Werbung

Wenn keiner weiß, dass wo ne Band spielt, kommt auch keiner, eh klar. Also muss man an die Zeitungen ran. Plakate aufhängen ist unerschwinglich geworden, wenn man's legal machen will. Unsere Stadt soll nämlich sauber bleiben. Was anderes isses, wenn Wahlen sind. Da darf echt jeder Arsch seine Nase aufhängen. Noch dazu in einer derart penetranten Art und Weise, da fehlt's nur noch, dass sie uns die Schlafzimmerschränke mit ihren Gesichtern tapezieren. Und was für hässliche Vögel da dabei sind. Da rollt's einem die Zehennägel hoch! Schwarzgelbgrünrotbraunblau glänzt da die Haselnuss, monatelang. Die dürfen das, die sind privilegiert, die Herrschaften. Wir müssen aber beim Plakatieren außen vor bleiben, das möchte man nicht. Würde ja eh das Budget endgültig sprengen. Was dann die Schwarzplakatiererei angeht: Wir leben hier in einem sehr konservativen Landstrich. Wer je geteert und gefedert die Sandstrasse in Bamberg hinuntergetrieben worden ist, der weiß, wovon ich rede. Sie füllen einem auch ab und an mit Trichtern heiße Jauche in den Magen, wippen dann mit großen Brettern und Dielen auf dem Blähbauch und zwingen einen dazu, die Musik von meinem Schirmkappennachbarn zu hören, wenn man seine Kumpels nicht verpfeifen will. Spätestens während letztgenannter Folter fängt jeder an zu singen. Unter Garantie. Ich hab Gerüchte gehört, dass die Amis versucht haben sollen, meinen Nachbarn samt seiner mobilen Folterküche für Guantanamo anzuwerben. Dann doch lieber Zeitung. Was richtig Gutes kostet da 800 €. Aber man findet da zwar auch andere Mittel und Wege, wenn man's mal lang genug gemacht hat. Dennoch: Offizielle Werbung kostet zwischen 300 und 800 €. Zu teuer, klar, aber was will man machen…

10. Was das mit den Musikern zu tun hat

Die Clubbetreiber sind ja nicht blöd (Das heißt, einige schon, aber deren Läden sind dann auch gleich wieder zu). Also veranstalten die Wirte zum großen Teil nicht mehr selber, weil denen die Kosten zu hoch und das Risiko zu groß ist. A-b-s-o-l-u-t verständlich, wenn mich einer fragt. Die haben eine gigantische Pacht im Nacken, die monatlich als Schwert des Damokles über ihnen hängt und jederzeit runterfallen kann. Dann ist die Rübe ab und das Gegreine groß. Aber wer könnte das denn dann veranstalten, wenn's die Wirte nicht mehr tun? Wer ist denn dann so doof und gibt Leuten Geld, die eigentlich nix mit den Veranstaltungen zu tun haben? Richtig! Wir Musiker selber. Einer muss ja. Clubbetreiber vermieten also ihre Räumlichkeiten und ihre meist fest eingebauten Licht- und Tonanlagen an uns. Die offizielle Live Club Zahl hierzu:

Miete Live-Club: 350,- EUR zzgl. MwSt.
In dieser Miete sind die Kosten für Reinigung, Energie (im Winter auch Heizung), Auf- und Abbau und das technische Equipment enthalten. Dabei muss man natürlich beachten, dass die Technik erst mal gekauft werden muss und ständig gewartet werden muss.

Keinen Aufschrei jetzt. Die Miete ist absolut legitim und total normal geworden. Dazu sollte man noch erwähnen: Gigs, die in Bierzelten, Tanzsälen oder Turnhallen stattfinden, setzen noch ganz andere finanzielle Anforderungen an die Logistik. Nicht fest installierte PA's oder Lichtrigs müssen transportiert und aufgebaut werden. Das ist erstens personalintensiver und damit schon wesentlich teurer (weil das ja, man soll's nicht glauben, auch wieder abgebaut und zurückgebracht werden muss…) und verursacht zweitens noch mehr Kosten durch evtl. angemietete LKW oder andere Fahrzeuge. Das einzige, was die Kosten da manchmal noch senkt, sind freiwillige Helfer bei Gigs für Vereine oder so. Ansonsten muss man sich da selber kümmern.
Na? Noch am Bildschirm? Dann zählen wir den Krempel mal zusammen:

11. Alles in allem

liegen wir grob überschlagen bei einem Gig mit lauter Inländern (der Deutsche an sich ist da ja billiger…) und fest installierter Anlage in einem Club der Größe des Live Clubs Bamberg bei Kosten von ca. 1500 bis 2300 €. Aber OHNE UNSERE GAGE!! Erst nachdem die 1500 bis 2300 in der Kasse sind, besteht für uns die Möglichkeit, was zu verdienen. Da ist noch kein Ton gespielt, noch nicht mal eine einzige Karte verkauft. Mit Ausländersteuer und gemieteter PA können da schon mal, je nach Besetzung, ein paar Tausend Euro mehr an Kosten zusammenkommen. Wo das hinführt, ist eigentlich auch absehbar: Es werden sich in Zukunft die Gigs durchsetzen, die Geld bringen. Solche, wo er auf die Eins mitklatschen kann, der deutsche Michel. Der Perkussionist Pete Lockett hat es, in der Fachzeitschrift DRUMS & PERCUSSION zum Stellenwert der Musik in Indien befragt, auf den Punkt gebracht: "Bei uns in Europa gehört die Musik und Kunst nicht mehr zur Kultur. Das Konzept von Berühmtheit ist bei uns ein anderes. Big Brother oder DSDSuperstar haben maßgeblich dazu beigetragen. Kunst und Können gehören nicht mehr unmittelbar zusammen." Macht euch auf was gefasst! Eines der neuen Konzepte wohnt neben mir. Der ist auf dem besten Wege, berühmt zu werden, der Typ. Die nötige Lautstärke als Grundvoraussetzung hat er schon. In all seinem Tun und Streben. Da rollt noch einiges an Idiotie auf uns zu, wenn Pete recht hat, das wird noch sehr, sehr amüsant die nächsten Jahre.
Wir haben jetzt also jeden mit Geld versorgt, alle haben an uns verdient. Bloß ich hab' noch nix.

12. Nun zu meiner Kohle:

Das interessiert euch Voyeure doch am meisten. Also: Ich bin einkommensteuerpflichtig. Das heißt, von meiner Gage, sollte denn für die Musiker noch was übrig sein (dass man dabei draufzahlt, ist keine Seltenheit…), trete ich ca. ein Drittel an Steuer ab. Bei einem Gig mit einer relativ großen Besetzung wie den Bamberg Allstars zum Beispiel sieht das so aus: Man sitzt daheim, je nach geplanten Stücken, mehrere Stunden unterm Kopfhörer und schreibt sich die vier oder fünf neuen Songs für's Repertoire raus. Das dauert, sagen wir mal, drei, vier Stunden. Dann proben wir immer zweimal vor den Gigs, jeweils mit Auf- und Abbau um die fünf Stunden, schätze ich. Beim Gig selber bin ich nachmittags als erster vor Ort, um die Drums aufzubauen, damit die aus dem Weg sind, wenn der Kollegen tausendköpf'ge Schar eintrifft. Das geht halt nicht anders. Trommler sind so, die denken immer für andere mit. Ich bin also vom Einladen der Drums nachmittags um 14°° bis zum Ausladen nachts gegen 2°° oder 3°° unterwegs. Das sind Summa summarum mit Proben 27 Stunden für einen Gig. An Kohle bleiben mir dann nach Abrechnung und Aufteilung durch sechs Musiker um die 120 Euro brutto. Davon ziehen wir ein Drittel Steuern ab. Sind netto um die 80 Mäuse. Die teilen wir mal durch die 27 Stunden. Das ergibt einen Stundenlohn von 2,96 Euro. Und noch was: FREIBIER IST NICHT!! Die Zeiten sind vorbei. Jede Flasche Wasser und jedes Glas Bier wird uns im Club zum Einkaufspreis berechnet. Am Getränkeumsatz sind wir in keiner Weise beteiligt. Und natürlich hab ich auch einen Proberaum. Damit ich üben kann. Wer übt, hat's nämlich nötig. Der Raum kostet noch mal um die 100 Euro Miete im Monat. Außerdem erlauben sich selbst Musiker heutzutage den Luxus einer Wohnung. Unter den Brücken ist nämlich kein Platz mehr, da liegen die ganzen Kunstmaler rum. Im Ernst: Ohne die Touren mit Spencer Davis Group, deren Eintrittspreise dementsprechend hoch angelegt sind, könnte ich mir diesen Job niemals mehr leisten. Warum ich das überhaupt noch mache? Weil's tierisch Spaß macht und weil der Rock'n'Roll ein Frankenwälder ist. Deshalb!

13. Wie können wir als Musiker an dieser Abzocke etwas ändern?

Na, gar nicht. Wenn, dann müsste man so was Ähnliches wie einen Streik organisieren. Mal drei Wochen ohne eine einzige Veranstaltung in Deutschland. Alles bleibt liegen, die Tanzschuppen sind zu, die Clubs sind dicht, die Zelte schweigen. Sogar mein Nachbar müsste seine Rappelkiste mal ein paar Minuten stehen lassen. Welch reizvoller Gedanke. Hätte was, oder? Diese Ruhe. Es wird aber nicht gehen. Weil in dieser Branche keiner Ruhe gibt, bevor er nicht dem anderen beide Augen ausgehackt hat. Wenn eine Combo streikt, sitzen dahinter ungefähr 1200 andere, die den Job unbedingt wollen. Und die werden die Solidarität stehenden Fußes niederstrecken und La Paloma auf ihr pfeifen. Deswegen haben Künstler in Deutschland auch keine Gewerkschaft. Weil sie sie nämlich nicht verdient haben! Außerdem wird das, was wir machen, vom deutschen Michel eh nicht als Broterwerb und damit als Beruf gesehen, sondern bestenfalls als unterhaltendes Element am Wochenende, wenn man von der Arbeit ruht. Fehlt uns nur noch die Hofnarrenkappe.
Das gibt's doch gar nicht. Kaum schreibt man was von Hofnarrenkappe, schon kommt der Oberkappensepp mit seinem Berufschultransporter wieder angewalzt! Das ist echt nicht mehr auszuhalten! Der hat gerade an der anderen Seite des Dörfchens gewendet und kommt jetzt mit 120 Sachen wieder zurückgeschossen. Bumm, bumm, bumm…Und dieses dämliche Gehupe die ganze Zeit. Sowas Beklopptes. Die sind doch alle krank hier! Ich hau jetzt ab. Ich wandere aus. Nach Alaska. Oder Kanada. Oder Schweden oder Australien oder Bielefeld oder so. Sehn wir uns nicht in dieser Welt, dann sehn wir uns in Bielefeld. Es reicht, ich gehe. Gib ihnen das Schlusswort, Herbert. Sag du was noch zur Live-Szene. Ich kann nicht mehr…
"Man sieht sich - wie immer - auch als Fans geben wir nicht auf und stehen im Regen stundenlang an, um durch ein Gatter zu gelangen wie Vieh, das zum Schlachter geführt wird, trinken weiterhin minderwertiges, warmes und überteuertes Bier aus Pappbechern, essen fettige widerliche Fritten, lassen uns von schwarz gekleideten Neandertalern anschnauzen und 10 min nach Konzertende vom Platz jagen wie Ungeziefer, pennen auf der Rücksitzbank oder im löchrigen Zelt - und fühlen uns immer wieder großartig, dabei zu sein..."

Prost, Herbert! Deine Zeilen sind ein Hieb.
Macht's gut, Leute.
Bis die Tage
Steff

 

PS: Denkt dran: Ich nagle euch beim nächsten Rumgemaule einen Zettel ans Hirn!

 

(Jetzt hätt' ich's fast vergessen: Vielen Dank an Bernd Deschauer vom Live Club Bamberg. Es ist keine Selbstverständlichkeit, derlei Geschäftsinterna an die Öffentlichkeit zerren zu dürfen. Die "sperrgedruckten" Angaben kommen vom Live Club oder von Herbert und sind allesamt wörtlich zitiert.)