Mittwoch, 14. Januar 2009.
Aber sowas von saukalt draußen!

Bevor wir zu dem Schmarrn weiter unten kommen, erst mal "ein Hinweis in eigener Sache":

Nachdem sich unsere alte CHP - Website wie von Geisterhand selber nach und nach aufgelöst hat, konnte unser Kumpel Olli Schott das Elend nicht mehr mit ansehen und hat uns in nächtlicher Kleinarbeit eine schöne neue gebastelt. Zu finden ist selbige nach einigem Anmelde- hin- und her unter www.chp-music.de. So.

Und jetzt wird's düster, Freunde der Nacht. Macht euch auf üble Machenschaften und wüste Verbrechen gefasst. Wir steigen einmal mehr tiiiiief hinab in die Wirren der Psyche und des Geistes. Dorthin, wo sich in normalen Gehirnen Fuchs und Hase längst gute Nacht gesagt haben und das Licht Meilen hinter uns vor Stunden schon gelöscht worden ist. Dahin, wo uns die Nebel der Wahrscheinlichkeit umgeben und die Rätsel und Mysterien unseres Daseins nichts außer ihrer Unergründlichkeit preisgeben. Wir begeben uns auf direktem Wege in den Irrsinn, dessen Existenz uns aufgrund seiner Alltäglichkeit nicht bewusst werden kann und, wer weiß, vielleicht auch nicht bewusst werden soll. Denn die Folgen dieses unseres Handelns sind nicht mehr absehbar und was uns erwartet, ist vielleicht noch gar nicht in dieser Welt und wird durch unsere Annäherung erst ausgeworfen von unserer Hirne Höllenschlund. Wir sind fast angekommen. Wenige Nanometer nur noch. Die Umrisse des Unheimlichen zeichnen sich bereits ab in der grauen Suppe unseres Oberstübchens und mit einem Male stehen wir vor dem in dunklen Nächten selbst Erbrüteten. Ganz schön spannend, gell? Und wir lesen mit einem Schaudern ob der Erkenntnis der bevorstehenden Langeweile dieser Zeilen die fürchterliche und grauenerregende Überschrift

Rock and Roll und Religion sind des tumben Toren Lohn

Das hab ich gerade eben erst gedichtet. Da bin ich aber stolz. Wenn ich mal drin bin, läuft's immer wie von selber. Das ist echt der Hammer. Respekt, Stefan. Da darf man schon mal für ein paar Minuten zu einem selbstgefälligen, arroganten Miesepeter mutieren. Das muss drin sein, wenn einem das Leben sonst schon so übel mitspielt.
Was mich diesmal zum Dichten und Reimen gebracht hat, ist die Tatsache, dass da irgendein kleiner Schweineigel eine DVD auf den deutschen Markt geschmissen hat. So ein Lauser! So ein Spitzbub! Wenn ich den erwische! Das ist so gewesen:
Wir haben mal einen Gig mit der Spencer Davis Group in Deal gespielt. Deal ist ein malerisches Örtchen in Kent, Südengland. Richtig schön heimelig, wie gemalt. Miss Marple ist auf ihrem Fahrrad an uns vorbeigefahren und hat gewinkt. Oder gewunken oder wie das heißt. Graf Yoster war zu Besuch, schlug die Vorhänge des Rolls Royce zurück und lächelte uns an, während der Wagen würdevoll an uns vorbeizog. Die Schwäne zogen erhobenen Hauptes ihre Bahnen im Dorfteiche, und es trug sich zu, dass mein alter Freund und Kupferstecher Bernie Zylka und ich, wie bereits unzählige Male vorher bei ähnlichen Angelegenheiten, einen ganzen Nachmittag im dortigen Musikclub gearbeitet haben, um die ganze runtergewirtschaftete Maschinerie zum Laufen zu bringen. Frei nach dem Motto unseres jungen, dynamischen, erfolglosen Arbeitsduos "Man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht". In dem Laden hat a-b-s-o-l-u-t gar nichts funktioniert. Aber wir haben's hingekriegt. Mein alter Freund und Kupferstecher Bernie Zylka saß dann halt stundenlang auf dem Fahrrad und erzeugte via Dynamo fleißig den Strom für den Gig, aber es lief alles. Und da ist dann in jenem Örtchen auch dieses Filmteam aufgetaucht und hat, wie man's von einem Filmteam erwartet, den ganzen Zinnober gefilmt. Danach, so gegen Mitternacht, als die nach dem Gig mit dem Filmen fertig waren, haben wir dann alle beschlossen, dass es zum Filmen viel zu dunkel in dem Schuppen war und haben einfach gesagt, dass das Filmmaterial nicht veröffentlicht wird.
Aber jetzt hat's irgendein Schlaui doch gemacht. Ich hab's gar nicht gewusst, dass es die DVD im freien Handel gibt. Mein alter Kumpel Olaf hat mir aber heute das Cover geschickt. Das "Artwork" sozusagen. Und tatsächlich!
"Spencer Davis Group Live" heißt das Ding, und in der Mitte ist ein Loch. Und schon geht's los mit der Hinterhältigkeit: Außen drauf steht bei dem Song "When I come home" FEATURING STEVE WINWOOD. Da lach ich ja! Aber ganz laut lach' ich da! Der war nicht da. Das ist Beschiss und Betrug im großen Stil! So wahr ich hier sitze. Kauft das Ding bloß nicht! Und wenn ich den Ast absäge, auf dem ich mich befinde. Das ist eine Sauerei sondergleichen. Und was anderes noch hat meine Aufmerksamkeit erregt: Die Musiker sind aufgelistet. Nacheinander, wie sich das gehört. Da stehen
Spencer Davis Guitar, Vocals
Miller Anderson Guitar
Eddie Hardin Keyboards
Colin Hodgkinson Bass
Und ich nicht.
Aber bitte nicht falsch verstehen. Mir geht's nicht um meine Eitelkeit. Ob mein Name da drauf steht oder nicht, ist mir wurscht. Ich komm schon noch zum Wesentlichen. Geduld, meine Schäfchen, Geduld…
Als lust'ger Wandergesell, wie ich eben nun mal einer bin, trommele ich mir ja auch bei der Hardin Fenwick Band einen ab. Und da ging nun eine seltsame e-mail durch die deutschen Lande. Einen Gig der Band in Hamburg ankündigend sagte sie da:
Eddie Hardin Keyboards, Vocals
Ray Fenwick Guitar, Vocals
Gary Twigg Bass
Und ein deutscher Schlagzeuger.
Wortwörtlich. Stand echt genauso drin. Merkt ihr was? Jou, vollkommen richtig erkannt: Da wollen mich doch welche verarschen, oder nicht? Auf der SDG-DVD heiße ich gar nicht und bei Eddie's Band heiße ich "Ein deutscher Schlagzeuger". Aber selbst da bin ich nicht eingeschnappt, ein großmütiger lust'ger Wandergesell wie ich eben nun mal bin. So was wie Anstand oder Respekt oder so Zeug erwarte ich in diesem Hurengeschäft schon lange nicht mehr, da hab' ich jede Illusion aufgegeben. Da wird gelogen und betrogen, da werden gutgläubige Leute hinter's Licht geführt und beschissen wo's nur geht. Alles ganz normal und eben so Usus im Musikgeschäft. Das ist so normal wie bei anderen Leuten nach dem Mittagessen die Spülmaschine eingeräumt wird. Hab ich mich mal drüber aufgeregt vor zwanzig Jahren, lässt mich aber schon lange kalt. Ich will auf was ganz was anderes raus:
Ich hege seit langem schon den Verdacht, dass es nur noch zwei Sorten von Leuten gibt, die sich für Musik interessieren. Und die interessieren sich beide gar nicht für Musik. Das sieht nämlich nur so aus.

Da gibt's die eine Sorte, die zum Beten vor der Bühne niederkniet, weil die Ikone der eigenen Jugend oben steht, und die andere Sorte, die damit eine Menge Kohle macht. Und zack, sind wir bei dem, was ich insgeheim hier anstrebe: Die absolut messerscharf gezogene Parallele vom Rock'n'Roll zur katholischen Kirche! Das hängt mir schon lange raus, das mal hier hinzuschreiben. Jaaaahahaaa! Jetzt geht's los, Freunde der Nacht! Anschnallen und den Berg runter, jetzt gehen wir die Sache mal von unten an: Wen interessiert der Ministrant am Rande des Geschehens, wenn der Papst, unfehlbar wie er nun mal ist, gerade urbi et orbi aus dem Ärmel schüttelt? Wen interessiert der Arbeiter im Weinberg des Rock'n'Roll, wenn die Ikone selbst die Messe liest? Hand auf's Herzchen, Leute: Wir erstarren alle vor Ehrfurcht, wenn Deutschland den Superstar sucht und der Bauer die Frau. Da könnte Johann Sebastian Bach neben Wolfgang Amadeus Mozart daselbst in unserem Wohnzimmer an der Orgel sitzen und spielen, dass die Weingläser im Schrank anlaufen, wir würden das gar nicht merken. Wen interessiert da der Dummy hinten in der Ecke, der jahrelang zuverlässig die Dreckarbeit macht, wenn vorne dran einer steht und im Lichte erstrahlt? Die dümmsten Deppen werden zum Idol erkoren, weil sie eben nun mal gut aussehen in der Großaufnahme. Wir wollen zusammen niederknien oder auf der Couch liegen und die Unerreichbaren anbeten. Es ist, als wären wir süchtig danach, jeden Tag auf's Neue verarscht zu werden, als gäb's nichts Schöneres auf der Welt. Wenn ich da an jene Talkshow denke, ausgestrahlt zur heil'gen Weihnachtszeit… Au ja, das trifft's! Da gehen wir mal näher drauf ein.
Jetzt schweife ich ein wenig ab und vergaloppiere mich, weil's so Spaß macht: Neulich ist die Unglaublichkeit in persona in der Glotze bei der Maischbergerin angetreten, um die heilige Inquisition zu verteidigen: Gloria von Thurn und Taxis hat vom hohen Thron der Television herunter mit ihresgleichen die AIDS Problematik in Afrika diskutiert. Mit den Worten "Der Schwarze schnackselt nun mal gern" hat ihre Gnaden ja früher schon einmal dem verblödeten Rest der Welt erklärt, wie die Sünde das Virus verbreitet. Für derlei Äußerungen kriegt man in den Eckkneipen dieser Welt sofort und ohne lange gefragt zu werden die Fresse poliert. Im Falle der Ikone ist das aber anders. Sie wird noch einmal geladen, um der Welt die eig'ne Einfalt zu predigen. Zuhauf stehen die Schäflein und Schafe hinter der wild gewordenen Betschwester, die nicht müde wird, die Abtreibung als des Teufels Werk zu geißeln und den Afrikaner ob seiner Zügellosigkeit zu tadeln. Im ganzen Leben noch keinen Fingerhut voll Dreck gefressen und den ganzen armen Schweinen predigen wollen, wo's lang geht. Keinen Funken Schamgefühl im Leib Christi. Daß so was im öffentlich rechtlichen Fernsehen in einem vermeintlich zivilisierten Land wie dem unseren kostenlos Sendezeit zur Verfügung gestellt bekommt, das haut mich echt um. Ihre Majestätärätää hatte zur Unterstützung noch eine Prälaten zur Rechten sitzen, der voller Inbrunst erzählte, wie er zur rechten Zeit Weihwasser mit einer Plastikbürste auf Autos spritzt, auf dass potentielle evangelische Unfallgegner auf direktem Wege in die Hölle fahren mögen. Ich hab' an meinem Verstand gezweifelt, als ich das gesehen hab'. Hin und her haben sie diskutiert, ob uns die evangelische oder die katholische Kirche das ewige Seelenheil garantiert. Dabei hätten sie sich genauso drüber streiten können, ob der Sack vom Sandmännchen jetzt grün oder gelb ist. Wenn derjenige, über den sie sich da vordergründig unterhalten haben, diesen haarsträubenden Unsinn mitgekriegt hätte, er hätte wohl das Studio ausgeräumt wie damals seinerzeit den Tempel. Er hätte sie wohl alle zusammen unter Zuhilfenahme des Kamerastativs die Treppe runter aus dem Funkhaus geprügelt, diese Dummschwätzer vor dem Herrn. Johannes B. Kerner hat dann auch noch gesagt, dass er's gut fände, wenn die Gloria Päpstin werden könnte. Hab ich irgendwie drauf gewartet. Wenn je irgendwas gegen die weibliche Emanzipation gesprochen hat, dann doch wohl die Fürstin selbst. Dann soll die auch noch Päpstin werden. Herr Kerner, ich muss doch sehr bitten! Das wäre das Ende der Menschheit. Da wären Weihnachts- und Osteransprachen und Kriegserklärungen an alle nicht katholischen Länder schneller vorgetragen als Eddie Murphy in Beverly Hills Cop einst das hätte tun können. Geht's noch selbstmörderischer? Aber keiner sagt was, keiner steht auf, keiner muckt rum.

Wie in der Musikbranche. Der Rock'n'Roll hat sich erledigt. Lug und Trug ist unser aller Credo. Nur wer glaubt, wird in diesen Tagen noch selig, meine Schäflein. Was, ist ja wurscht. Und sollte doch einmal einer etwas zu sagen haben, gibt es ja für solche Fälle heutzutage Gästebücher. Damit meine ich natürlich nicht meines. In meinem kann man sich ja wunderbar unterhalten. Zum Beispiel mit Barbara, der Schreinerin, über Akkuschrauber und so. Das ist in Ordnung. Aber wenn man sich so umsieht: Die ganze Inkompetenz, Dummheit, Ignoranz und Feigheit dieses Planeten scheint sich heutzutage in Gästebüchern und Internetforen zu fläzen. Wenn einer in diesen Zeiten noch den Mut hat und auf einer Bühne richtig geile Musik macht, ohne auf Teufel komm' raus was verkaufen zu wollen, kann er am nächsten Tag in seinem Gästebuch nachlesen, dass der Eintritt zu teuer war, dass der Sound total scheiße war, dass der Bassist nix getaugt hat, dass man den Gitarristen nicht gehört hat, dabei hätte man den doch so gern gehört, weil man ja selber Gitarre spielt und alle anderen Instrumente eh nur dazu da sind, um Gitarren zu begleiten, dass der Schlagzeuger ein Timing wie ein achtziger Valium an den Tag legt, dass der Keyboarder eine krumme Nase hat, was man aber gar nicht sehen konnte, weil das Licht so schlecht war und der eine grüne Scheinwerfer genau ins Auge ging und die echte Gibson war gar nicht echt sondern nur ne Kopie und von einem studierten Jazzgitarristen hätte man einen anderen Musikgeschmack erwartet und das Bier war zu warm und dieses Gästebuch ist ja soooooooooowas von gar nicht mehr in weil das alles mittlerweile doch alles gnagnagnagnagnagnagna…
Das sind so Typen, die zu Motörhead pilgern und dort wegen der Lautstärke rumgackern, die zu Deep Purple gehen, weil sie "Smoke On The Water" hören wollen, die im Bierzelt die Blasmusik nicht mögen, die zum Bäcker rennen und sich drüber aufregen, dass er Brötchen verkauft, die dem Metzger die Wurst vorwerfen, dem Angler den Fisch und der Friseuse die abgeschnittenen Locken, die aber niiiiemals dem Papst vorwerfen würden, dass er katholisch ist, weil das sich ja schließlich so gehört.
Also so Arschlöcher halt. Die sind überall in des Schöpfers unermesslichem Tiergarten.
Und wenn alle anderen Arten wegen der Klimaerwärmung aussterben, die Arschlöcher dieser Welt werden das Ende des gesamten Universums überleben. Aber mit a-b-s-o-l-u-t-e-r Sicherheit! Wenn das Universum ein Ende findet, wird es danach ein Arschloch geben, das sich in einem Gästebuch darüber aufregt, dass das jetzt soooo auch nicht hätte sein müssen und dass man das gaaaaanz anders hätte handhaben können. Jede Wette!

Was das jetzt noch mit der Spencer Davis Group DVD von vorhin zu tun hat? Weiß ich auch nicht…
Was soll's. Genug auf hohem Niveau gejammert. Das Bier ist auch leer. Ich geh jetzt ins Bett. Kommen wir zum Ende und halten wir abschließend noch die Talpredigt.

Ich aber sage euch: Zwei Sorten gibt's bei den Religionen und den Künsten, bei den Katholiken und den Musikgläubigen, den Muselmanen und den Kunstmalern dieser Welt:
Die, die zum Beten niederknien und die, die, sofern sie's nicht schon haben, eine Menge Geld damit machen.
Ich gehöre hoffentlich zu keinem von beiden und schicke ein letztes kleines Gebet in dieser kalten Nacht zum Himmel:
"Lieber Gott! Wenn es dich gibt, lass mich bitte nicht so werden!"

Gutes Neues noch und gute Nacht…

PS: Jeff Buckley RIP: http://de.youtube.com/watch?v=AratTMGrHaQ