Ende Juli 2008, halb sechs abends, ziemlich heiß und es geht nicht um Musik

"Ich finde diesen Moment so gänsehautig" hat sie gesagt, die nette Moderatorin vom Privatsender. Gesagt hat sie das, als der Big Brother Container, der jetzt ein ganzes Haus ist, neulich aufgesperrt wurde und die Insassen wieder rausgelassen wurden. Ausgerechnet in dieser Sekunde hab' ich Depp da "reingezappt". Oder bin ich "reingezappt"? Ist "reingezappt" eigentlich ein Wort? Ist ja eigentlich auch schon wurscht, da kommt's heutzutage nicht mehr so drauf an. Auf jeden Fall hatte sie Recht, die nette Moderatorin: Wenn man ganz genau hingeguckt hat, hat man gesehen, dass die Gans eine Haut hat. Ich Depp hab' oder bin da also reingezappt, und seitdem lässt mich dieser Satz nicht mehr los. "Gänsehautig" findet sie das, wenn irgendwelche Torfköpfe sich in einen Container sperren lassen, sich drin ein paar Jahre lang nach Leibeskräften gegenseitig anpöbeln und dann wieder rausgelassen werden, nachdem eine fachkundige Jury darüber entschieden hat, wer der Sieger ist. Also der Sieger im Sich-in-einen-Container-sperren-lassen-und-rümpöbeln. Die Jury sitzt, wenn ich das richtig verstanden habe, daheim vor einem Fernseher, trinkt Bier und frisst Chips und ruft beim Fernsehen an, um dem Privatsender mitzuteilen, wer jetzt gewinnen soll. Das dauert ein paar Wochen. Dann wird die Tür aufgemacht und alle freuen sich und die Moderatorin sagt, dass sie das gänsehautig findet und dann ist der Zinnober vorbei.

An dieser Stelle schreib' ich ja eigentlich immer meine Überschrift hin.
Aber zu einem solchen Hirnriss fällt mir einfach keine ein!
Da bleibt einem die Spucke weg!
Aber echt!

Immerhin hatte dieses Weib aber den Mut, ausnahmsweise die eigene Sprache zu vergewaltigen. Da kann man ja schon fast froh drum sein. So was ist sehr selten geworden in unserem globalisierten Land (Jaaa Land! Nicht Welt. Die Welt war nämlich schon immer globalisiert! Der bleibt doch gar nichts anderes übrig. Mal drüber nachdenken, Mensch!). Eigentlich hätte unsere Fernsehansagerin in dieser Situation sofort zum Anglizismus greifen müssen. Sie findet diesen Moment total gooseskinny oder so was ähnliches. Wenn du nichts zu sagen hast, sag's auf Englisch. So wie die nächste Dame: Jil Sanders, ihres Zeichens erfolgreiche Modeschöpferin und Idol ganzer Heerscharen von jugendlichen Schneiderinnen, durfte jüngst ebenfalls ihr Scherflein zur Fortbildung unserer Kindlein beitragen. Bei der Dame liest sich das so (Die hat das tatsächlich gesagt, gell! Nicht dass hier einer denkt, ich saug' mir das aus den Fingern):
"Mein Leben ist eine giving-story. Ich habe verstanden, dass man contemporary sein muß, dass man future-Denken haben muß. Meine Idee war, die hand-tailored-Geschichte mit neuen Technologien zu verbinden. Und für den Erfolg war mein coordinated concept entscheidend, die Idee, daß man viele Teile einer collection miteinander combinen kann. Aber die audience hat das alles von Anfang an auch supported. Der problembewußte Mensch von heute kann die Sachen, die refined Qualitäten mit spirit eben auch appreciaten. Allerdings geht unser voice auch auf bestimmte Zielgruppen. Wer Ladyisches will, searcht eben nicht bei Jil Sander. Man muß Sinn haben für das effortless, das magic meines Stils."

Noch Fragen? Ich hab's euch doch gesagt. Da bleibt einem die Spucke weg! So was ist legal. Man kann's nicht verbieten. Die dürfen das. Definitiv ein Nachteil der Demokratie. Und unsere Kinder gucken und hören sich das an. Also, wenn's nach mir ginge, würde ich aus dem Container keinen mehr rauslassen. Ich würde die gänsehautige Moderatorin und Jil Sanders mit reinsperren und den Schlüssel einschmelzen. Aber wir haben, dem Himmel sei Dank, für solche Fälle ja eine Familienministerin. Die kümmert sich um das Problem der galoppierend fortschreitenden Verblödung in diesem Staate auf ihre Weise. Gewaltlos, diplomatisch, vernünftig und mit geradezu erschreckender Effektivität, so wie sich das in ihren Kreisen gehört. Das geht so:
Das Familienministerium hat festgestellt, dass eine ausgewogene Ernährung die Intelligenz eines Kindes beeinflussen kann. Also machte man sich daran, die Ernährungsgewohnheiten unserer Kinder zu beleuchten. Das Ergebnis was niederschmetternd: Junk Food bis zum Erbrechen (Dass man ausgerechnet hier auf einen Anglizismus trifft, ist wohl die berühmte Ironie des Schicksals…). Frau von der Leyen hat daraufhin sofort gehandelt und eine Umfrage in Auftrag gegeben, welche zu dem Ergebnis kam, dass Kinder eigentlich nie mit ihren Eltern zusammen was kochen. Für so was muss man eine Umfrage in Auftrag geben. Das hätt' ich euch auch so sagen können, ihr Nusseimer! Der höchste Prozentsatz der befragten Eltern gab als Grund für die nicht erfolgte cuisine enfant Zeitmangel an. Auch das hätte man innerhalb kürzester Zeit und wesentlich billiger bei mir erfahren können. Also ist der Grund für das alltäglich zunehmende Verblöden unserer Kinder bei uns Eltern zu finden. Nicht bei irgendwelchen Schindludermedien und den debilen Hirnamputierten, die dort das Sagen haben. So weit, so gut. Ursula ließ nun in ihrer unendlichen Weisheit die Lösung des von uns selber verursachten Problems verlauten:
Sie hat gesagt, dass man sich Zeit eben nun mal nehmen muss.

Da bin ich aber platt. Dass mir das nicht selber eingefallen ist! Na, da kann doch nichts mehr schiefgehen. Da ist doch mal ein Wort geredet. Wir nehmen uns jetzt Zeit, liebe Eltern. Wir gehen nicht mehr arbeiten. Die Miete zahlt sich ab jetzt selber. Wir rufen ab jetzt jeden Tag gegen 11.00 in der Schule an und lassen den Lehrern dort ausrichten, dass sie unsere Kinder doch bitte nach Hause schicken möchten, weil wir mit ihnen heute eine Nudelsuppe machen wollen. Und schon werden unsere Kinderlein dank unserer gesunden Ernährung wie von Geisterhand gesteuert von selber schlau. So einfach geht das. Wäre doch gelacht, wenn wir das nicht irgendwie deichseln würden. Das G8 hilft uns dabei auf seine ureigene Weise auch: Die von oben diktierte bayrische Mörderschulstresssauerei wird längst schon dadurch kompensiert, dass monatelang der Sportunterricht ausfällt. Dadurch können sich die Kids jetzt mehr bewegen und bleiben schön dünn und leistungsfähig. Was sind wir da froh drum. Außerdem gehört jetzt das Attentat von Sarajewo laut hausgemachter Bayrischer Hau-Ruck-Ministeriumsmentalität ab sofort nicht mehr zum Grundwissen und wurde kurzerhand aus dem Lehrplan gestrichen. Das gleicht mit Sicherheit den Verlust eines ganzen Schuljahres aus und bringt Zeit für das Familienleben. Davon leisten wir uns jetzt mal so richtig schön Urlaub. Da ist man uns jammernden und greinenden Erziehenden sehr entgegengekommen. Sollten unsere Kinder dereinst fragen, wie eigentlich der erste Weltkrieg angefangen hat, dann sagen wir denen nichts von Sarajewo. Wir sagen denen einfach, dass das nur passiert ist, weil damals schon irgendwelche weltfremde Politiker wollten, dass Eltern mit ihren Kindern zusammen was kochen. Schon war Krieg, zack, bumm, peng.
Also alles nicht so wild, man muss nur wollen. Tausend Dank Herrn Siegfried Schneider, und danke auch Frau von der Leyen! Ich liege auf Knien und bin aufgelöst in Freudentränen. Wenn wir euch nicht hätten, hätten wir andere. Aber mit Sicherheit.
Mal ohne Schmarrn: Es lebt nicht jeder so wie ihr zwei Beiden. Glaubt's oder nicht. Es soll in diesem Land sogar Leute geben, die haben nicht mal nen eigenen swimming pool im Garten! Ehrlich! Das stimmt!
Jetzt muss ich aber aufhören. Es ist halb sechs abends. Meine Kinder kommen gleich von der Schule. Die gehen dann noch ne Stunde joggen, bevor sie mit den Hausaufgaben anfangen und wir dann nachts um elf zusammen ein feuriges Gulasch machen.

Was Erfreuliches hab ich aber noch zum Schluss. Das ist sozusagen der Silberstreif am Horizont in Form einer Pressemeldung:

Berlin - Dieter Bohlen erhält in diesem Jahr den "nassen Schwamm" der Pädagogenorganisation Verband Bildung und Erziehung (VBE). Die Lehrer "würdigten" damit Bohlen als "gesellschaftlichen Dauer-Tiefschläger des Jahres 2007", sagte VBE-Chef Ludwig Eckinger am Sonntag. Vor einem Millionenpublikum habe der 54-jährige "die Lust an Erniedrigung kultiviert, mediale Brutalität zelebriert und die Grundregeln demokratischen Zusammenlebens missachtet", begründet Eckinger die Verleihung des Negativ Preises, den die zweitgrößte deutsche Lehrerorganisation heute zum vierten Mal vergibt.

Gänsehautig, oder? Endlich kriegt der mal eine auf die Fresse! Ich hab' so lange drauf gewartet!
Bis demnächst und wie Hagen Rether's Schlusswort sagt:

Seien Sie gut zu ihren Kindern…

Stefffff

PS: Ich habe meinen vierzehnjährigen Sohn gerade gefragt, ob er sich denn vorstellen könnte, in aller Ruhe mit mir zusammen am Sonntag einen leckeren Sauerbraten zu kredenzen.
Was haben wir zwei gelacht…