Mittwoch, Viertel nach Zwölf nachts. Das genaue Datum kann ich
jetzt nicht sehen, weil der Minutenzeiger von der Armbanduhr drauf
liegt. Es ist aber auf jeden Fall Juni.
Glaub' ich…
Guten Abend, Leute. Lange nichts gehört von euch. Und ihr von
mir auch nicht. Letzteres hat aber auch seinen Grund: In
musikalischer Hinsicht ist nämlich zur Zeit absolut nichts los.
Nix. Absolut Null. Gaaaaaaar nichts.
Bis auf dieses unsäglich dämlich Stadiongegröle von dem Pocher
natürlich. Da haben sich neulich zwei besonders helle öffentlich
rechtliche Moderatoren darüber unterhalten. Live im Radio. Über
den Geniestreich vom Pocher. Selbiger sei ihm bei einer Fahrt durch
die Österreichischen Alpen eingefallen. Von der Landschaft
inspiriert habe sich der Pocher hingesetzt und den Text von Baschi
"Bring en hein" ins Hochdeutsche übersetzt.
Jetzt aber mal ohne Schmarrn, ihr lieben Radiomoderatoren: Das
glaubt ihr doch nicht im Ernst, oder? Mannomann, wie blöd kann der
Mensch eigentlich sein? Naja. Lange hat der kleine Ausflug in die
deutschen Kulturgefilde nicht gedauert. Sie haben dann nämlich
gleich, dem Himmel sei Dank, "Bayerns bestes Wetter"
vorlesen müssen. Die meinen damit immer den aktuellen
Wetterbericht. Die sind ernsthaft davon überzeugt, dass sie das
Wetter am besten von allen bayrischen Radiomoderatoren vorlesen
können. Sollen sie's glauben. Das Wochenhoroskop muss man sich auf
dem Sender ja auch anhören. Eigentlich kommt's dann auf das
bisschen Pocher auch nicht mehr an. Soweit hat's kommen müssen mit
den öffentlich Rechtlichen…
Aber zurück zum Anfang:
Es ist, als wäre das Interesse an Rock'n'Roll und Bands plötzlich
ausgestorben. Weggebrochen. Hat einfach aufgehört. Aber
wahrscheinlich war das ja eh alles nur Einbildung, was da die
letzten fünfzig Jahre stattgefunden hat.
Die Revolution. Das andere Leben. Der Rock'n'Roll. Die langen Haare.
Das Sich-einfach- nichts-mehr-gefallen-lassen-von-denen-da-oben.
Könnte man auf jeden Fall im Moment meinen. Liegt wahrscheinlich
tatsächlich an der Fußball-EM. Und an der dazugehörenden
"Musik". Es hat sich aber lange schon angebahnt und in den
letzten Jahren aus meiner Spätachtundsechzigersicht alles gedreht,
es geht alles total in die andere Richtung. Die Haare sind kürzer
und weniger geworden, und es ist jetzt vielmehr ein
Sich-nichts-mehr-gefallen-lassen-von-denen-da-unten.
Ich erklär' euch jetzt mal, was ich damit meine, wir unterhalten
uns da jetzt mal drüber. Das sieht wie immer so aus, dass ich
seitenlang monologisiere und langweile und dass ihr den Krempel
einfach lesen müsst, ohne die Chance, irgendwas dazu sagen zu
können. Wunderbar. Das nenn' ich konstruktives Miteinander. Und
nehmt diese Zeilen bitte nicht so ernst. Es ist doch nur ein Spiel!
Nicht dass ich mich später wieder für was entschuldigen muss.
Außerdem find ich Fußball echt total geil. Damit da keine
Missverständnisse entstehen. Also los. Anpfiff! Das Motto ist auch
klar:
Heiliger Sankt Florian! Verschon mein Haus. Zünd and're an…
Letzte Nacht war wieder so eine Nacht. Schlag zweiundzwanzig Uhr
dreißig schickte sich das abgrundtief Böse wieder an, nach Abpfiff
elfmetertrunken aus den Kneipen und Wirtshäusern zu torkeln.
Diesmal nicht in Gestalt des oberfränkischen Faschings, sondern als
Fußballfan verkleidet, umgeben von der eigenen bierseligen Fahne
und in eine ebensolche rotschwarzgoldene gehüllt. Und gleich ab zum
GTI. Reingesetzt und losgelegt! Aber halt! HOPPLA! Was ist denn
jetzt los? Das Bauernbummbummbassgewummere des zeitgenössischen,
aber abgrundtief schlechten deutschen Musikgeschmacks in den
Strassen hat im Moment Pause! Die Anlage bleibt aus! Da schau an.
Aber keine Bange. Es wird nicht besser. Im Gegenteil: Die Hupe ist
angesagt! Wer immer bei der EM auch gewinnt oder verliert, spielt
keine Rolle. Hauptsache laut wird's.
Das soll mir echt mal einer erklären: Oooh, Benzinpreis jammer,
jammer, grein, grein. Aber sich dann um Mitternacht ins Auto setzen,
den Stadtverkehr lahmlegen, im selbstgemachten Stau stehen und mit
der Flosse auf der Hupe fröhlich stehenderweis' zehn Liter
verbrennen. So ein Schwachsinn! Wenn's nach mir ginge, ich würde
sie alle zusammentreiben, einfangen, jedem eine Fahrradhupe in die
Hand drücken und sie in leerstehende Postwendefabrikgebäude
einsperren. Da drin dürften sie sich dann zwei Nächte lang
gegenseitig vollhupen und dann werden sie wieder rausgelassen.
Tagsüber sind sie ja für die Dauer der WM schon untergebracht.
Da haben sie sich was Schönes einfallen lassen: Nämlich das
schwarz-rot-gold'ne Fähnlein sichtbar gehisst mit 160 Sachen
trötend und hupend über die bundesdeutschen Autobahnen wehen zu
lassen. Weil das so schön Benzin verbraucht. Leider nur 'nen halben
Liter mehr auf Hundert. Das macht aber bei circa fünfzig Millionen
Autos in der BRD immerhin eine zusätzliche Schadstoffemission von
blablabla…
Die meisten Fahnen verkaufen übrigens (naheliegend und irgendwie
eh klar…) die bundesdeutschen Tankstellen.
Ich finde das zum Schreien komisch! Und wenn der Liter 'nen Fünfer
kostet, die Fahne muss mit.
Die ARD war's glaub' ich, die letzte Woche wertvolle Tipps für
Fähnleinfahrer hatte. Einer davon war, die gekaufte Fahne in der
Plastikhülle zu belassen, weil sie weniger Sprit braucht, wenn sie
zusammengerollt ist. Ihr wisst schon, wegen dem Luftwiderstand und
so. Noch aerodynamischer wird's, wenn man die Fahne unausgepackt
gleich im Kofferraum liegen lässt. Da ist sie dann doppelt
verwahrt, kann gar keinen Schaden mehr anrichten und man kann sie
beim nächsten Fußballturnier noch mal verwenden. Der beste aller
Tipps war dann aber der, die Fahne nur an roten Ampeln aus dem
Fenster zu halten und beim Losfahren wieder rein zu tun. Das ist
innovativ! Da hat man doch alle Fliegen mit einer Klappe, oder
nicht?
Sei's wie's mag, wollen wir mal nicht so sein.
Klimakillerdiskussion gibt's nach der EM wieder. Das muss jetzt mal
aussetzen. Kollektive Freude und Rücksichtslosigkeit schlafenden
bzw. aufgeweckten Kindern gegenüber gehen vor. Der Planet lässt
sich doch in dieser euphorischen Fußballstimmung viel leichter zu
Schanden reiten als in dieser ewigen Miesmacherlaune. Außerdem ist
das auch nicht viel blöder als mit einer Riesenlogistik Konzerte
für den Erhalt unseres Klimas zu veranstalten. Nicht nur in Amerika
oder hier bei uns in der alten Welt, auf allen Kontinenten wurden
unter freiem Himmel im letzten Jahr die Aggregate angeschmissen.
Millionen Konzertbesucher fuhren mit dem Auto zu ihrem "Live
Earth Event" zum Superstars gucken. Teilweise hunderte von
Kilometern. Weil sie was für's Klima tun wollten. Die Stars sind
zum größten Teil zu ihren Klimaauftritten mit den hauseigenen
Privatmaschinen geflogen. Das soll auch erst mal einer begreifen.
Die haben doch alle zusammen den Arsch offen. Aber echt.
Aber wegen der Fußballsache jetzt noch mal. Da hätte ich als
passionierter Schachspieler jetzt folgenden Plan: Bei der nächsten
Schach WM werde ich eine große Leinwand kaufen, eine PA dazu
mieten, beides hier mitten im Ort aufstellen und mit 10.000 Watt den
Schachkommentar bis nachts um halbeins live übertragen. Ich freue
mich jetzt schon auf Herrn Doktor Pfleger, wie er oberfränkelnd mit
donnernder Stimme und rauschendem weißen Bart die schwarze Rochade
kommentiert. Jedes mal, wenn der Springer bewegt wird, werde ich
Böllerschüsse aus der hauseigenen Schachkanone abfeuern. Dazu
saufe ich vor der Leinwand auf meinem Klappstuhl mitfiebernd zwölf
Liter Bier und gröle mit dem Pocher und meinem alten Freund und
Kupferstecher Bernie Zylka "Bringt ihn heim". Oder "Oleee,
ole, ole, ole, wir sind die Champions, ole!" oder sowas. Wenn
dann ein deutscher Schachspieler eine Partie gewinnt, setz' ich mich
in meinen Kombi, bilde mit Bernie zusammen hupend und lärmend zu
zweit einen kilometerlangen Autocorso und wecke die ganze Stadt auf.
Sollte in der Stadt, wie in meinem Fall bei der Fußballsache,
jemand mit schulpflichtigen Kindern wohnen, hat er Pech gehabt. Die
weck' ich nämlich auf. So wie das hier mit meinen Kids zur Zeit
jede Nacht passiert. Mir ist das dann auch scheißegal, wenn die
Gören von den Fußballhooligans nicht schlafen können. Und wenn
hier nachts um halbeins der Klopp noch aus der biergarteneigenen
Großbildleinwand quer durch die Ortschaft schreit, dann darf ich
das auch. Das mein' ich mit
Sich-nichts-mehr-gefallen-lassen-von-denen-da-unten.
So oder so ähnlich werd' ich das machen. Da bin ich dann aber
mal gespannt, wie lange das dauert, bis man mich in
Sicherheitsverwahrung nimmt. Keine zwanzig Minuten, nehme ich mal
an. Und dann habe ich endlich Ruhe. Zum ersten Mal in meinem Leben.
Ich werde mein Dasein hinter dicken, schallisolierten Mauern
fristen, ein gutes Buch lesen, ab und an einen Schluck Wasser
trinken, mein armes, geknechtetes Schlagzeugerköpfchen des Abends
zeitig zur Ruhe betten und den Herrgott einen guten Mann sein
lassen. Ich kann sie gar nicht abwarten, die Schach WM.
Aber abgesehen davon: Wie der Ballack den Ösis aus fünfundzwanzig
Metern den Freistoss reingezimmert hat, das vergess' ich mein Leben
lang nicht!
Wer ein bisschen lesen und stöbern möchte: Mein Freund Thomas
"THONZEL" Wenzel, seines Zeichens Grafiker, Designer,
Gitarrist der "Second Try Blues Band" und außerdem
begnadeter Schreiberling, hat sich eine Website gebastelt. Im
Gegensatz zu handelsüblichen Websites aus deutschen Landen hat die
von Thomas etwas zu bieten, was andere nicht haben: Einen Inhalt!
Guckt's euch an. Viel Spaß beim Schmökern unter www.zyklop-media.com.
Und noch ein paar Neuigkeiten für die Jäger und Sammler unter
euch: Es sieht so aus, als täten wir tatsächlich wieder mal 'ne
Tour machen mit Spencer Davis Group. Aber erst im Oktober. Aktuelle
Infos bitten wir der Tageszeitung oder dieser Website zu entnehmen.
Hinter den Kulissen ging's bei SDG ziemlich turbulent zu im letzten
halben Jahr. Miller ist ausgestiegen, um wieder einzusteigen, Colin
war ein paar Monate bei Chris Rea, Spencer ist mit seiner
amerikanischen Combo in Oz, und Eddie hat mit Ray Fenwick, Gary
Twigg und meiner Wenigkeit einen Gig in Hamburg gespielt und sich
danach wieder auf seinen Landsitz in Frankreich zurückgezogen. (AN
DIESER STELLE VIELEN HERZLICHEN DANK AN UWE MAMINGA UND ALLE ANDEREN
VOM DOWNTOWN BLUESCLUB IN HAMBURG! WENN'S EUCH NICHT GÄBE, MAN
MÜSSTE EUCH ERFINDEN!!)
Alles in allem jedenfalls sind die Mitglieder der Spencer Davis
Group recht gut untergebracht und haben jede Menge Gigs. Bis auf
einen. Der sitzt einsam und verlassen hier und muss sich anderer
Leute Autohupen anhören. Ich glaub', ich hau ab. Nächstes mal
schreib' ich euch aus meiner Blockhütte in Alaska… |