| Deine Welt ist langsamer geworden. Es steht ein ruhiger Herbst ins
Haus. Du hast Zeit. Keine Gigs, kein Stress, keine Hektik. Du ziehst
deine Regenjacke an, machst einen deiner laaaaangen Spaziergänge
durch die endlos öden Weiten deiner oberfränkischen Heimat
Oberfranken, lässt dir den Wind um die Nase wehen und siehst den
Regentropfen zu. Du musst nicht mal fröhlich sein. Nicht mal das
verlangt heute einer. Der Tag gehört dir. Du bist ruhig,
ausgeglichen, hast deinen Mp3 umhängen und hörst dir lächelnd die
neue Platte von WOLFGANG HAFFNER an. "ZOOMING" heißt sie.
Du weißt, dass der Haffner mehr kann, als er hier hören lässt.
Sogar viel mehr. Aber er hat keine Lust auf "Mehr Zeigen"
und "Mehr Können". Er hat eben nun mal keinen Bock dazu,
wie der Rest der Schlagzeugerwelt schneller, höher und weiter
spielen zu wollen als jeder andere. Wolfgang hat Zeit, alle Zeit
dieser Welt auf seiner neuen Scheibe. So wie du in diesem Herbst. Du
denkst daran, wie du neben ihm gestanden hast auf einem seiner
Workshops, und wie er das Thema "Vor und hinter dem Beat
spielen" mit einem Wort abgehakt hat. Dieses kleine,
wohltuende, von dir so lange ersehnte Wort zu diesem Thema hieß
"Blödsinn". Es war sehr beruhigend, zu erfahren, dass du
nicht der einzige bist, der so über dieses Thema denkt. Wenn du
auch bei weitem nicht so gut bist wie Wolfgang, seitdem ist er
jedenfalls dein Freund. Abgesehen davon passt keine Platte dieser
Welt im Moment mehr zu deiner Stimmung als ZOOMING. Du läufst am
Ufer der Regnitz entlang, lässt dich langsam zutreiben auf die
alten Gemäuer von Bamberg, der schönsten Stadt der Welt, und
denkst nach über all die Unwahrscheinlichkeiten, die dir in den
letzten Jahren so passiert sind. Diese Erfahrungen kann dir kein
Mensch mehr nehmen. Höchstens vielleicht in England. Da sollen
jetzt neuerdings sogar Erfahrungen schon geklaut werden. Aber da
wohnst du ja nicht. Das ist ebenfalls sehr beruhigend. Alles in
Allem sehr, sehr entspannend heute...
Und dann hängt da auf einmal dieses Plakat. Es sticht heraus aus
dem Grün der Bäume und hebt sich ab vom hellgrauen
Kopfsteinpflaster des Gehsteigs. Das Plakat, das dir deinen ruhigen
Regentag versauen soll. Ganz schön naiv, mein Freund! Hast du
wirklich gedacht, sie würden dich heute in Ruhe lassen? Du weißt
doch, dass sie überall sind! Wie oft denn noch!
Du siehst dir das Plakat noch einmal an, nur um sicher zu gehen,
dass du dich auch nicht verguckt hast. Nein. Hast du nicht. Auf dem
vergilbten Ding ist tatsächlich ein großes SECHSECK zu sehen.
Darunter steht der Name des Schuppens, für den das Plakat werben
soll: OCTAGON. Und schon geht's los! Dein Blutdruck steigt! Du
greifst unwillkürlich, aber vergeblich zu den Zigaretten in deiner
Brusttasche. Du rauchst nämlich seit drei Wochen nicht mehr und
hast deswegen eben nun mal keine einstecken. In deinem Kopf bildet
sich der erste Satz für den heutigen Eintrag im Jammer- und Klage-
Tagebuch. Es könnte ungefähr so losgehen: "Für diejenigen
unter euch, die, wie der Verfasser dieser Zeilen, keinen
Hauptschulabschluss haben: Ein Octagon ist gemeinhin ein Achteck.
Ein Achteck hat zwei Ecken mehr als ein Sechseck. Geht das in eure
Disko-Bäng-Bäng-Bumm-Ts-Bumm-Ts-Schädel rein oder nicht?"
Jaaaaa. So oder so ähnlich könnte es aussehen. Du läufst weiter,
denkst über weitere Sätze nach. Und während du noch überlegst,
fällt dir das nächste Plakat auf. Auf dem werden jetzt zwei DJ's
angekündigt. Darüber steht in großen, deutlich lesbaren Lettern
"BACK TO THE 90TH". Mit Tiii Äitsch am Ende. Und zack,
messerscharf und blitzschnell geschaltet: Das muss doch NINETIES
heißen! Oder nicht? Es sei denn, es handelt sich um eine
Wortspielerei: Back to the nine teeth! Zurück zu den neun Zähnen.
Das könnte sein. Vielleicht hat der DJ nur noch neun Zähne. Naja.
Bisschen weit her geholt. Aber egal. "90th" heißt auf
jeden Fall der oder die oder das Neunzigste. Also "zurück zum
Neunzigsten". Genau das wird tröstenderweise aber nicht
passieren. Die Veranstalter von BACK TO THE 90TH werden keine
neunzig Jahre alt werden. Deswegen werden sie auch nicht auf ihren
Neunzigsten zurückblicken können. Weil sie nämlich vorher von den
Schweinen tot gebissen werden, wenn sie am Montagmorgen über'n Hof
laufen. Dein Hirn hämmert los: "Sagt mal, seit ihr jetzt
komplett bescheuert? Habt ihr nicht einen Berufschullehrer, den ihr
bei so was vorher mal fragen könnt? Müsst ihr die ganze Stadt mit
Analphabetentum und Pseudo-Anglizismen zupflastern? Kriegt ihr
eigentlich nie genug? Oder liegt es einfach nur an mir und daran,
dass meine negative vibrations den timetable für den turntable am
dancefloor beim indoor event ganz einfach nicht apprechiaten können
?"
Ja. So könnte es gehen. Du bewegst dich laaaangsam auf einen
Inhalt zu. Du verwandelst dich in den einsamen Rächer. Du willst
der Welt deine fünfundzwanzig Jahre Tanzmucke heimzahlen. Stimmt's?
Jaaaaaa. Es ist wahr! Dein Kopf fängt an zu rasen. Das Plakat vom
letzten Januar zum Beispiel. Das mit dem Pornofasching. Das muss
unbedingt mit rein. Zu jedem Mist schreiben sie Leserbriefe, die
Oberfranken, in denen sie sich darüber beschweren, dass ihrem
Nachbarn gestern Nachmittag die Schaufel im Garten umgefallen ist.
Wenn die ganze Gegend mit so einem Dreck wie
"Pornofasching" zugepflastert wird, ist ihnen das keine
Zeile wert. Tausende von kleinen Kindern haben ihre Eltern gefragt,
was ein Pornofasching ist. Das war nicht lustig. "Papa, wo
warst du denn gestern nacht?" "Ach weißt du, Kind, ich
war mit meiner Pappnase beim Pornofasching…" Da musst du noch
überlegen, wie du das mit unterbringst. Du bremst deinen etwas
heftiger gewordenen Gang und überlegst, ob du nicht gleich umdrehen
und nach Hause rennen sollst zu deiner Schreibmaschine, um gleich
und auf der Stelle schriftlich mit ihnen abzurechnen. Vorher dreht
dein Hirn aber noch ein paar Kapriolen:
Inhalte in der Kunst! Inhalte in der Musik! Darüber sollte man
mal schreiben! Inhalte!!! So was gab's früher mal, glaubst du zu
wissen. Wenn man in der Schule gut war oder so. Da durfte man als
Künstler dann auch mal den ein- oder anderen Inhalt vermitteln.
Damit isses aber vorbei. Heutzutage muss man nicht mal mehr den
Namen von irgendwem oder irgendwas richtig schreiben. Die Zukunft in
der Unterhaltungsbranche gehört sechseckigen Octagons, dem Comeback
der Ninetieth und dem Pornofasching! Und es kann einem als
Veranstalter scheißegal sein, was auf irgendwelchen Plakaten steht.
Hauptsache, es hängt überall, verkauft sich und stimmt nicht.
Außerdem hat so eine Leck-mich-am-Arsch-Mentalität noch den
Vorteil, dass sie einem die Kritik vom Halse hält. Ein Kritiker
nämlich beschäftigt sich ausschließlich mit höherem Niveau. Mit
anderen Worten: Kritiker pissen nur denjenigen ans Bein, die in
kultureller Hinsicht in irgendeiner Weise interessant sein könnten,
weil ein Kritiker nämlich nur mit so was seinen Arsch in die
Süddeutsche reinkriegt: Mit Kulturschaffenden, auf denen er mit
großen schwarzen Gummisohlen ungestraft und frei jeder Kritik an
seiner Kritik herumtrampeln darf. Da ist er dann nämlich wer, der
Kritiker. Neulich hat sich zum Beispiel im Kulturteil von B5 einer
von den Korinthenkackern über die neue Mark Knopfler Scheibe
ausgelassen. Die hat ihm nicht gefallen, weil Mark Knopfler da keine
Soli drauf gespielt hat. Nur Lieder seien da drauf, hat der Kritiker
gesagt. Wo kommen wir denn da hin, wenn ein Künstler einfach macht,
was er will und kein Solo spielt! Das entspricht doch nicht der
Erwartungshaltung vom Kritiker, wenn der sich da einfach was anderes
einfallen lässt. Das sollte man gesetzlich verbieten, so was. Das
hat doch mit Musik gar nichts mehr zu tun, wenn es dem Kritiker
nicht gefällt. Auf's Konzert hat er sich aber schon gefreut, der
Kritiker, weil er sicher war, dass Mark Knopfler da seine Dire
Straits Soli wieder spielt. Die neue Platte taugt allenfalls für
die erste dreiviertel Stunde vom Konzert. Zum Aufwärmen, hat der
Kritiker gesagt. Danach will er aber gefälligst seinen eigenen Mark
Knopfler haben, der Kritiker. Texte? Oh ja, klar. Texte sollen die
Lieder auf der neuen Platte auch haben. Aber die hat er sich nicht
angehört, der Kritiker. Wer hört sich denn einen Text an? Das
hätte ja schon wieder was mit Inhalten zu tun. Dafür hat er aber
keine Zeit, der Kritiker. Für Inhalte. Der Künstler hat
gefälligst zu funktionieren! Und zwar genauso, wie sich B5 das
vorstellt. Das ist viel wichtiger! Weil er sich da nicht mit was
Neuem beschäftigen muss, der Kritiker. Der kann sich schließlich
nicht die Zeit nehmen und einen Englischen Text übersetzen.
Außerdem wüsste er ja dann, worum's überhaupt geht! Wo kämen wir
denn hin, wenn ein Kritiker wüsste, worüber und wovon er schreibt?
Da ist doch nichts verdient! Da muss man ihm doch helfen! Oder soll
der vielleicht eine Kritik über jemanden schreiben, der Platten
auflegt und für 99 Cent Flatratekomasaufzuckergesöff verkauft und
dem das völlig wurscht ist, ob er das mit oder ohne Solo macht?
Mit anderen Worten: Wenn du eine Platte machst, kreativ bist, es
wirklich versuchst, dein Herz und deine Seele reinsteckst, dein
Gesicht zeigst, dann hast du die Schreiberlinge am Arsch. Die
selbsternannten Wächter über die Kultur des Abendlandes. Die
gestern Abend um halb zehn die Musik erfunden haben. Die sich
auskennen und sehr viel besser wissen als du, was du mit deiner
Musik eigentlich sagen willst. Wenn du älter als Zwanzig bist,
schreiben sie immer dazu, dass es mit der Musik so ist wie mit
Rotwein. Je älter, desto besser, weil gereifter. Da greifen sie
gerne auf die Klischees zurück, die sie bei dir bekritteln.
Sei nicht so blöde, mein Freund! Hör' auf zu denken. Hör' auf mit
dem Theater. Miete stattdessen irgendwo eine Scheune, lass' dort
jemanden Platten auflegen, druck ein Plakat mit der Aufschrift
PORNOFASCHING, und mach' ein paar Mäuse. Die Welt will ideell
betrogen werden. Keine Angst! Je niveauloser du das anstellst, desto
mehr werden sie dich von offizieller Seite aus in Ruhe lassen, desto
weniger Kritik hast du zu befürchten und desto mehr wirst du
verdienen. Gedruckt muss das ungefähr so aussehen:
INDOOREVENT
Pornofasching im sechseckigen Octagon!
Back to the 90th
Jedes Getränk nur 99 Cent.
Bei der Happy Hour sucht Germany den Superstar und das nächste Top
Model!
Ab 19°° Flatratekomasaufwettbewerb!
Garantiert keinerlei Anforderungen ans Hirn! |