Montag, erster März 2008, high noon!

Servus.
NEIN!! HIER STEHT NICHTS ÜBER SPENCER DAVIS GROUP!!
Hätten wir das also auch besprochen. Kommen wir zum Eigentlichen:

Vorsicht! Das ist total langweilig diesmal. Also entweder gleich woanders hin klicken oder damit leben müssen. Ich wollt's nur gesagt haben. Nicht dass es hinterher heißt "Ooh, das war aber langweilig diesmal. Kann der das nicht vorher sagen?" Jetzt weiß jeder Bescheid. Also Ruhe im Karton jetzt, ich muss mich konzentrieren. Wo war ich? Ach ja:
Wenn das so weitergeht mit dem Gemotze hier, fang ich mir irgendwann mal eine ein. Ich sehe den Tag bzw. die Nacht kommen, wo einer der Beklagten und Bejammerten auf meinem Nachhauseweg nach dem nächtlichen Wirtschaftsstudium plötzlich aus den Tiefen der Sandstrasse auftaucht und mir mit einem dicken Kantholz eine auf die Rübe zimmert. Es geht aber nicht anders, ich muss schon wieder lauthals lästern. Das ist glaub' ich zwanghaft geworden. Eine Art Maulaufreißneurose. Ich hab' auch schon ernsthaft drüber nachgedacht, ins Kabarett zu wechseln. Da wird man für so was bezahlt Also für's Lästern, nicht für's Rübe vollgehauen kriegen. Man muss nur ein wenig in die eigene Umgebung gucken, schon steht die erste halbe Stunde des Programms. Es springt einem förmlich in die rot umrandeten Augen. Das wär's! Mein Lebenszweck, meine Erfüllung! In typisch deutscher Spießermanier für den Rest meines Lebens in Form eines Tagebuchs auf hohem Niveau schriftlich jammern und Geld dafür kriegen!
Mein Freund Uwe Gaasch hat Recht. Er hat gesagt: "Steff", hat er gesagt, der Uwe, "Du trägst einen tiefen proletarischen Zorn in dir!"
Jetzt noch einen RTL 2 Programmtitel und dann hau ich mal so richtig rein!

Von Postern, Plagen und Plakaten

Deine Welt ist langsamer geworden. Es steht ein ruhiger Herbst ins Haus. Du hast Zeit. Keine Gigs, kein Stress, keine Hektik. Du ziehst deine Regenjacke an, machst einen deiner laaaaangen Spaziergänge durch die endlos öden Weiten deiner oberfränkischen Heimat Oberfranken, lässt dir den Wind um die Nase wehen und siehst den Regentropfen zu. Du musst nicht mal fröhlich sein. Nicht mal das verlangt heute einer. Der Tag gehört dir. Du bist ruhig, ausgeglichen, hast deinen Mp3 umhängen und hörst dir lächelnd die neue Platte von WOLFGANG HAFFNER an. "ZOOMING" heißt sie. Du weißt, dass der Haffner mehr kann, als er hier hören lässt. Sogar viel mehr. Aber er hat keine Lust auf "Mehr Zeigen" und "Mehr Können". Er hat eben nun mal keinen Bock dazu, wie der Rest der Schlagzeugerwelt schneller, höher und weiter spielen zu wollen als jeder andere. Wolfgang hat Zeit, alle Zeit dieser Welt auf seiner neuen Scheibe. So wie du in diesem Herbst. Du denkst daran, wie du neben ihm gestanden hast auf einem seiner Workshops, und wie er das Thema "Vor und hinter dem Beat spielen" mit einem Wort abgehakt hat. Dieses kleine, wohltuende, von dir so lange ersehnte Wort zu diesem Thema hieß "Blödsinn". Es war sehr beruhigend, zu erfahren, dass du nicht der einzige bist, der so über dieses Thema denkt. Wenn du auch bei weitem nicht so gut bist wie Wolfgang, seitdem ist er jedenfalls dein Freund. Abgesehen davon passt keine Platte dieser Welt im Moment mehr zu deiner Stimmung als ZOOMING. Du läufst am Ufer der Regnitz entlang, lässt dich langsam zutreiben auf die alten Gemäuer von Bamberg, der schönsten Stadt der Welt, und denkst nach über all die Unwahrscheinlichkeiten, die dir in den letzten Jahren so passiert sind. Diese Erfahrungen kann dir kein Mensch mehr nehmen. Höchstens vielleicht in England. Da sollen jetzt neuerdings sogar Erfahrungen schon geklaut werden. Aber da wohnst du ja nicht. Das ist ebenfalls sehr beruhigend. Alles in Allem sehr, sehr entspannend heute...

Und dann hängt da auf einmal dieses Plakat. Es sticht heraus aus dem Grün der Bäume und hebt sich ab vom hellgrauen Kopfsteinpflaster des Gehsteigs. Das Plakat, das dir deinen ruhigen Regentag versauen soll. Ganz schön naiv, mein Freund! Hast du wirklich gedacht, sie würden dich heute in Ruhe lassen? Du weißt doch, dass sie überall sind! Wie oft denn noch!
Du siehst dir das Plakat noch einmal an, nur um sicher zu gehen, dass du dich auch nicht verguckt hast. Nein. Hast du nicht. Auf dem vergilbten Ding ist tatsächlich ein großes SECHSECK zu sehen. Darunter steht der Name des Schuppens, für den das Plakat werben soll: OCTAGON. Und schon geht's los! Dein Blutdruck steigt! Du greifst unwillkürlich, aber vergeblich zu den Zigaretten in deiner Brusttasche. Du rauchst nämlich seit drei Wochen nicht mehr und hast deswegen eben nun mal keine einstecken. In deinem Kopf bildet sich der erste Satz für den heutigen Eintrag im Jammer- und Klage- Tagebuch. Es könnte ungefähr so losgehen: "Für diejenigen unter euch, die, wie der Verfasser dieser Zeilen, keinen Hauptschulabschluss haben: Ein Octagon ist gemeinhin ein Achteck. Ein Achteck hat zwei Ecken mehr als ein Sechseck. Geht das in eure Disko-Bäng-Bäng-Bumm-Ts-Bumm-Ts-Schädel rein oder nicht?" Jaaaaa. So oder so ähnlich könnte es aussehen. Du läufst weiter, denkst über weitere Sätze nach. Und während du noch überlegst, fällt dir das nächste Plakat auf. Auf dem werden jetzt zwei DJ's angekündigt. Darüber steht in großen, deutlich lesbaren Lettern "BACK TO THE 90TH". Mit Tiii Äitsch am Ende. Und zack, messerscharf und blitzschnell geschaltet: Das muss doch NINETIES heißen! Oder nicht? Es sei denn, es handelt sich um eine Wortspielerei: Back to the nine teeth! Zurück zu den neun Zähnen. Das könnte sein. Vielleicht hat der DJ nur noch neun Zähne. Naja. Bisschen weit her geholt. Aber egal. "90th" heißt auf jeden Fall der oder die oder das Neunzigste. Also "zurück zum Neunzigsten". Genau das wird tröstenderweise aber nicht passieren. Die Veranstalter von BACK TO THE 90TH werden keine neunzig Jahre alt werden. Deswegen werden sie auch nicht auf ihren Neunzigsten zurückblicken können. Weil sie nämlich vorher von den Schweinen tot gebissen werden, wenn sie am Montagmorgen über'n Hof laufen. Dein Hirn hämmert los: "Sagt mal, seit ihr jetzt komplett bescheuert? Habt ihr nicht einen Berufschullehrer, den ihr bei so was vorher mal fragen könnt? Müsst ihr die ganze Stadt mit Analphabetentum und Pseudo-Anglizismen zupflastern? Kriegt ihr eigentlich nie genug? Oder liegt es einfach nur an mir und daran, dass meine negative vibrations den timetable für den turntable am dancefloor beim indoor event ganz einfach nicht apprechiaten können ?"

Ja. So könnte es gehen. Du bewegst dich laaaangsam auf einen Inhalt zu. Du verwandelst dich in den einsamen Rächer. Du willst der Welt deine fünfundzwanzig Jahre Tanzmucke heimzahlen. Stimmt's? Jaaaaaa. Es ist wahr! Dein Kopf fängt an zu rasen. Das Plakat vom letzten Januar zum Beispiel. Das mit dem Pornofasching. Das muss unbedingt mit rein. Zu jedem Mist schreiben sie Leserbriefe, die Oberfranken, in denen sie sich darüber beschweren, dass ihrem Nachbarn gestern Nachmittag die Schaufel im Garten umgefallen ist. Wenn die ganze Gegend mit so einem Dreck wie "Pornofasching" zugepflastert wird, ist ihnen das keine Zeile wert. Tausende von kleinen Kindern haben ihre Eltern gefragt, was ein Pornofasching ist. Das war nicht lustig. "Papa, wo warst du denn gestern nacht?" "Ach weißt du, Kind, ich war mit meiner Pappnase beim Pornofasching…" Da musst du noch überlegen, wie du das mit unterbringst. Du bremst deinen etwas heftiger gewordenen Gang und überlegst, ob du nicht gleich umdrehen und nach Hause rennen sollst zu deiner Schreibmaschine, um gleich und auf der Stelle schriftlich mit ihnen abzurechnen. Vorher dreht dein Hirn aber noch ein paar Kapriolen:

Inhalte in der Kunst! Inhalte in der Musik! Darüber sollte man mal schreiben! Inhalte!!! So was gab's früher mal, glaubst du zu wissen. Wenn man in der Schule gut war oder so. Da durfte man als Künstler dann auch mal den ein- oder anderen Inhalt vermitteln. Damit isses aber vorbei. Heutzutage muss man nicht mal mehr den Namen von irgendwem oder irgendwas richtig schreiben. Die Zukunft in der Unterhaltungsbranche gehört sechseckigen Octagons, dem Comeback der Ninetieth und dem Pornofasching! Und es kann einem als Veranstalter scheißegal sein, was auf irgendwelchen Plakaten steht. Hauptsache, es hängt überall, verkauft sich und stimmt nicht. Außerdem hat so eine Leck-mich-am-Arsch-Mentalität noch den Vorteil, dass sie einem die Kritik vom Halse hält. Ein Kritiker nämlich beschäftigt sich ausschließlich mit höherem Niveau. Mit anderen Worten: Kritiker pissen nur denjenigen ans Bein, die in kultureller Hinsicht in irgendeiner Weise interessant sein könnten, weil ein Kritiker nämlich nur mit so was seinen Arsch in die Süddeutsche reinkriegt: Mit Kulturschaffenden, auf denen er mit großen schwarzen Gummisohlen ungestraft und frei jeder Kritik an seiner Kritik herumtrampeln darf. Da ist er dann nämlich wer, der Kritiker. Neulich hat sich zum Beispiel im Kulturteil von B5 einer von den Korinthenkackern über die neue Mark Knopfler Scheibe ausgelassen. Die hat ihm nicht gefallen, weil Mark Knopfler da keine Soli drauf gespielt hat. Nur Lieder seien da drauf, hat der Kritiker gesagt. Wo kommen wir denn da hin, wenn ein Künstler einfach macht, was er will und kein Solo spielt! Das entspricht doch nicht der Erwartungshaltung vom Kritiker, wenn der sich da einfach was anderes einfallen lässt. Das sollte man gesetzlich verbieten, so was. Das hat doch mit Musik gar nichts mehr zu tun, wenn es dem Kritiker nicht gefällt. Auf's Konzert hat er sich aber schon gefreut, der Kritiker, weil er sicher war, dass Mark Knopfler da seine Dire Straits Soli wieder spielt. Die neue Platte taugt allenfalls für die erste dreiviertel Stunde vom Konzert. Zum Aufwärmen, hat der Kritiker gesagt. Danach will er aber gefälligst seinen eigenen Mark Knopfler haben, der Kritiker. Texte? Oh ja, klar. Texte sollen die Lieder auf der neuen Platte auch haben. Aber die hat er sich nicht angehört, der Kritiker. Wer hört sich denn einen Text an? Das hätte ja schon wieder was mit Inhalten zu tun. Dafür hat er aber keine Zeit, der Kritiker. Für Inhalte. Der Künstler hat gefälligst zu funktionieren! Und zwar genauso, wie sich B5 das vorstellt. Das ist viel wichtiger! Weil er sich da nicht mit was Neuem beschäftigen muss, der Kritiker. Der kann sich schließlich nicht die Zeit nehmen und einen Englischen Text übersetzen. Außerdem wüsste er ja dann, worum's überhaupt geht! Wo kämen wir denn hin, wenn ein Kritiker wüsste, worüber und wovon er schreibt? Da ist doch nichts verdient! Da muss man ihm doch helfen! Oder soll der vielleicht eine Kritik über jemanden schreiben, der Platten auflegt und für 99 Cent Flatratekomasaufzuckergesöff verkauft und dem das völlig wurscht ist, ob er das mit oder ohne Solo macht?
Mit anderen Worten: Wenn du eine Platte machst, kreativ bist, es wirklich versuchst, dein Herz und deine Seele reinsteckst, dein Gesicht zeigst, dann hast du die Schreiberlinge am Arsch. Die selbsternannten Wächter über die Kultur des Abendlandes. Die gestern Abend um halb zehn die Musik erfunden haben. Die sich auskennen und sehr viel besser wissen als du, was du mit deiner Musik eigentlich sagen willst. Wenn du älter als Zwanzig bist, schreiben sie immer dazu, dass es mit der Musik so ist wie mit Rotwein. Je älter, desto besser, weil gereifter. Da greifen sie gerne auf die Klischees zurück, die sie bei dir bekritteln.
Sei nicht so blöde, mein Freund! Hör' auf zu denken. Hör' auf mit dem Theater. Miete stattdessen irgendwo eine Scheune, lass' dort jemanden Platten auflegen, druck ein Plakat mit der Aufschrift PORNOFASCHING, und mach' ein paar Mäuse. Die Welt will ideell betrogen werden. Keine Angst! Je niveauloser du das anstellst, desto mehr werden sie dich von offizieller Seite aus in Ruhe lassen, desto weniger Kritik hast du zu befürchten und desto mehr wirst du verdienen. Gedruckt muss das ungefähr so aussehen:

INDOOREVENT
Pornofasching im sechseckigen Octagon!
Back to the 90th
Jedes Getränk nur 99 Cent.
Bei der Happy Hour sucht Germany den Superstar und das nächste Top Model!
Ab 19°° Flatratekomasaufwettbewerb!
Garantiert keinerlei Anforderungen ans Hirn!


Da fällt dir auf einmal auf, dass es gar nicht mehr regnet. Wolfgang Haffner ist schon bei "Momo's dance" angekommen und die Platte ist fast schon zu Ende. Die Sonne kämpft noch mit sich selber, weiß nicht so recht, ob sie sich nun sehen lassen soll oder nicht. Du kommst langsam wieder zu dir und fragst dich, ob du den Krampf wirklich aufschreiben sollst. Das interessiert doch echt keine Sau und ist total langweilig. Aber: Du könntest die Leute ja vorher warnen. Oder nicht?
Hab' ich ja auch gemacht. Ganz am Anfang. Wer's gelesen hat, ist somit selber Schuld. Ich bin aus dem Schneider und außerdem über jede Kritik erhaben und unangreifbar. Schlecht genug sind diese Zeilen ja schließlich…

So. Hätten wir das auch besprochen.

Macht's gut, Leute.
Bis Weihnachten oder so
stefffffff