Montag, 14. Januar 2008, Mitternacht, draußen ist es sehr, sehr dunkel…

Schönen guten Abend, Gunter und alle anderen!

Philosophisch und geheimnisvoll kommt's diesmal daher, direkt aus den unendlichen Tiefen des zermarterten Trommlerhirns. Millionen, ach was sag ich, Milliarden von Lichtjahren war es unterwegs, um in dieser tiefschwarzen Nacht endlich niedergeschrieben zu werden.

Es geht um

SCHRÖDINGERS KATER UND DIE PARALLELWELT DER PAPPNASEN
(She called it "gillanesk", and I take this as a compliment…)

Wer hoch steigt, fällt tief. Das sagten schon die alten Römer, und die kannten sich schließlich aus in der Baukunst. In meinem Falle bin ich soooo hoch ja nun nicht raufgeklettert, aber aus den paar Metern runter zu fallen reicht eigentlich schon, um sich anständig den Rüssel zu verbiegen. Mit anderen Worten: Spencer Davis Group ist ziemlich platt im Moment. Das Kerngeschäft meines kleinen Dienstleistungsbetriebes hat sich für die zurückliegenden und auch die kommenden Wochen ohne was zu sagen verabschiedet. Gigs sind vor dem Sommer keine in Aussicht. Man kriegt auch irgendwie keine klare Aussage darüber, wie's und ob's überhaupt weitergeht. Da häng ich offengestanden im Moment total in der Luft. Wie's aber der Teufel manchmal will, es ist genau dieser Umstand des totalen Stillstandes, der das nie Gedachte ermöglicht. Er eröffnet überraschenderweise einen nie gekannten Blickwinkel auf die Welt der Quantenphysik. Eine völlig neue Perspektive. Jaaawooohl. Richtig gelesen. Revolutionär! Nobelpreisverdächtig! Sensationell! Wer die Theorie kennt, aufgepasst! Wer nicht, sollte sich jetzt lieber mal kurz ausklinken oder sich vorher schlau guuugeln. Wir wollen hier nämlich keinen überfordern. Also, die Sache ist die:
Ich sehe die Welt im Moment aus der Perspektive von Schrödingers Katze!
Als Schrödinger's Kater sozusagen. Und was soll ich euch sagen, meine lieben Kommilitonen: Der alte Erwin Schrödinger hatte, vom Geschlecht des Tieres mal abgesehen, in allem Recht. Es ist sehr wohl möglich, gleichzeitig tot und am Leben zu sein. Jaaaa, auch aus der Sicht des Betroffenen selbst. Man sitzt in der Gegend herum und fragt sich, ob's einen selber überhaupt noch gibt. Man kommt an einen Punkt, an dem es einem total wurscht ist, ob Erwins instabiler Atomkern jetzt zerfällt oder nicht.
Das Wesentliche an dieser neuen Erkenntnis: Die Frage nach dem Befinden des Tieres, das heißt ob lebendig oder tot, lässt sich auch aus Sicht desselben nicht klären! Schrödinger's Gedankenexperiment ist und bleibt ein solches. Auch bei direkter Umsetzung in die Praxis! Der Kater hat selber nicht den blassesten Schimmer einer Ahnung, ob es ihn bzw. sein Bewusstsein noch gibt oder nicht!
Interessant wird's auch bei der Überprüfung dieses Postulats. Sprich, wenn man sich die Frage stellt, ob die Welt da draußen das genauso sieht. Und Wunder über Wunder, sie tut genau dieses. Den Beweis dafür trat neulich unbewusst ausgerechnet mein alter Freund und Kupferstecher Bernie Zylka an, indem er bei einem ganz gewöhnlichen Routineanruf meinerseits ein lautes und erstauntes "Was denn, du lebst auch noch?" ausrief. Das ist genau das, was ich meine: Er wusste es als Beobachter von draußen ohne Einfluss auf das System nicht! Genauso wenig wie ich als Teil des beobachteten Systems es nicht wusste! Das ist die eigentliche Sensation!
Der Messvorgang in Form des Telefonats machte den Zustand selbst natürlich wie immer in diesem Experiment zunichte, aber der Beweis ist geführt!
Schrödinger's Kater ist also tot und lebt zwangsläufig trotzdem, weil er der Welt da draußen ja sonst gar nicht mitteilen könnte, dass er tot ist. Kapiert? Gut. Ich glaube, das reicht auch, sonst gibt's hier wieder einen Riesenaufstand, wenn die Männer mit den weißen Kitteln die Bude stürmen. Wir verlassen die Welt der Quantenphysik und wenden uns wieder den profanen Dingen des Lebens zu. Die Ahnungslosen können sich wieder einklinken. Was mich direkt und ohne Umschweife zum eigentlichen Thema bringt:

Ich brauche dringend einen Job. Das Blöde daran ist: Ich hab' um diese Jahreszeit eine Heidenpanik davor, einen zu kriegen. Was mich dabei umtreibt, ist weniger der Gedanke an die Arbeit an sich. Die mach' ich weiß Gott lange genug. Es ist vielmehr mehr die pure Höllenangst vor den Arbeitgebern. Schon bevor dir die Kohle ausgeht und du nicht mehr weißt, wie du deine Vorsteuer bezahlen sollst, steht der zahlkräftige Leibhaftige schon Hufe scharrend und schnaubend vor Angriffslust in den Startlöchern. Ich rede von dem, dessen bloße Namensnennung den Teufel selbst in die Flucht schlägt: Dem oberfränkischen Fasching! Bestens bekannt für den rücksichtslosen Gebrauch der Schusswaffe, kennt er meine Finanzlage ganz genau und steht jedes Jahr ab Oktober lauernd vor meiner Wohnungstür. Er weiß ganz genau, dass meine Kinder essen müssen und dass ich allein aufgrund dieser Tatsache schon gezwungen bin, selber am Leben zu bleiben. Daß mich der kleine siebenjährige Ausflug in die Welt der Superstars am Ende nicht nur einiges an Nerven, sondern auch die Existenz gekostet hat, weiß dieser Henker des deutschen Kulturbewußtseins ebenfalls nur zu gut. Ich verbringe seit Äonen die letzten Monate des alten und die ersten Wochen des neuen Jahres mit heruntergelassenen Rollläden im Dunkeln, das Telefon unter Bergen von Kissen versteckt, damit ich es nicht hören muss, bis ich es schließlich doch ausgrabe, weil der Hunger einen zwingt, endlich ran zu gehen. Das Läuten allein verkörpert zu dieser Zeit entgegen seiner sonst harmlosen akustischen Natur das reine und nackte Entsetzen, der Angstschweiß steht dir trotz kalter Jahreszeit vierundzwanzig Stunden am Tag nicht nur auf der Stirn, sondern drückt aus allen Poren. Du hebst nach dem tausendsten Klingeln endlich diesen gottverdammten Hörer ab, wohl wissend, dass ER dran sein wird und welche Worte dich an deinem Ende der Leitung erwarten:

"Na? Kennst du mich noch? Wie geht's? Lange her. Hab deine Karriere verfolgt. Hat mich eh schon immer interessiert. Hab immer gewusst, dass aus dir mal was wird, hähähäää. Hast du Rosenmontag Zeit? Nix Schwieriges. So Zeug wie ‚Komm hol das Lasso raus wir spielen Cowboy und Indianä', ein paar mal ‚Wahnsinnwarumtreibstdumichindiehöllehöllehöllehölle' und so, Chorstimme hörst du eh selber, Tempo zähl' ich dir vor, Schluss auf Zuruf, ab und zu humpa tätäräää, und hast du nicht gesehen, sind die zwölf Stunden um. Zweihundert Möpse. Setz' dir doch ne Pappnase auf, dann erkennt dich keiner! Was is? Bist du dabei?"

Das läuft immer ab wie der Haus- und Hofdialog zweier lausiger Vorstadtkrimineller, die sich einbilden, die Mafia zu verkörpern und die schlechtes Gras und gestreckten Dope und so Schwachsinn verkaufen wollen.
"Ey Alta weisdu du hasdu Zeit für Dicke Seppenlalla? Oder feige oder was, ey?"
Und du sagst es wieder. Das kleine Wörtchen, dem du schon so oft abgeschworen hast und das dich schon so oft mit einem Bein ins Narrenhaus gebracht hat. Unter Tränen und trotz seiner Kürze stockend quälst du es über die Lippen: "J…j…ja, is gut, ich mach's ja…"
Du ziehst deine Schuhe an, öffnest die Wohnungstür einen Spalt und zack, hat dich der Scherge schon in die Zwangsjacke gepfropft.

Während dich der Fasching zu deinem Auto prügelt, denkst du daran, wie du dich früher noch gewehrt hast, aber die letzten fünfundzwanzig Jahre haben dich die Resignation in Reinkultur gelehrt. "Ich war jung und brauchte das Geld" zählt nicht mehr. Du bist damit alt geworden. Jeglicher Widerstand ist zwecklos. Der oberfränkische Fasching hat dich, wie sich das gehört, am rechten Arm im unauskommbaren Stoibergriff. Er verschleppt dich in seinen Proberaum, gut versteckt im dunkelsten Föhrenkieferfichtennadelgetänn, wo dich seine beiden Dominas, die sadistische Schützenliesl und die grenzdebile Rosamunde, beide hervorgegangen aus einer uralten Geschwisterliebe, schon geifernd und zeternd erwarten. Es kommt dir ein unerwartetes und unbeholfenes "Na, ihr zwei Hübschen? Auch wieder dabei?" über die Lippen, während sie dich höhnisch grinsend auf den verrosteten Schlagzeughocker schieben und dir ein Wasser ohne Kohlensäure anbieten. "Müssen wir das Frankenwaldlied proben? Das können wir uns doch schenken, oder?" Aber sie kennen deine lausigen Ansätze, der Dreiviertelfolter entkommen zu wollen. Sie wissen, dass du es mit der Sechsachtelpeitsche versuchen wirst, weil die weniger weh tut. Aber sie lassen dich nicht. Die Inquisition zwingt dich zu einem "Wenn du noch eine Schwiegermutter hast, ja dann schick sie in den Ooooodenwald, denn im Wald, da sind die Roooooooooooiibä, halli, hallo, die Roooooibä…" und dein Kreislauf ist ob dieser Höllenqualen schon dabei, zu kollabieren. Dies jedoch ist dir nicht vergönnt, die gnadenlosen Furien wecken dich mit einem kalten und brutalen "I will survive laaaaalalalalaaaa….", weil du ja die diesjährigen Neuerungen im Repertoire nicht verpassen sollst. Und sie sind wahrlich an Einfallsreichtum nicht zu übertreffen! Es ist, als würden sie dir die Fingernägel mit glühenden Zangen ziehen: Ein Britney Spears Medley!!!!!

Nun ist die Geschichte der fröhlichen Pappnasenfolter eine wahrlich sehr lange, aber eine derartige Grausamkeit ist wohl noch keinem Inquisitor eingefallen. Es ist an der Zeit: Dein Beißreflex macht sich bemerkbar. Jedes Jahr um diese Zeit untrügliches Indiz dafür, dass deine Belastungsgrenze überschritten ist. Es hat ein jeder Leser dieser Zeilen wohl schon einmal die Becken (Anm. des Verf: Das sind die runden Scheiben aus Metall an einem Schlagzeug, die immer so laut sind. Auf neudeutsch "Cymbals" genannt) einiger Schlagzeuger betrachtet, die so aussehen, als hätte jemand ein Stück am Rande abgebrochen. Also bei den Becken jetzt, nicht bei den Schlagzeugern. Das sind aber gar keine Bruchkanten! Und das kommt gar nicht vom Draufhauen! Es handelt sich dabei vielmehr um die Spuren, die eines Trommlers Gebiss hinterlässt, wenn es versucht, seinem Träger durch heftigstes Zubeißen die Schmerzen zu lindern. Wann immer ihr also kaputte Becken auf einer Bühne seht, denkt mal daran, durch welche oberfränkische Faschingshölle der Besitzer derselben bereits gegangen ist! Denn es bleibt ja nicht bei der Probe allein:
Wenn man so richtig Pech hat, sind bei den darauf folgenden Gigs auch welche mit so Zeug wie "Elferrat" oder Ähnlichem dabei.
Wo Leute dann Gedichte auf Roland Koch Niveau vorlesen. Reim dich oder ich fress' dich!
"Tätä,tätä,tätäääääääääääää. Bumm."
Halt. Entschuldigung. Wir sind in Oberfranken. Also nochmal:
"Dädä, dädä, dädäääääääää. Bumm."
Jetzt passt's.

Und du kannst dich nicht mal betrinken, weil du noch fahren musst. Und die netten Polizisten glauben dir wie jedes Jahr kein Wort, wenn du ihnen erzählst, dass du tatsächlich keinen Schluck getrunken hast. Bis auf das Mineralwasser ohne Kohlensäure von Rosamunde und der Schützenliesl natürlich.
Die Schilderung dieser Torturen ließe sich noch endlos fortsetzen, würde jedoch den in den meisten Fällen zeitlich zur Verfügung stehenden Rahmen der werten Leserschaft sprengen und nebenbei Hieronymus Bosch den Rang ablaufen.
Also Klappe halten. Abbauen. Kohle holen. Und wenn dich dabei einer der Besoffskis entdeckt und auf dich zuwankt, schnell verschwinden. Das Gesülze von denen fehlt dann immer gerade noch…
Du setzt dich schließlich, aus tausend Wunden blutend, in deinen alten Passat, schaltest das Radio an und fährst nach Hause.

Sie spielen gerade Coldplay.
"In my place, in my place…"
Nur drei Töne am Klavier.
Sie sind wunderschön…

Bis die Tage
Stefffffff

PS: Und nicht vergessen! Am Aschermittwoch ist alles vorbei…