Ich sehe die Welt im Moment aus der Perspektive
von Schrödingers Katze!
Als Schrödinger's Kater sozusagen. Und was soll ich euch
sagen, meine lieben Kommilitonen: Der alte Erwin Schrödinger
hatte, vom Geschlecht des Tieres mal abgesehen, in allem
Recht. Es ist sehr wohl möglich, gleichzeitig tot und am
Leben zu sein. Jaaaa, auch aus der Sicht des Betroffenen
selbst. Man sitzt in der Gegend herum und fragt sich, ob's
einen selber überhaupt noch gibt. Man kommt an einen Punkt,
an dem es einem total wurscht ist, ob Erwins instabiler
Atomkern jetzt zerfällt oder nicht.
Das Wesentliche an dieser neuen Erkenntnis: Die Frage nach dem
Befinden des Tieres, das heißt ob lebendig oder tot, lässt
sich auch aus Sicht desselben nicht klären! Schrödinger's
Gedankenexperiment ist und bleibt ein solches. Auch bei
direkter Umsetzung in die Praxis! Der Kater hat selber nicht
den blassesten Schimmer einer Ahnung, ob es ihn bzw. sein
Bewusstsein noch gibt oder nicht!
Interessant wird's auch bei der Überprüfung dieses
Postulats. Sprich, wenn man sich die Frage stellt, ob die Welt
da draußen das genauso sieht. Und Wunder über Wunder, sie
tut genau dieses. Den Beweis dafür trat neulich unbewusst
ausgerechnet mein alter Freund und Kupferstecher Bernie Zylka
an, indem er bei einem ganz gewöhnlichen Routineanruf
meinerseits ein lautes und erstauntes "Was denn, du lebst
auch noch?" ausrief. Das ist genau das, was ich meine: Er
wusste es als Beobachter von draußen ohne Einfluss auf das
System nicht! Genauso wenig wie ich als Teil des beobachteten
Systems es nicht wusste! Das ist die eigentliche Sensation!
Der Messvorgang in Form des Telefonats machte den Zustand
selbst natürlich wie immer in diesem Experiment zunichte,
aber der Beweis ist geführt!
Schrödinger's Kater ist also tot und lebt zwangsläufig
trotzdem, weil er der Welt da draußen ja sonst gar nicht
mitteilen könnte, dass er tot ist. Kapiert? Gut. Ich glaube,
das reicht auch, sonst gibt's hier wieder einen
Riesenaufstand, wenn die Männer mit den weißen Kitteln die
Bude stürmen. Wir verlassen die Welt der Quantenphysik und
wenden uns wieder den profanen Dingen des Lebens zu. Die
Ahnungslosen können sich wieder einklinken. Was mich direkt
und ohne Umschweife zum eigentlichen Thema bringt:
Ich brauche dringend einen Job. Das Blöde daran ist: Ich
hab' um diese Jahreszeit eine Heidenpanik davor, einen zu
kriegen. Was mich dabei umtreibt, ist weniger der Gedanke an
die Arbeit an sich. Die mach' ich weiß Gott lange genug. Es
ist vielmehr mehr die pure Höllenangst vor den Arbeitgebern.
Schon bevor dir die Kohle ausgeht und du nicht mehr weißt,
wie du deine Vorsteuer bezahlen sollst, steht der
zahlkräftige Leibhaftige schon Hufe scharrend und schnaubend
vor Angriffslust in den Startlöchern. Ich rede von dem,
dessen bloße Namensnennung den Teufel selbst in die Flucht
schlägt: Dem oberfränkischen Fasching! Bestens bekannt für
den rücksichtslosen Gebrauch der Schusswaffe, kennt er meine
Finanzlage ganz genau und steht jedes Jahr ab Oktober lauernd
vor meiner Wohnungstür. Er weiß ganz genau, dass meine
Kinder essen müssen und dass ich allein aufgrund dieser
Tatsache schon gezwungen bin, selber am Leben zu bleiben. Daß
mich der kleine siebenjährige Ausflug in die Welt der
Superstars am Ende nicht nur einiges an Nerven, sondern auch
die Existenz gekostet hat, weiß dieser Henker des deutschen
Kulturbewußtseins ebenfalls nur zu gut. Ich verbringe seit
Äonen die letzten Monate des alten und die ersten Wochen des
neuen Jahres mit heruntergelassenen Rollläden im Dunkeln, das
Telefon unter Bergen von Kissen versteckt, damit ich es nicht
hören muss, bis ich es schließlich doch ausgrabe, weil der
Hunger einen zwingt, endlich ran zu gehen. Das Läuten allein
verkörpert zu dieser Zeit entgegen seiner sonst harmlosen
akustischen Natur das reine und nackte Entsetzen, der
Angstschweiß steht dir trotz kalter Jahreszeit vierundzwanzig
Stunden am Tag nicht nur auf der Stirn, sondern drückt aus
allen Poren. Du hebst nach dem tausendsten Klingeln endlich
diesen gottverdammten Hörer ab, wohl wissend, dass ER dran
sein wird und welche Worte dich an deinem Ende der Leitung
erwarten:
"Na? Kennst du mich noch? Wie geht's? Lange her. Hab
deine Karriere verfolgt. Hat mich eh schon immer interessiert.
Hab immer gewusst, dass aus dir mal was wird, hähähäää.
Hast du Rosenmontag Zeit? Nix Schwieriges. So Zeug wie ‚Komm
hol das Lasso raus wir spielen Cowboy und Indianä', ein paar
mal ‚Wahnsinnwarumtreibstdumichindiehöllehöllehöllehölle'
und so, Chorstimme hörst du eh selber, Tempo zähl' ich dir
vor, Schluss auf Zuruf, ab und zu humpa tätäräää, und
hast du nicht gesehen, sind die zwölf Stunden um. Zweihundert
Möpse. Setz' dir doch ne Pappnase auf, dann erkennt dich
keiner! Was is? Bist du dabei?" |
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Das läuft immer ab wie der Haus- und Hofdialog
zweier lausiger Vorstadtkrimineller, die sich einbilden, die
Mafia zu verkörpern und die schlechtes Gras und gestreckten
Dope und so Schwachsinn verkaufen wollen.
"Ey Alta weisdu du hasdu Zeit für Dicke Seppenlalla?
Oder feige oder was, ey?"
Und du sagst es wieder. Das kleine Wörtchen, dem du schon so
oft abgeschworen hast und das dich schon so oft mit einem Bein
ins Narrenhaus gebracht hat. Unter Tränen und trotz seiner
Kürze stockend quälst du es über die Lippen:
"J…j…ja, is gut, ich mach's ja…" |
| Du ziehst deine Schuhe an, öffnest die
Wohnungstür einen Spalt und zack, hat dich der Scherge schon
in die Zwangsjacke gepfropft.
Während dich der Fasching zu deinem Auto prügelt, denkst
du daran, wie du dich früher noch gewehrt hast, aber die
letzten fünfundzwanzig Jahre haben dich die Resignation in
Reinkultur gelehrt. "Ich war jung und brauchte das
Geld" zählt nicht mehr. Du bist damit alt geworden.
Jeglicher Widerstand ist zwecklos. Der oberfränkische
Fasching hat dich, wie sich das gehört, am rechten Arm im
unauskommbaren Stoibergriff. Er verschleppt dich in seinen
Proberaum, gut versteckt im dunkelsten
Föhrenkieferfichtennadelgetänn, wo dich seine beiden Dominas,
die sadistische Schützenliesl und die grenzdebile Rosamunde,
beide hervorgegangen aus einer uralten Geschwisterliebe, schon
geifernd und zeternd erwarten. Es kommt dir ein unerwartetes
und unbeholfenes "Na, ihr zwei Hübschen? Auch wieder
dabei?" über die Lippen, während sie dich höhnisch
grinsend auf den verrosteten Schlagzeughocker schieben und dir
ein Wasser ohne Kohlensäure anbieten. "Müssen wir das
Frankenwaldlied proben? Das können wir uns doch schenken,
oder?" Aber sie kennen deine lausigen Ansätze, der
Dreiviertelfolter entkommen zu wollen. Sie wissen, dass du es
mit der Sechsachtelpeitsche versuchen wirst, weil die weniger
weh tut. Aber sie lassen dich nicht. Die Inquisition zwingt
dich zu einem "Wenn du noch eine Schwiegermutter hast, ja
dann schick sie in den Ooooodenwald, denn im Wald, da sind die
Roooooooooooiibä, halli, hallo, die Roooooibä…" und
dein Kreislauf ist ob dieser Höllenqualen schon dabei, zu
kollabieren. Dies jedoch ist dir nicht vergönnt, die
gnadenlosen Furien wecken dich mit einem kalten und brutalen
"I will survive laaaaalalalalaaaa….", weil du ja
die diesjährigen Neuerungen im Repertoire nicht verpassen
sollst. Und sie sind wahrlich an Einfallsreichtum nicht zu
übertreffen! Es ist, als würden sie dir die Fingernägel mit
glühenden Zangen ziehen: Ein Britney Spears Medley!!!!!
Nun ist die Geschichte der fröhlichen Pappnasenfolter eine
wahrlich sehr lange, aber eine derartige Grausamkeit ist wohl
noch keinem Inquisitor eingefallen. Es ist an der Zeit: Dein
Beißreflex macht sich bemerkbar. Jedes Jahr um diese Zeit
untrügliches Indiz dafür, dass deine Belastungsgrenze
überschritten ist. Es hat ein jeder Leser dieser Zeilen wohl
schon einmal die Becken (Anm. des Verf: Das sind die runden
Scheiben aus Metall an einem Schlagzeug, die immer so laut
sind. Auf neudeutsch "Cymbals" genannt) einiger
Schlagzeuger betrachtet, die so aussehen, als hätte jemand
ein Stück am Rande abgebrochen. Also bei den Becken jetzt,
nicht bei den Schlagzeugern. Das sind aber gar keine
Bruchkanten! Und das kommt gar nicht vom Draufhauen! Es
handelt sich dabei vielmehr um die Spuren, die eines Trommlers
Gebiss hinterlässt, wenn es versucht, seinem Träger durch
heftigstes Zubeißen die Schmerzen zu lindern. Wann immer ihr
also kaputte Becken auf einer Bühne seht, denkt mal daran,
durch welche oberfränkische Faschingshölle der Besitzer
derselben bereits gegangen ist! Denn es bleibt ja nicht bei
der Probe allein:
Wenn man so richtig Pech hat, sind bei den darauf folgenden
Gigs auch welche mit so Zeug wie "Elferrat" oder
Ähnlichem dabei.
Wo Leute dann Gedichte auf Roland Koch Niveau vorlesen. Reim
dich oder ich fress' dich!
"Tätä,tätä,tätäääääääääääää. Bumm."
Halt. Entschuldigung. Wir sind in Oberfranken. Also nochmal:
"Dädä, dädä, dädäääääääää. Bumm."
Jetzt passt's.
Und du kannst dich nicht mal betrinken, weil du noch fahren
musst. Und die netten Polizisten glauben dir wie jedes Jahr
kein Wort, wenn du ihnen erzählst, dass du tatsächlich
keinen Schluck getrunken hast. Bis auf das Mineralwasser ohne
Kohlensäure von Rosamunde und der Schützenliesl natürlich.
Die Schilderung dieser Torturen ließe sich noch endlos
fortsetzen, würde jedoch den in den meisten Fällen zeitlich
zur Verfügung stehenden Rahmen der werten Leserschaft
sprengen und nebenbei Hieronymus Bosch den Rang ablaufen.
Also Klappe halten. Abbauen. Kohle holen. Und wenn dich dabei
einer der Besoffskis entdeckt und auf dich zuwankt, schnell
verschwinden. Das Gesülze von denen fehlt dann immer gerade
noch…
Du setzt dich schließlich, aus tausend Wunden blutend, in
deinen alten Passat, schaltest das Radio an und fährst nach
Hause.
Sie spielen gerade Coldplay.
"In my place, in my place…"
Nur drei Töne am Klavier.
Sie sind wunderschön…
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