Sonntag, 11. November 2007, nachmittags um drei, absolutes Sauwetter!

Für Michi

Einen wunderschönen guten Tag, Freunde des örtlichen Randgruppenvereins "Schlagzeug und Philosophie für gelernte Maurer und Nichtabiturienten mit geraaaade mal noch sooooo Hauptschulabschluß".

Erstmal Nachrichten von der Spencer Davis Group. Damit die meisten von euch dann auch schon wieder wegzappen können. Die Sportschau fängt schließlich gleich an, da wollen wir nicht im Wege sein:

- Colin wird mit Chris Rea Anfang 2008 auf Tour gehen. Dazu wird auch eine CD von Chris mit Colin am Bass erscheinen. Auf die Platte freu ich mich schon! Ehrlich!
- Miller Anderson hat die Miller Anderson Band neu formiert und neu besetzt. Auch hier sind Tourvorbereitungen in vollem Gange. Mehr dazu erfahrt ihr unter "Verbindungen" auf dieser Website.
- Spencer Davis ist (oder war?) mit den Animals als Gaststar in UK unterwegs.
- Eddie Hardin, Ray Fenwick und ich haben vor, in Eddie's Studio in Frankreich mit Aufnahmen für ein Album zu beginnen. Das aber unter vorgehaltener Hand. Das weiß noch keiner, das ist nicht offiziell. Also verrate mir bloß keiner was, gelle? Sonst gibt's wieder Gerüchte allüberall, und von denen hab ich ehrlich gesagt die Schnauze voll!

Das war's schon von der oberflächlichen Seite des Lebens. Unter der Oberfläche sieht's ungefähr so aus: Nach den nervenaufreibenden Geschehnissen der letzten Wochen, in denen sich das Schicksal oder der liebe Gott oder wie immer man jene sadistische übergeordnete Lebensform, die über uns bestimmt, auch nennen mag, wieder mal zum Ziel gesetzt hat, mich in den physischen, psychischen und finanziellen Ruin zu treiben, wird es langsam Zeit, selbige Geschehnisse auch ausführlich zu schildern. Kein Wunder, dass mich das Leben so abstraft. Bei solchen Sätzen! Egal, fangen wir an:

Von Parkwächtern, Rockstars und deren bisher unentdeckten Gemeinsamkeiten

Diese Überschrift bedarf einer Erklärung. Da muss man schon ein wenig ausholen. Aber umsonst steht's nicht da, es steckt schon was dahinter. Ich fang mal bei den Parkwächtern und deren Kolleginnen, den Parkwächterinnen an:
Eine von denen hat mir ein Ticket an die Scheibe gehängt, obwohl meine Kiste gar nicht im Parkverbot stand. Nicht mal im Eingeschränkten. Und auch nicht im Verkehrsgewühl einer Großstadt, sondern draußen auf dem Lande. Wo sich Fuchs und Hase gegenseitig neben meinem Auspuff eine gute Nacht wünschen. Dieses Ticket hat mir ein dreiviertel Jahr an Rennerei von Pontius zu Pilatus eingebrockt. Da hat sich danach keiner entschuldigt, da hat keiner nachgedacht über die eigene Willkür, nichts dergleichen. Kein Sterbenswörtchen. Lediglich einen Schrieb hab' ich nach langer Zeit erhalten, dass man nun letztendlich widerwillig darauf verzichten wird, mir das eh nicht vorhandene Haus samt dessen Hof zu pfänden.
Ein wenig später hat mir derselbe Von-drauß-vom-Walde-komm-ich-her-Verkehrsüberwachungsverein für einen Monat meine Pappe abgenommen. Zugegeben, man fährt normalerweise keine 61 km/h in einer Dreißiger-Zone. Tu ich ja normalerweise auch nicht. Ich hatte halt das Pech, den Parkwächter-Kolleginnen und Kollegen in die absichtlich am Waldrand aufgestellte Falle zu fahren. Ohne jegliches ersichtliches Gefahrenpotential. Keine Fahrräder, keine Kinder, auch ansonsten keine Menschenseele. Nur ein einziges, mutterseelenalleiniges, einsames Auto. Das allerdings mit so einem Drecks-Blitzgerät bestückt war. So was kostet 120 Euro plus Bearbeitungsgebühr und einen Monat Führerscheinentzug. Bei Wider- bzw. Einspruch allgemeine öffentliche Ächtung innerhalb der Gemeinde inbegriffen. Dieser unter grünem Deckmäntelchen versteckte Fanatismus, mit dem das mittlerweile betrieben wird, kommt mir irgendwie bekannt vor. Das erinnert mich irgendwie so an das Eva-Hermann-Sauberkeitsdenken. Ich warte jeden Tag auf so Sätze wie "Der Hitler war schon ganz in Ordnung. Wenn der mal bloß die Autobahnen NICHT gebaut hätte". Dann aber auch Parkwächterinnen ab an den Herd! Der Rest: Hacken zusammenhauen und mit kräftigem "Jawoll" an die Blitzgeräte und Kugelschreiber.
Meinen Lappen hab ich abgegeben, als wir auf Tour gingen, weil ich da ja eh nicht fahren muss und das Steuer meinem alten Freund und Kupferstecher Bernie Zylka überlassen bleibt. Seinereiner nach wie vor hoch angesehen und dementsprechend hoch geachtete Respektsperson. Zumindest von meiner Seite aus. Was mich, ein bisschen außenrumgedacht, sogleich zu den Rockstars führt, welche, soweit mir zugänglich, durchweg männlich, ohne weibliches Pendant, aber auch so schon schlimm genug:
Die Frühstückseier sind zu weich, zu hart, zu mittendrin. Der Kaffee ist zu kalt, zu heiß, zu mittelmäßig. Der Honig ist nicht der richtige. Auch nicht der Schinken, die Salami, die Milch oder der O-Saft, welcher oft zu gelb, zu farblos. Die Gigs sind zu nah beieinander, zu weit voneinander, liegen zu hoch oder zu tief. Im Bus ist es zu warm, zu kühl. Von Nord nach Süd wird einem angeraten, den umgekehrten Weg zu nehmen. Von Süd nach Nord passiert selbstverständlich genau dasselbe. Nachts ist es draußen viel zu dunkel, am Morgen viel zu hell. Das Hotel ist zu nah an der Stadt, zu weit drin, zu weit draußen, das Bett zu warm, zu kalt, die Luft zu feucht, zu trocken. Das Hotelrestaurant ist geöffnet, man hat aber keinen Appetit. Wehe, es ist geschlossen, dann wird auf weiten Hotelfluren gerne mal vor Hunger gestorben. Der Koffer zu schwer, weil ohne Rollen, der Koffer zu leicht, weil mit Rollen bestückt. Das Catering ist nie genug, weil nicht dazu da, um gegessen zu werden, sondern um dem Rockstar Respekt zu zollen. Nahrungsmittel als Dekoration, liebevoll zubereitet, um in die Mülltonne zu wandern. Der Monitor ist zu laut, zu leise. Gut, da muss ich ausnahmsweise beipflichten. Es gibt Techniker, die sitzen eben nun mal bloß am Pult, um ihre Freundin zu beeindrucken. Das heißt am nächsten Tag dann: "Gestern hab ich Rolling Stones gemacht." Aber weiter im tagtäglich durchzustehenden Repertoire: Die Raststätten sind zu dreckig, zu gepflegt. Die Bild-Zeitung zu teuer, zu billig. Erdnüsse mit Schokoladenüberzug sind zu süß. Die ohne sind viel zu salzig, die ohne Salz schmecken nach gar nichts, gnagnagnagnagna….

Auf einen Nenner gebracht: Ich bin echt froh, dass ich kein Star bin. Was mir da alles erspart bleibt! Da geh' ich auf so ner Tour echt viel lieber mit meinem alten Freund und Kupferstecher Bernie Zylka jeden Nachmittag zu Aufbau und Soundcheck und verbringe zwei Stunden in Ruhe und Geselligkeit. Außerdem ist nachmittags das Catering in der Garderobe auch noch zum Essen da.
Jetzt hätt' ich fast den Faden verloren. Das Wesentliche kommt ja erst noch. Nämlich was Parkwächter(innen) und Rockstars gemeinsam haben. Spannend, gell? Also:

- Für beide muss ein Ticket bezahlt werden.
- Man fragt sich im Nachhinein bei beiden, ob das jetzt die fünfundzwanzig Euro wirklich wert war.
- Beider Abenteuer stehen jeden Tag in der Zeitung.
- Beide sind der Meinung, als einziger Mensch dieser Welt dem eigenen Beruf gerecht zu werden. Einige glauben gar, ihn erfunden zu haben.
- Beide leben recht gut von dem Umstand, einst von jemand anders auf's eig'ne Treppchen gehoben worden zu sein.
- Beider Nasen hängen höher als die Dachrinne des Bamberger Doms.
- Beide waren mindestens (oder wenigstens?) einmal in ihrem Leben zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
- Beide empfinden sich selbst als unantastbare Institution und werden von außen oft als Institution der Unantastbaren gesehen.
- Beide werden allzu oft für die bloße Anwesenheit bezahlt.
- Beide verdienen eine Menge Geld mit der Fehlinterpretation einer ursprünglich ziemlich guten Idee.
- Beide sollten ab und an auch mal die eigene Ventilstellung überprüfen.

Das macht richtig Spaß und ließe sich eigentlich tagelang so fortführen. Wahrscheinlich geht das im Gästebuch auch weiter. Mal gucken, wem da noch was einfällt. Übrigens hab' ich nach der letzten Tour meinen Führerschein per Post wieder gekriegt und bin nach ein paar Metern von den Fanatikern schon wieder geblitzt worden. Mit 40 km/h in einer neuen 30er Zone. Das ist vielleicht der einzige Unterschied zwischen Rockstars und Parkwächtern: Selber blitzen und geblitzt werden. Aber da ich ja keiner bin (also Rockstar jetzt, Parkwächter sowieso nicht!), hat sich das auch erledigt.

Was anderes noch, weil ich gerade dran denk': Wir (ich sag' immer "wir", dabei darf ich das laut alteingesessener "Musikfans" überhaupt nicht, weil ich erst 1963 geboren bin und kein Originalmitglied von der Band bin und zu aller Frechheit auch noch die Trommelstöcke anders halte, ich Schelm, hihihihi…) haben auf der letzten Tour mit dem Rock- und Popmuseum in Gronau Bekanntschaft gemacht. Das steht natürlich am Udo Lindenberg Platz, wo sonst, und offenbart sich als ein unbedingtes MUSS! Wann immer ihr also in die Gegend kommen solltet, schaut's euch an, es lohnt sich. Website gibt's auch: http://www.deutsches-rockmuseum.de/ .

Ansonsten freu ich mich auf anstehende Gigs mit den beiden Steves und Winnie und CHP. Ich freu mich sogar riesig drauf! Nicht zuletzt deswegen, weil da eine halbe Bier noch eine halbe Bier und die Bratwurst noch eine Bratwurst sein darf.
Ohne Allüren.
Und mit gaaaaanz viel Senf!!

Schöne Weihnacht und einen guten Rutsch euch allen!
stefffffffffffff