Mittwoch, 13. Juni 2007, halbdrei früh, Augenfarbe rot…

Falls jemand nur an Spencer Davis Group News interessiert ist: Die stehen diesmal ganz unten. Einfach runterscrollen, irgendwann kommt's schon.
Für alle anderen: Es scheint tatsächlich einige Leute zu interessieren, was hier immer so geschrieben wird. Danke euch für die zahlreichen aufmunternden Worte, die mir in den letzten Wochen nahe legten, diesen Käse hier beizubehalten. Seid versichert, ich werde nach wie vor mein Schlechtestes geben! Also dann:

Liebe Kollegen, liebe Musiker, liebe Schlagzeuger!

Man soll ja derlei Predigten nicht mit dem Wörtchen "Ich" anfangen, deswegen dieser Satz hier erstmal.
So.
Jetzt geht's schon eher:
Ich geh' mal davon aus, dass es euch nicht verborgen geblieben ist, dass wir in den letzten paar Jährchen dabei zugucken konnten, wie das kulturelle Niveau im Lande der Dichter und Denker mehr und mehr an Substanz verliert.
Ich geh mal davon aus, dass ihr das an eueren Finanzen genau so gemerkt habt, wie ich an den meinen.
Ich gehe deshalb des Weiteren davon aus, dass es euch nicht besser geht als mir und dass auch eure vom Skorbut gelockerten und kariösen Zähnchen am Hungertuche kauend ihr bedauernswertes Dasein fristen. Eurer Kinder achtköpf'ge Schar deutet in euren Albträumen anklagend und Rechenschaft verlangend mit dürren Fingern auf eure ausgemergelten Körper, euer treues Weib ist längst mit der gut verdienenden Arschnase von der Sparkasse irgendwo in der Südsee und euer Vermieter glaubt euch den Blödsinn mit dem sechshunderttausend Euro verheißenden Erbschaftsstreit schon seit zwei Jahren nicht mehr. Natürlich zermartert ihr euch die Köpfchen, wie ihr aus der Nummer wieder rauskommt. Und, was soll ich euch sagen, ich habe da eine Idee. Das heißt, ich hab' sogar zwei.
Die erste wäre die: Wir sollten alle einfach aufhören. Wir sollten alle unsere Instrumente in die Ecke donnern und sie einfach nicht mehr anfassen, bis den werten Konsumenten da draußen ihr Computer- und DiiiDschäi - Konservenmist zu den Ohren rauskommt. Wir sollten nicht mehr unterrichten, nicht mehr auf Bühnen stehen, keinem Menschen mehr, sei es im bayrischen Bierzelt, in den Clubs oder auf den Opernbühnen dieser Welt, irgendwas vorspielen und stattdessen einfach ruhig sein. Binnen kürzester Zeit würden die da draußen sich selber Superstars suchend mittels Nachmittagstalkshows, Privatsenderansagern und Discothekenkomasaufen in geistiger Hinsicht endgültig den Garaus machen und nur noch, wie ihre Kadett GTI's nds-nds-nds-nds-nds-nds* vor sich her sabbernd, dahin vegetieren. Wenn dann endgültig keiner mehr was mitkriegt, brechen wir Mukker bei der GEMA ein und holen uns die ganze Kohle wieder, die die uns bei allen unseren Gigs abgenommen hat, nehmen unseren endgültig verblödeten Konsumenten die Kadett GTI's ab und fahren damit dahin, wo's was zu Essen gibt.
Das wäre mein erster Lösungsvorschlag.

Meine zweite Idee wäre in finanzieller Hinsicht noch sehr viel lukrativer: Lasst uns alles, was wir an Instrumenten besitzen, am Bamberger Domplatz aufschichten und feierlich verbrennen (Wir müssen natürlich mindestens 15 Euro Eintritt verlangen, sonst denkt wieder jeder, dass die Veranstaltung nix taugt…). Glaubt's mir, ich hab's mal durchgerechnet: Wir würden zum ersten Mal in der Geschichte der Musik als Musiker an unserer eigenen Veranstaltung was verdienen.
Und zwar einfach nur deswegen, weil das eine Veranstaltung wäre, bei der keiner von uns einen einzigen Ton spielen würde. Wir müssten dann nämlich keine GEMA abführen, nix an die KSK zahlen, hätten keine PA Miete zu tragen, das Licht wär' auch umsonst, weil ja die Instrumente brennen, Bier ausschenken tun wir selber, weil wir ja Zeit haben und nicht spielen müssen (Somit wären wir zum ersten Mal in der Geschichte der Musik am Getränkeumsatz beteiligt, und das auch noch zu 100 Prozent) und die Werbung können wir uns auch sparen, weil sich das im Vorfeld bestimmt rumsprechen würde und man außerdem das Feuerlein weithin sichtbar wahrnehmen täten täte und Schaulustige schon immer gerne Eintritt zahlen, wenn's brennt. Und endlich könnten wir uns dem Klischee widmen. Dem Klischee, dass wir nie arbeiten, dabei jede Menge Kohle verdienen und an jedem Finger zehn Blondinen haben. Zugegeben, mit Letzterem hätte meiner einer wohl die größten Mühen, aber die Hoffnung stirbt zuletzt.
Weiter: Um die Leute endgültig an den Brandherd zu locken, erzählen wir ihnen, dass wir gerade dabei sind, sozusagen als Vorband seine Speichellecker und sozusagen als Top Act Dieter Bohlen selbst auf dem Scheiterhaufen zu verschüren. Mal gucken. Wenn wir ihm genug bezahlen, macht er vielleicht sogar mit. Blond genug isser ja.
Aber Vorsicht: Außer dem Prasseln des Feuers wird nichts zu hören sein. Ich gehe deshalb jede Wette ein, dass mindestens einer unserer nts-nts-nts-nts-nts*-Konsumenten auf die Idee kommen wird, seinen Golf GTI zum Zwecke der akustischen Untermalung der Szenerie zur Verfügung stellen zu wollen. Das hieße eben nix anderes als dass wir wieder mal jenes besagte "nts nts nts nts nts nts* " über uns ergehen lassen müssen. Um's Absperren des Domplatzes kommen wir also nicht drum rum, aber den Luxus leisten wir uns gerne. Man stelle sich nur vor, man steht an jenem Zaune und darf diesen personifizierten Lärmpegeln mitteilen, dass sie draußen bleiben müssen. Man könnte diese Leute auch nebenbei allerlei nützliche Dinge tun lassen. Zum Beispiel könnte man sie wegschicken, um sie nachsehen zu lassen, ob denn der alte Holzmichel noch lebt oder Ähnliches. Man könnte sie praktisch dazu animieren, zum ersten Male in ihrem Leben selbst einen kulturellen Beitrag zu leisten, aus welchem bescheuerten Grund zu welchem bescheuerten Anlass auch immer. Falls einer von ihnen auf die Idee kommt, seinen Autoschlüssel an der Kasse hinterlegen zu wollen ("Ich möchäd bloos moll kuäds naiguggng wail mai Kumbl gsochd hodd dassä doo aa hiigeed…"), so schmeißen wir selbigen umgehend in die Regnitz. Auf nimmer Wiedersehen. Wäre das nicht wunderbar? Da möchte man ja schon fast selbst wieder dafür bezahlen, dass man am Zaun stehen DARF!
Aber zurück zum organisatorischen Ablauf unserer Veranstaltung:
Sobald unser Krempel runtergebrannt ist, begeben wir uns auf eine kurze Tournee in unsere eigenen Wohnzimmer, greifen uns unsere Fernseher und stellen uns damit an unsere Schlafzimmerfenster, die Fernseher dabei wartend und lauernd in die Höhe gestreckt. Es wird nicht lange dauern, und der erste nds-nds-nds-nds-nds-nds*-Kadett wird anrauschen. Jedenfalls ist das bei mir im Schlafzimmer jede Nacht so. Immer dann, wenn ich gerade wegdämmere. Also anvisieren und, sofern sich das Schlafzimmer höher als im Parterre befindet, durchziehen und ab mit der Glotze durch's Kadett GTI Schiebedach. Falls sich euer Schlafzimmer im Parterre oder gar im Keller befindet, stellt die Glotze einfach nachts um halbdrei auf die Strasse und legt ein Dieter Bohlen Video ein. Die GTI Fahrer zieht so was an wie die Motten das Licht. Mit "Geronimo's Cadillac" geht's glaub' ich am Besten.
BÄÄÄNG!
Und Ruhe.
So. Jetzt wären wir durch mit unserer Veranstaltung.
Und das haben wir damit erreicht:

  1. Kohle haben wir alle wieder, also Miete kann wieder gezahlt werden. Ihr behaltet eure Wohnungen.
  2. Keine Glotze mehr, also auch kein Dieter Bohlen mehr. Die Nation kann sich erholen, (Obwohl sie das gar nicht will. Die verblöden ja schließlich gerne da draußen…)
  3. Kein GTI mehr, also auch kein GTI Fahrer mehr.
  4. Kein GTI Fahrer mehr, also auch kein nts-nts-nts-nts-nts* mehr.

Zumindest Letzteres würde sich lohnen. Mich hält nämlich einer dieser Knallkörper schon wieder seit zwei Stunden wach, weil er die Dorfstraße rauf und runter donnert. Erstaunlich, welch' Kreativitätsschübe diese Heinzen auslösen können. Ich geh' jetzt dem Idioten die Glotze auf's Auto schmeißen.
Gute Nacht.
Und überlegt euch das mal mit der Veranstaltung.

Stefffffffff

*mit nts-nts-nts-nts meint der Verfasser jenes Gedröhne, das vor allem nachts basslastig aus getunten Autos lärmt und von jungen Mitläufern dieser seltsamen Szene fälschlicherweise unter dem Allgemeinbegriff "Musik" geführt wird.
Der Verfasser hat bereits mehrere Male versucht, mit den Konsumenten dieser Art Baustellenlärms über dessen musikalische Qualität zu diskutieren.
Standardantwort: "Aber ab und zu kann man's doch anhören, oder…?"
NEIN, VERDAMMT NOCHMAL, DAS KANN MAN NICHT!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

So. Jetzt noch was total Anderes. Die Spencer Davis Group News:
Miller Anderson hat es sich anders überlegt und ist wieder bei uns. Seit Januar schon. Hab ich bloß beim letzten Mal vergessen aufzuschreiben. Letzte Woche gab's trotzdem ne so genannte Doppelbuchung: Colin und Miller waren für ein Festival mit Maggie Bell (British Blues Quintett) in London gebucht. Als "Ersatz" kamen für das Woodstock Festival in Dornstadt, und nur für den einen Gig, Ray Fenwick an der Gitarre und Steve Hyde am Bass zur Band. Geprobt haben wir nachmittags im Hotel, "Unplugged". Ray Fenwick werden die meisten von euch von der Ian Gillan Band kennen, bei Spencer hat er vor dreißig Jahren zum letzten Mal gespielt, und nachdem ich ihn dreißig Jahre später habe spielen hören, kann ich nicht anders, als mich in den Staub zu werfen. Ich hab' selten einen so innovativen Gitarristen gehört. Ehrlich jetzt! MEIN LIEBER SCHWAN, DA WAR WAS LOS! Steve Hyde kennen die meisten von euch nicht. Wen's interessiert: Steve und ich spielen seit zwanzig Jahren zusammen in verschiedenen Bands, unsere aktuelle Formation schimpft sich CHP und spielt vor allem hier in unserer oberfränkischen Heimat Oberfranken. Einen Link zu der Band findet ihr unter "Verbindungen" auf dieser Website.

Kleiner Hinweis für Veranstalter noch: Wenn jemand die Miller Anderson Band buchen möchte, so möchte er bitte die Miller Anderson Band buchen. Nicht Spencer Davis Group.
Spencer Davis Group möchten die Veranstalter bitte buchen, wenn sie die Spencer Davis Group buchen möchten. Das ist nämlich nicht das Gleiche. Und wenn das noch so viele denken. Miller ist Miller. Ray ist Ray. Colin ist Colin. Steve ist Steve.
Und ich bin ich. Und ich möcht's auch bleiben. Und wenn der ganze Schnee verbrennt. Mit anderen Worten: Ein Konzert war entweder gut oder nicht gut. Und zwar mit den Leuten, die gerade auf der Bühne waren. Es ist eine Sache des "Zuhören können's".
Mir geht's um die Musik. Und diese Ikonenanbetung geht mir so langsam auf den Sack.
So long und howdy oder wie das heißt….