| Liebe Kollegen, liebe Musiker, liebe Schlagzeuger!
Man soll ja derlei Predigten nicht mit dem Wörtchen
"Ich" anfangen, deswegen dieser Satz hier erstmal.
So.
Jetzt geht's schon eher:
Ich geh' mal davon aus, dass es euch nicht verborgen geblieben ist,
dass wir in den letzten paar Jährchen dabei zugucken konnten, wie
das kulturelle Niveau im Lande der Dichter und Denker mehr und mehr
an Substanz verliert.
Ich geh mal davon aus, dass ihr das an eueren Finanzen genau so
gemerkt habt, wie ich an den meinen.
Ich gehe deshalb des Weiteren davon aus, dass es euch nicht besser
geht als mir und dass auch eure vom Skorbut gelockerten und
kariösen Zähnchen am Hungertuche kauend ihr bedauernswertes Dasein
fristen. Eurer Kinder achtköpf'ge Schar deutet in euren Albträumen
anklagend und Rechenschaft verlangend mit dürren Fingern auf eure
ausgemergelten Körper, euer treues Weib ist längst mit der gut
verdienenden Arschnase von der Sparkasse irgendwo in der Südsee und
euer Vermieter glaubt euch den Blödsinn mit dem sechshunderttausend
Euro verheißenden Erbschaftsstreit schon seit zwei Jahren nicht
mehr. Natürlich zermartert ihr euch die Köpfchen, wie ihr aus der
Nummer wieder rauskommt. Und, was soll ich euch sagen, ich habe da
eine Idee. Das heißt, ich hab' sogar zwei.
Die erste wäre die: Wir sollten alle einfach aufhören. Wir sollten
alle unsere Instrumente in die Ecke donnern und sie einfach nicht
mehr anfassen, bis den werten Konsumenten da draußen ihr Computer-
und DiiiDschäi - Konservenmist zu den Ohren rauskommt. Wir sollten
nicht mehr unterrichten, nicht mehr auf Bühnen stehen, keinem
Menschen mehr, sei es im bayrischen Bierzelt, in den Clubs oder auf
den Opernbühnen dieser Welt, irgendwas vorspielen und stattdessen
einfach ruhig sein. Binnen kürzester Zeit würden die da draußen
sich selber Superstars suchend mittels Nachmittagstalkshows,
Privatsenderansagern und Discothekenkomasaufen in geistiger Hinsicht
endgültig den Garaus machen und nur noch, wie ihre Kadett GTI's
nds-nds-nds-nds-nds-nds* vor sich her sabbernd, dahin vegetieren.
Wenn dann endgültig keiner mehr was mitkriegt, brechen wir Mukker
bei der GEMA ein und holen uns die ganze Kohle wieder, die die uns
bei allen unseren Gigs abgenommen hat, nehmen unseren endgültig
verblödeten Konsumenten die Kadett GTI's ab und fahren damit dahin,
wo's was zu Essen gibt.
Das wäre mein erster Lösungsvorschlag.
Meine zweite Idee wäre in finanzieller Hinsicht noch sehr viel
lukrativer: Lasst uns alles, was wir an Instrumenten besitzen, am
Bamberger Domplatz aufschichten und feierlich verbrennen (Wir
müssen natürlich mindestens 15 Euro Eintritt verlangen, sonst
denkt wieder jeder, dass die Veranstaltung nix taugt…). Glaubt's
mir, ich hab's mal durchgerechnet: Wir würden zum ersten Mal in der
Geschichte der Musik als Musiker an unserer eigenen Veranstaltung
was verdienen.
Und zwar einfach nur deswegen, weil das eine Veranstaltung wäre,
bei der keiner von uns einen einzigen Ton spielen würde. Wir
müssten dann nämlich keine GEMA abführen, nix an die KSK zahlen,
hätten keine PA Miete zu tragen, das Licht wär' auch umsonst, weil
ja die Instrumente brennen, Bier ausschenken tun wir selber, weil
wir ja Zeit haben und nicht spielen müssen (Somit wären wir zum
ersten Mal in der Geschichte der Musik am Getränkeumsatz beteiligt,
und das auch noch zu 100 Prozent) und die Werbung können wir uns
auch sparen, weil sich das im Vorfeld bestimmt rumsprechen würde
und man außerdem das Feuerlein weithin sichtbar wahrnehmen täten
täte und Schaulustige schon immer gerne Eintritt zahlen, wenn's
brennt. Und endlich könnten wir uns dem Klischee widmen. Dem
Klischee, dass wir nie arbeiten, dabei jede Menge Kohle verdienen
und an jedem Finger zehn Blondinen haben. Zugegeben, mit Letzterem
hätte meiner einer wohl die größten Mühen, aber die Hoffnung
stirbt zuletzt.
Weiter: Um die Leute endgültig an den Brandherd zu locken,
erzählen wir ihnen, dass wir gerade dabei sind, sozusagen als
Vorband seine Speichellecker und sozusagen als Top Act Dieter Bohlen
selbst auf dem Scheiterhaufen zu verschüren. Mal gucken. Wenn wir
ihm genug bezahlen, macht er vielleicht sogar mit. Blond genug isser
ja.
Aber Vorsicht: Außer dem Prasseln des Feuers wird nichts zu hören
sein. Ich gehe deshalb jede Wette ein, dass mindestens einer unserer
nts-nts-nts-nts-nts*-Konsumenten auf die Idee kommen wird, seinen
Golf GTI zum Zwecke der akustischen Untermalung der Szenerie zur
Verfügung stellen zu wollen. Das hieße eben nix anderes als dass
wir wieder mal jenes besagte "nts nts nts nts nts nts* "
über uns ergehen lassen müssen. Um's Absperren des Domplatzes
kommen wir also nicht drum rum, aber den Luxus leisten wir uns
gerne. Man stelle sich nur vor, man steht an jenem Zaune und darf
diesen personifizierten Lärmpegeln mitteilen, dass sie draußen
bleiben müssen. Man könnte diese Leute auch nebenbei allerlei
nützliche Dinge tun lassen. Zum Beispiel könnte man sie
wegschicken, um sie nachsehen zu lassen, ob denn der alte Holzmichel
noch lebt oder Ähnliches. Man könnte sie praktisch dazu animieren,
zum ersten Male in ihrem Leben selbst einen kulturellen Beitrag zu
leisten, aus welchem bescheuerten Grund zu welchem bescheuerten
Anlass auch immer. Falls einer von ihnen auf die Idee kommt, seinen
Autoschlüssel an der Kasse hinterlegen zu wollen ("Ich
möchäd bloos moll kuäds naiguggng wail mai Kumbl gsochd hodd
dassä doo aa hiigeed…"), so schmeißen wir selbigen umgehend
in die Regnitz. Auf nimmer Wiedersehen. Wäre das nicht wunderbar?
Da möchte man ja schon fast selbst wieder dafür bezahlen, dass man
am Zaun stehen DARF!
Aber zurück zum organisatorischen Ablauf unserer Veranstaltung:
Sobald unser Krempel runtergebrannt ist, begeben wir uns auf eine
kurze Tournee in unsere eigenen Wohnzimmer, greifen uns unsere
Fernseher und stellen uns damit an unsere Schlafzimmerfenster, die
Fernseher dabei wartend und lauernd in die Höhe gestreckt. Es wird
nicht lange dauern, und der erste nds-nds-nds-nds-nds-nds*-Kadett
wird anrauschen. Jedenfalls ist das bei mir im Schlafzimmer jede
Nacht so. Immer dann, wenn ich gerade wegdämmere. Also anvisieren
und, sofern sich das Schlafzimmer höher als im Parterre befindet,
durchziehen und ab mit der Glotze durch's Kadett GTI Schiebedach.
Falls sich euer Schlafzimmer im Parterre oder gar im Keller
befindet, stellt die Glotze einfach nachts um halbdrei auf die
Strasse und legt ein Dieter Bohlen Video ein. Die GTI Fahrer zieht
so was an wie die Motten das Licht. Mit "Geronimo's
Cadillac" geht's glaub' ich am Besten.
BÄÄÄNG!
Und Ruhe.
So. Jetzt wären wir durch mit unserer Veranstaltung.
Und das haben wir damit erreicht:
- Kohle haben wir alle wieder, also Miete kann wieder gezahlt
werden. Ihr behaltet eure Wohnungen.
- Keine Glotze mehr, also auch kein Dieter Bohlen mehr. Die
Nation kann sich erholen, (Obwohl sie das gar nicht will. Die
verblöden ja schließlich gerne da draußen…)
- Kein GTI mehr, also auch kein GTI Fahrer mehr.
- Kein GTI Fahrer mehr, also auch kein nts-nts-nts-nts-nts*
mehr.
Zumindest Letzteres würde sich lohnen. Mich hält nämlich einer
dieser Knallkörper schon wieder seit zwei Stunden wach, weil er die
Dorfstraße rauf und runter donnert. Erstaunlich, welch'
Kreativitätsschübe diese Heinzen auslösen können. Ich geh' jetzt
dem Idioten die Glotze auf's Auto schmeißen.
Gute Nacht.
Und überlegt euch das mal mit der Veranstaltung.
Stefffffffff
*mit nts-nts-nts-nts meint der Verfasser jenes Gedröhne, das vor
allem nachts basslastig aus getunten Autos lärmt und von jungen
Mitläufern dieser seltsamen Szene fälschlicherweise unter dem
Allgemeinbegriff "Musik" geführt wird.
Der Verfasser hat bereits mehrere Male versucht, mit den Konsumenten
dieser Art Baustellenlärms über dessen musikalische Qualität zu
diskutieren.
Standardantwort: "Aber ab und zu kann man's doch anhören, oder…?"
NEIN, VERDAMMT NOCHMAL, DAS KANN MAN
NICHT!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! |