Montag, 4. Dezember 2006, halbeins mittags

Erst mal Werbung, bevor wir zum Wesentlichen kommen:
Am Montag, den 11. Dezember 2006, zeigt der hessische Rundfunk nachts um viertel vor zwölf eine Aufzeichnung eines Spencer Davis Group Unplugged Konzerts, aufgenommen im Studio des hessischen Rundfunks im Oktober während einer Tour durch Deutschland. Ungeprobt, ungewohnt und unrasiert. Bin selber mal gespannt, wie das geworden ist!
Außerdem steht Hale Bopp an. Am 15. Dezember in Coburg in der "Sonderbar".
Und jetzt:

AUSTRALIEN NOVEMBER 2006

Glaubt's oder nicht, wir haben ihn getroffen. Er fährt ein Auto aus Gaffer Tape, der

WIZARD OF OZ (DER ZAUBERER VON OZ)

Wenn ich mich recht entsinne, schlugen wir (ED TREE - guit, voc; EDDIE HARDIN - key, voc; COLIN HODGKINSON - bass, voc; STEFF PORZEL - drums, voc; SPENCER DAVIS - guit, voc) am zehnten November irgendwann vormittags auf dem Flughafen Sydney auf. Die Reise nach Oz (Für die, die's nicht wissen: OZ ist die weltweit amtliche Abkürzung für Australien im Englischen; gez. Prof. Dr. ling phil psych Porzel…) ist eine äußerst unangenehme und schmerzhafte Angelegenheit, die im Laufe dieses nicht enden wollenden Fluges zur Folter ausartet. Man verbringt gut und gerne 23 Stunden in unglaublich beengten Verhältnissen, die ihre Ursache zumeist in der Arschnase haben, die in dem Flugzeugsessel vor einem sitzt. Sobald der Flieger sich nach dem Abheben in einigermaßen stabilen Verhältnissen befindet, klappt nämlich wie auf Zuruf die Sessellehne des Vordermannes zurück und sorgt in den nächsten 13 Stunden bis zur Zwischenlandung in Singapur für Atemnot, Schweißausbrüche, totalen Durchblutungsstop und damit verbundene Lähmungserscheinungen. Nicht zu vergessen die diversen Gebissverformungen, die das schweinslederne Druckmittel bereits nach ein paar Minuten schon hinterlässt. Mir ist im Laufe der vielen Tourneen immer wieder aufgefallen, dass dieses Phänomen bei Kurzzeitflügen so gut wie gar nicht auftritt. Die Lehne bleibt bei kurzen Flügen nach London, Budapest, Stockholm oder Neapel immer da, wo sie ist und lässt Raum zum Atmen. Ist man jedoch länger unterwegs, zum Mars und zurück oder so ähnlich, schleichen sich immer und ausnahmslos jene sadistischen Schweinehunde in den Flieger, die die Hälfte der Fluggäste bis zur Unkenntlichkeit entstellen. Diese Situation ist noch schlimmer geworden, seitdem man keine Messer oder Rasierklingen mehr mit an Bord nehmen darf. Derlei Dinge haben früher doch immer noch Eindruck geschunden und diese Drecksäcke dazu veranlasst, sich gerade hinzusetzen. Hach ja, früher war doch alles besser, gelle? Selbstverständlich blies die Klimaanlage des Fliegers 13 Stunden lang genau dahin, wo sich mein empfindliches Näschen befand, und weil ich nicht ausweichen konnte, holte ich mir erst mal so zum Anfang eine der gewaltigsten Stirnhöhlenentzündungen, die die Menschheit je gesehen hat. Alles bloß wegen dem Deppen da! Aber ich schweife schon wieder ab…

Nach der ersten Nacht in Sydney klopfte "mein alter Kumpel" Colin Hodgkinson an meine Hotelzimmertür mit der Bitte, mal nach seinem Rücken zu schauen. Ich habe Colin in den letzten Jahren schon mehrmals verarztet, was immer auch anstand, aber so schlimm wie diesmal war's noch nicht. Der arme Kerl war übelst zugerichtet von australischen Bettwanzen und nicht nur sein Rücken sah aus wie ein Streusselkuchen. Also erstmal ab zum Onkel Doktor, Salbe besorgen. Und dann hab ich ihn jeden Tag kräftig eingeschmiert, in der Hoffnung, dass sich das bald normalisiert. Tat's aber nicht. Der Juckreiz wurde jeden Tag schlimmer, der arme Col hat geheult vor Verzweiflung. Nach einer Woche haben wir's dann noch mal mit ganz, ganz, ganz viel Salbe auf einmal probiert. Worauf sein Rücken regelrecht explodierte. Der Onkel Doktor hat dann gleich darauf festgestellt, dass Colin allergisch gegen die Salbe war. Blöd gelaufen, ich hab's echt nur gut gemeint. Tut mir leid, Col, das konnte ich echt nicht wissen. Mittlerweile geht's ihm aber wieder gut, und er ist gerade mit Frank Diez und dem ELECTRIC BLUES DUO irgendwo in deutschen Landen unterwegs…

Der erste Gig Down Under fand, wie nahezu alle anderen Gigs, in so genannten RSL Clubs statt. RSL heißt "Retired Soldiers League", also so was wie "Vereinigung von Soldaten im Ruhestand", und das Publikum war im Großen und Ganzen auch so, wie's der Name sagt. Über RSL Clubs hab ich ja schon mal geschrieben, aber hier noch mal eine kurze Zusammenfassung dieses Australischen Phänomens: Diese Clubs sehen alle gleich aus, riechen gleich, sind baugleich, beinhalten den gleichen Menschenschlag, die gleichen Attitüden, die gleichen schlechten PA-Systeme und die gleichen "Pokie machines". Pokie Machines sind die Spielautomaten, denen Heinz Strunk verfallen ist (Wer Heinz Strunk ist, steht weiter unten auf dieser Website, einfach runterscrollen…), also diese langweiligen Dinger, die hierzulande einsam und verlassen in den Kneipen hängen und Kleeblätter und schwarze Hüte und so Zeug anzeigen. Nicht so in RSL Clubs. Dort ist gewöhnlich ein ganzes Erdgeschoss vollgepfropft mit bis zu 200 von diesen lärmenden Deppenkisten. Und die vereinsamen durchaus nicht. Die sind alle belegt. Die Süchtigen schmeißen wortlos ihre Rente da rein. Keiner sagt was, keiner bewegt sich. Man schweigt gemeinsam. Auch eine Art, mit der eigenen Existenz abzuschließen. Herzlichen Glückwunsch! Manch einer da drin kann stolz darauf sein, die letzten 15 Jahre seines Lebens nichts anderes getan zu haben, als Münzen in eine Metallkiste gesteckt zu haben. Vielleicht ein Paradies für Heinz "Heinzer" Strunk, der Gipfel der Geschmacklosigkeit jedoch für einen sensiblen Maurer und Schlagzeuger wie meinereinen. Höchstens vergleichbar noch mit den frittierten Mars Riegeln, die's überall in England zu kaufen gibt (Die gibt es tatsächlich, die frittierten Mars Riegel. Das hat mich an meinem Verstand zweifeln lassen, aber die Dinger gibt's tatsächlich!! Aber ich schweife schon wieder ab…).

In verschiedenen, aber gleichen RSL Clubs also haben wir 10 mal gespielt, aber die ersten fünf davon werden uns wohl allen im Gedächtnis bleiben: Nachdem wir den ersten Club eine Stunde lang gesucht hatten, fiel mir am Straßenrand ein alter, durchgerosteter, schrottreifer Klein(st)lieferwagen auf, auf dessen Ladefläche ein Leslie - Case stand (siehe Foto). Wir hielten eigentlich bloß an, um nach dem Weg zu fragen, aber aus dem Häuflein Elend von einem Auto kroch ein Kerl, wie man sich den australischen Buschläufer gemeinhin vorstellt. Ein Bauch, der lange vor seinem Träger am Ziel ankommt, ein Bart, der seiner Gattung alle Ehre macht, und lange, in Ehren ergraute und total verfilzte Haare. Der Mann hieß Max und sollte unser Backliner für die nächsten fünf Gigs sein. Alles an Max war eigenständig. Sein Auto bestand zum größten Teil aus dem von Musikern und Roadies verwendeten schwarzen "Gaffer Tape", einem Klebeband, mit dem man die ganze Welt reparieren kann und das auch mir in den letzten dreißig Jahren so manchen Gig gerettet hat. Mit Müh und Not konnte man noch feststellen, dass es sich bei der Kiste mal um einen Daihatsu gehandelt haben muss. Max seinerseits bestand aus einem T-shirt, das aus Löchern bestand, einer Hose, die aus fast gar nichts bestand, und ein paar Schuhen, die das Zeitliche bereits vor Jahrzehnten gesegnet hatten. Und Max war ein Pfundskerl!! Max wusste alles. Vertikal wusste er Bescheid vom Jet Stream bis zum Meeresspiegel und darunter, und horizontal von Australien bis Europa. Und der Daihatsu und Max bildeten eine Symbiose, der eine kann ohne den anderen nicht. Solche Persönlichkeiten trifft man heutzutage nur noch sehr selten, die sich einen Dreck drum scheren, was die Menschheit so von ihnen hält. Das wohltuende Gegenteil jeglichen Spießertums, und wenn er mal nicht fahren musste, ein wahrlich gestandener Biertrinker vor dem Herrn. Kurz bevor wir Max verlassen mussten, weil wir nach Brisbane weiterflogen, stellte sich heraus, dass der Mann auch noch Deutsch konnte und in Mannheim geboren ist. Wir haben ihn also tatsächlich getroffen, den Wizard of Oz, den echten australischen Zauberer. Hier ein Bild von ihm. Sieht ein bißchen so aus, als würden Bäume und Äste aus ihm raus wachsen. Geheimnisvoll. Es sollte mich nicht wundern, wenn's tatsächlich so wäre…

Nach dem Abschied von Max, den die ganze Band ausnahmslos verehrte, stellte sich auf dem Flughafen von Sydney heraus, dass Bernie's Flug nicht gebucht war. Wir mussten meinen alten Freund und Kupferstecher Bernie Zylka in Sydney zurücklassen, weil wir ja nach Brisbane zum Gig mussten. Bernie fand aber glücklicherweise einen Platz in der nächsten Maschine. In Brisbane dann war die ganze Band auf drei verschiedene Hotels verteilt. Das lag am dortigen Cricket Turnier. Ich glaub', das war die Weltmeisterschaft, ich kenn mich da nicht so aus. Auf jeden Fall hielten sich zu der Zeit 50.000 Engländer in der Stadt auf, was zur Folge hatte, dass Bernie, Ed Tree, Colin und ich jeder für sich in einer Gefängniszelle endeten. Ohne Fenster, ohne Luft, dafür mit ganz viel Gestank und ohne Platz zum Koffer auspacken, was dann am Ende aber wieder von Vorteil war. Während Spencer Davis und Eddie und Liz Hardin standesgemäß in richtigen Betten in echten Zimmern zu nächtigen pflegten, war es uns trotz intensivstem vorsätzlichen Alkoholgenusses unmöglich, in unserer Absteige Schlaf zu finden. Ed Tree ging seines Weges und nächtigte woanders, und Bernie und ich zogen in eine sauteure Suite in einem andern Hotel. Weil wir uns auf der letzen England Tour geschworen haben, uns nicht mehr verarschen zu lassen. Einzig Colin blieb in seinem Verlies zurück. Er hatte ein paar Chemikalien dabei, die es ihm unmöglich machten, wach zu bleiben. (Wenn Sie verstehen, was ich meine…) Ich hoffe, "mein alter Kumpel" Col hat dem Drecksladen noch ein paar Bettwanzen angehängt!
Schließlich und letztendlich flogen wir runter nach Melbourne, um dort auf dem "QUEENSCLIFF FESTIVAL" zu spielen. Dieses Festival und dieser eine Gig entschädigten für alles. Für Stirnhöhlenentzündungen, Folterweitstreckenflüge, Bettwanzen, Buschbrände, nicht gebuchte Inlandsflüge, Pokie machines und schlechte PA Systeme.
Das "QUEENSCLIFF FESTIVAL" bei Melbourne ist wohl einer der schönsten Gigs auf diesem Planeten (Das letzte Foto zeigt das eigens für das Festival angefertigte schmiedeeiserne Tor zum Festivalgelände. Den Angeber mit der Sonnenbrille bitte einfach nicht weiter beachten…). Die Leute dort sind ausnahmslos Hippies, die Musik ist echter handgespielter Rock'n'Roll, die Atmosphäre locker, leicht und losgelöst. Ich lief mit dem Gedanken zum Hotel, dass es sich doch gelohnt hat. Es gibt sie noch, die echten Musikfans. Man muss lange reisen und viel fliegen, um sie zu treffen, aber letztendlich sind sie noch da.
Jetzt sitz ich hier, ich armer Tropf, und schreib wieder mal alles auf, was so passiert ist. An einem grauen, regnerischen Dezembertag in Oberfranken. Und denk an die Leute in Queenscliff. Und an Max, dem Bäume aus dem Kopf wachsen und der wahrscheinlich gerade durch Sydney brettert, um irgendwo irgendwelche Verstärker loszuwerden
FAREWELL, MY FRIEND!
And no worries….

Steffffffffff

PS: Während der Tour in Australien hat Miller Anderson, Gitarrist und Sänger der europäischen Formation der Spencer Davis Group, die Band verlassen. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, der letztendlich ausschlaggebende Grund dafür ist, dass Miller auch bei dieser Tour in Oz nicht dabei war. Mill war 18 Jahre in der Band. Ich hoffe, dass das letzte Wort in der Angelegenheit noch nicht gesprochen ist. Die Band war verdammt gut mit dir als Gitarrist und Sänger, Mill!!
I'll miss you mate!!!!!