| Glaubt's oder nicht, wir haben ihn getroffen. Er fährt ein Auto
aus Gaffer Tape, der
WIZARD OF OZ (DER ZAUBERER VON OZ)
Wenn ich mich recht entsinne, schlugen wir (ED TREE - guit, voc;
EDDIE HARDIN - key, voc; COLIN HODGKINSON - bass, voc; STEFF PORZEL
- drums, voc; SPENCER DAVIS - guit, voc) am zehnten November
irgendwann vormittags auf dem Flughafen Sydney auf. Die Reise nach
Oz (Für die, die's nicht wissen: OZ ist die weltweit amtliche
Abkürzung für Australien im Englischen; gez. Prof. Dr. ling phil
psych Porzel…) ist eine äußerst unangenehme und schmerzhafte
Angelegenheit, die im Laufe dieses nicht enden wollenden Fluges zur
Folter ausartet. Man verbringt gut und gerne 23 Stunden in
unglaublich beengten Verhältnissen, die ihre Ursache zumeist in der
Arschnase haben, die in dem Flugzeugsessel vor einem sitzt. Sobald
der Flieger sich nach dem Abheben in einigermaßen stabilen
Verhältnissen befindet, klappt nämlich wie auf Zuruf die
Sessellehne des Vordermannes zurück und sorgt in den nächsten 13
Stunden bis zur Zwischenlandung in Singapur für Atemnot,
Schweißausbrüche, totalen Durchblutungsstop und damit verbundene
Lähmungserscheinungen. Nicht zu vergessen die diversen
Gebissverformungen, die das schweinslederne Druckmittel bereits nach
ein paar Minuten schon hinterlässt. Mir ist im Laufe der vielen
Tourneen immer wieder aufgefallen, dass dieses Phänomen bei
Kurzzeitflügen so gut wie gar nicht auftritt. Die Lehne bleibt bei
kurzen Flügen nach London, Budapest, Stockholm oder Neapel immer
da, wo sie ist und lässt Raum zum Atmen. Ist man jedoch länger
unterwegs, zum Mars und zurück oder so ähnlich, schleichen sich immer
und ausnahmslos jene sadistischen Schweinehunde in den Flieger,
die die Hälfte der Fluggäste bis zur Unkenntlichkeit entstellen.
Diese Situation ist noch schlimmer geworden, seitdem man keine
Messer oder Rasierklingen mehr mit an Bord nehmen darf. Derlei Dinge
haben früher doch immer noch Eindruck geschunden und diese
Drecksäcke dazu veranlasst, sich gerade hinzusetzen. Hach ja,
früher war doch alles besser, gelle? Selbstverständlich blies die
Klimaanlage des Fliegers 13 Stunden lang genau dahin, wo sich mein
empfindliches Näschen befand, und weil ich nicht ausweichen konnte,
holte ich mir erst mal so zum Anfang eine der gewaltigsten
Stirnhöhlenentzündungen, die die Menschheit je gesehen hat. Alles
bloß wegen dem Deppen da! Aber ich schweife schon wieder ab…
Nach der ersten Nacht in Sydney klopfte "mein alter
Kumpel" Colin Hodgkinson an meine Hotelzimmertür mit der
Bitte, mal nach seinem Rücken zu schauen. Ich habe Colin in den
letzten Jahren schon mehrmals verarztet, was immer auch anstand,
aber so schlimm wie diesmal war's noch nicht. Der arme Kerl war
übelst zugerichtet von australischen Bettwanzen und nicht nur sein
Rücken sah aus wie ein Streusselkuchen. Also erstmal ab zum Onkel
Doktor, Salbe besorgen. Und dann hab ich ihn jeden Tag kräftig
eingeschmiert, in der Hoffnung, dass sich das bald normalisiert.
Tat's aber nicht. Der Juckreiz wurde jeden Tag schlimmer, der arme
Col hat geheult vor Verzweiflung. Nach einer Woche haben wir's dann
noch mal mit ganz, ganz, ganz viel Salbe auf einmal probiert. Worauf
sein Rücken regelrecht explodierte. Der Onkel Doktor hat dann
gleich darauf festgestellt, dass Colin allergisch gegen die Salbe
war. Blöd gelaufen, ich hab's echt nur gut gemeint. Tut mir leid,
Col, das konnte ich echt nicht wissen. Mittlerweile geht's ihm aber
wieder gut, und er ist gerade mit Frank Diez und dem ELECTRIC BLUES
DUO irgendwo in deutschen Landen unterwegs…
Der erste Gig Down Under fand, wie nahezu alle anderen Gigs, in
so genannten RSL Clubs statt. RSL heißt "Retired Soldiers
League", also so was wie "Vereinigung von Soldaten im
Ruhestand", und das Publikum war im Großen und Ganzen auch so,
wie's der Name sagt. Über RSL Clubs hab ich ja schon mal
geschrieben, aber hier noch mal eine kurze Zusammenfassung dieses
Australischen Phänomens: Diese Clubs sehen alle gleich aus, riechen
gleich, sind baugleich, beinhalten den gleichen Menschenschlag, die
gleichen Attitüden, die gleichen schlechten PA-Systeme und die
gleichen "Pokie machines". Pokie Machines sind die
Spielautomaten, denen Heinz Strunk verfallen ist (Wer Heinz Strunk
ist, steht weiter unten auf dieser Website, einfach runterscrollen…),
also diese langweiligen Dinger, die hierzulande einsam und verlassen
in den Kneipen hängen und Kleeblätter und schwarze Hüte und so
Zeug anzeigen. Nicht so in RSL Clubs. Dort ist gewöhnlich ein
ganzes Erdgeschoss vollgepfropft mit bis zu 200 von diesen
lärmenden Deppenkisten. Und die vereinsamen durchaus nicht. Die
sind alle belegt. Die Süchtigen schmeißen wortlos ihre Rente da
rein. Keiner sagt was, keiner bewegt sich. Man schweigt gemeinsam.
Auch eine Art, mit der eigenen Existenz abzuschließen. Herzlichen
Glückwunsch! Manch einer da drin kann stolz darauf sein, die
letzten 15 Jahre seines Lebens nichts anderes getan zu haben, als
Münzen in eine Metallkiste gesteckt zu haben. Vielleicht ein
Paradies für Heinz "Heinzer" Strunk, der Gipfel der
Geschmacklosigkeit jedoch für einen sensiblen Maurer und
Schlagzeuger wie meinereinen. Höchstens vergleichbar noch mit den
frittierten Mars Riegeln, die's überall in England zu kaufen gibt
(Die gibt es tatsächlich, die frittierten Mars Riegel. Das hat mich
an meinem Verstand zweifeln lassen, aber die Dinger gibt's
tatsächlich!! Aber ich schweife schon wieder ab…).
In verschiedenen, aber gleichen RSL Clubs also haben wir 10 mal
gespielt, aber die ersten fünf davon werden uns wohl allen im
Gedächtnis bleiben: Nachdem wir den ersten Club eine Stunde lang
gesucht hatten, fiel mir am Straßenrand ein alter, durchgerosteter,
schrottreifer Klein(st)lieferwagen auf, auf dessen Ladefläche ein
Leslie - Case stand (siehe Foto). Wir hielten eigentlich bloß an,
um nach dem Weg zu fragen, aber aus dem Häuflein Elend von einem
Auto kroch ein Kerl, wie man sich den australischen Buschläufer
gemeinhin vorstellt. Ein Bauch, der lange vor seinem Träger am Ziel
ankommt, ein Bart, der seiner Gattung alle Ehre macht, und lange, in
Ehren ergraute und total verfilzte Haare. Der Mann hieß Max und
sollte unser Backliner für die nächsten fünf Gigs sein. Alles an
Max war eigenständig. Sein Auto bestand zum größten Teil aus dem
von Musikern und Roadies verwendeten schwarzen "Gaffer
Tape", einem Klebeband, mit dem man die ganze Welt reparieren
kann und das auch mir in den letzten dreißig Jahren so manchen Gig
gerettet hat. Mit Müh und Not konnte man noch feststellen, dass es
sich bei der Kiste mal um einen Daihatsu gehandelt haben muss. Max
seinerseits bestand aus einem T-shirt, das aus Löchern bestand,
einer Hose, die aus fast gar nichts bestand, und ein paar Schuhen,
die das Zeitliche bereits vor Jahrzehnten gesegnet hatten. Und Max
war ein Pfundskerl!! Max wusste alles. Vertikal wusste er Bescheid
vom Jet Stream bis zum Meeresspiegel und darunter, und horizontal
von Australien bis Europa. Und der Daihatsu und Max bildeten eine
Symbiose, der eine kann ohne den anderen nicht. Solche
Persönlichkeiten trifft man heutzutage nur noch sehr selten, die
sich einen Dreck drum scheren, was die Menschheit so von ihnen
hält. Das wohltuende Gegenteil jeglichen Spießertums, und wenn er
mal nicht fahren musste, ein wahrlich gestandener Biertrinker vor
dem Herrn. Kurz bevor wir Max verlassen mussten, weil wir nach
Brisbane weiterflogen, stellte sich heraus, dass der Mann auch noch
Deutsch konnte und in Mannheim geboren ist. Wir haben ihn also
tatsächlich getroffen, den Wizard of Oz, den echten australischen
Zauberer. Hier ein Bild von ihm. Sieht ein bißchen so aus, als
würden Bäume und Äste aus ihm raus wachsen. Geheimnisvoll. Es
sollte mich nicht wundern, wenn's tatsächlich so wäre… |