Dienstag, 10. Oktober 2006, dreiviertelzwölf nachts

The Swansea Grand Theatre and the London Heathrow Airport -
Communication breakdown!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Es kommt tatsächlich immer drauf an, wer in Sachen Organisation dahinter steckt. Bei dem Gig für die Krebshilfe in Swansea - Wales waren es Top Leute! Das Grand Theatre war ausverkauft, und das an einem Montag. Mit von der Partie diesmal auch Ed Tree, seines Zeichens Gitarrist in der Amerikanischen Formation der Spencer Davis Group. Wir hatten nach dem Desaster auf der letzten UK Tour diesmal ein Hotel mit richtig angenehmen Duschen; mit Betten, in die man sich tatsächlich reinlegen konnte, ohne sich gleich die Krätze zu holen, und angenehme, freundliche Leute an der Rezeption. Die Crew im Theater kannte sich mit der PA aus und wusste neben der Soundqualität auch einen angenehmen Umgangston zu pflegen, im Backstagebereich gab's die Möglichkeit, sich zwischendurch mal hinsetzen zu können, und in einem Eimer mit kaltem Wasser lag selbiges auch in Flaschen abgefüllt. Sogar Bier war da.
Das Publikum war eins der Besten, die ich bisher erleben durfte, sehr enthusiastisch und immer dabei; die Band war gut aufgelegt, und ich hatte das beste Mietschlagzeug, das mir je untergekommen ist. Besorgt hat das Wahnsinnskit kein Geringerer als der Schlagzeuger der Dire Straits, TERRY WILLIAMS (der Dünne im Bild neben dem Dicken mit der Halbglatze…)!! Da hat's mich echt gesetzt! Der Drummer der Dire Straits besorgt mir ein Schlagzeug! Man soll's nicht glauben. Vielen Dank, Terry! Die Kiste war vom Allerfeinsten! Wir hatten wirklich einen wundervollen Tag in Swansea und einen wundervollen Abend im Grand Theatre, und es war echt schade, dass wir am nächsten Tag gleich wieder weg mussten. Eddie wird da zwar wieder ganz anderer Meinung sein, aber für mich war's schön diesmal….
Das heißt aber nicht, dass ALLES glatt ging. Ich lass ein bisschen was weg und fang' bei der Ankunft am nächsten Tag am Flughafen London - Heathrow an. Lest 's aufmerksam durch, es wird sich lohnen! Ich kann euch versichern, dass sich das alles so zugetragen hat.

KEINE LÜGE!

Als wir aus dem Zug von Paddington kommend nachmittags um halbzwei ausstiegen, fiel uns zunächst mal die laaaaaaaaaaaange Schlange vor Terminal 2 auf. Es stellte sich raus, dass das gesamte Terminal evakuiert worden war. Keiner wusste, warum. Informationen waren nirgends zu bekommen. Bis auf die eine Lautsprecherdurchsage, bei der es auch für die nächsten paar Stunden bleiben sollte: "Betreten sie auf keinen Fall Terminal 2! Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an Ihre Fluggesellschaft." Und da ging's jetzt schon wieder los mit dem Englischen Organisationstalent: Wo befanden sich die Schalter der jeweiligen zuständigen Fluggesellschaften? Ihr ahnt es: Auf Terminal 2. Das war aber evakuiert. Keiner rein, keiner raus. Wir haben dann in Frankfurt bei der Lufthansa angerufen. Die sagten uns, dass sie nichts wüssten, weil die Lufthansa-Schalter in Heathrow ja evakuiert waren und deswegen keiner ans Telefon konnte.
Nach den Erfahrungen der letzten UK Tour machten Bernie und ich uns schon mal für die Übernachtung auf den Flughafenfliesen fertig. Es sollte sich herausstellen, dass wir damit gar nicht mal soooo Unrecht hatten. Es passierte nämlich nichts. Also nichts für Stunden. Rein gaaaar nichts. Nachdem wir vor lauter Langeweile fünfmal nach Terminal 1 und wieder zurückgerannt waren, passierte dann doch was: Die BBC rückte an. Die hatten nämlich auch spitzgekriegt, dass sich da was nicht reimte.
Und jetzt kommt der absolute Hammer, Freunde!
Da standen ungefähr 1200 Leute rum. Alle mittlerweile ziemlich verwirrt und verwahrlost. Wen pickt die BBC mit vorgehaltener Kamera für ein Interview aus der Menge?
MEINEN alten Freund und Kupferstecher BERNIE ZYLKA!! Bernie erzählte der nette jungen Dame, dass er das, was sie wissen will, selber nicht weiß, weil er ja nicht wusste, was da los war, und kurze Zeit später erschienen die messerscharfen Gesichtszüge von MEINEM alten Freund und Kupferstecher BERNIE ZYLKA in England bei den Breaking News auf der Glotze, wo er der Nation erzählte, dass er das, was die Nation wissen wollte, auch nicht weiß, weil er ja nichts wusste. Mann, war ich vielleicht stolz!
Mit der Zeit erschienen eine Menge Feuerwehrautos, Polizeibusse, Spürhundtransporter, Krankenwagen und alles, was dazugehört. Nur Information kam nach wie vor keine.
Bis neben uns eine Tür aufging, deren Existenz uns bis zum Aufgehen verborgen war. Da kamen drei Flughafenangestellte raus und fingen an zu Rauchen wie die Narren. Einer hat mir erzählt, dass er eigentlich schon seit drei Stunden zu Hause sein wollte, aber sein Hausschlüssel war leider in seinem Büro im Terminal 2, und nach dem Mittagessen haben sie ihn da nicht mehr reingelassen, weil da schon alles evakuiert war, als er zurück kam. Ich hab' ihm ersatzweise meine Schlüssel angeboten, weil ich sicher war, dass ich die heute nicht mehr brauchen würde, und hab' ihm eine Zigarette angeboten. Der Gag hat das Eis gebrochen und der Mann erzählte uns, was da eigentlich war: Irgendein (bitte die Wortwahl zu entschuldigen, aber) Arschloch ist zu den Schaltern einer Fluggesellschaft reingegangen, deren Name hier nicht fallen soll, hat ein Päcken hingeschmissen und ist abgehauen. Verständlicherweise wurde die Hütte dann dichtgemacht. Unverständlicherweise aber kam niemand von den jeweiligen Fluggesellschaften, um die Leute zu beruhigen oder ihnen zu erklären, dass das alles in ihrem Interesse geschlossen ist. Und der Flughafenangestellte hat mir dann das erzählt, was ich schon seit Jahren vermute: Es findet einfach keine interne Kommunikation der Zuständigen statt. Informationsaustausch scheint gegen die Interessen einzelner Abteilungen zu sein. Wie auf der letzten UK Tour bei uns. Jetzt weiß ich, woher's kommt! Ihre Bestätigung findet die Aussage des netten Flughafenangestellten im Folgenden:
Nach vielen Stunden des Wartens wurden plötzlich alle Polizeibarrieren innerhalb von zwei Minuten abgebrochen, und Terminal 2 war ohne jeden Hinweis plötzlich offen. Das hatte natürlich zur Folge, dass 1200 Leute das Teil stürmten. Die wollten ja nach Hause. Oder verständlicherweise einfach weg da.
Und jetzt kommt noch mal der absolute Hammer, Freunde!
Im Gebäude stand ein Mann, der 1200 Leuten mitteilte, nicht zu ihren Abfertigungsschaltern zu gehen, sondern sich stattdessen in den ersten Stock zu begeben. Was wir auch taten. Im ersten Stock stand ein Mann, der uns mitteilte, wir möchten uns bitte zum anderen Ende des Gebäudes begeben. Was wir auch taten. Am anderen Ende des Gebäudes stand eine Frau, die uns mitteilte, wir möchten uns bitte über den Gepäckwagenabgang nach unten ins Erdgeschoss begeben. Wir langten uns spätestens da zwar alle ans Hirn, gingen aber trotzdem zurück nach unten. Wieder im Erdgeschoss angekommen, stand da wieder ein Mann, der uns mitteilte, wir möchten uns zum anderen Ende des Gebäudes begeben. Also zu dem Eingang, durch den wir reingekommen waren. Spätestens jetzt war uns allen klar, dass die schwer einen an der Klatsche haben, wir gingen aber trotzdem zurück. Und glaubt's oder glaubt's nicht: Am Eingang zum Ausgang stand noch ein Mann, der uns alle da wieder rausschickte, wo wir reingekommen sind. Noch Fragen? Da standen also 1200 Leute genau wieder da, wo sie angefangen hatten. Die Türen des Terminals schlossen sich, und wir alle glotzten uns fassungslos an. Bis auf ein paar Schwaben. Die platzierten kurzerhand ihren Koffer auf der Mitte der Strasse und fingen auf demselben an, einen munteren Skat zu klopfen.
Das nenne ich Stil! Respekt! Fast schon Fränkisch!
Weiter geht's: Die Tür ging auf, ein roter Kopf kam raus und brüllte die Leute an, sie sollten sich gefälligst zur anderen Straßenseite begeben, sonst kämen sie hier nämlich überhaupt nicht rein!
Und dann kam eine Lautsprecherdurchsage, die uns allen vor Lachen die Füße unter den Beinen wegzog:
"Herr Gustav Müller (oder wie immer der hieß…), begeben Sie sich bitte zu ihrem Flugschalter in den ersten Stock!"
Haben Sie schon mal 1200 Leute lauthals Lachen hören? Es wurden Rufe laut wie "Viel Glück, Kumpel!", "Good Luck, mate!" oder "Sag nen schönen Gruß, wenn du zu Wort kommst, Gustav!"
Die Menge beruhigte sich schließlich wieder und das Warten ging erneut los. Nach einer weiteren Stunde wurden schließlich die ersten Österreicher zum Flug nach Wien gerufen. Nicht viel später waren wir auch dran. Nach dem Einchecken mussten wir Spencer's Gitarre (die wir für ihn wegen der morgen anstehenden Deutschlandtour mit heimgenommen haben) zum Sperrgepäck bringen. Ein ausgehungert dreinblickender junger Angestellter schickte uns abermals zum anderen Ende des Gebäudes, wo aber keiner am Schalter war. Eine erneute Anfrage bei einem anderen Angestellten ergab, dass sich der Schalter für's Sperrgepäck unglaublicherweise an der anderen Seite des Gebäudes befand. Nochmal hundert Kilometer laufen! Aber das wenigstens stimmte dann.
Wir hatten die Klampfe los, gingen durch's Gate (wo die uns übrigens aus Kontrollgründen unsere Turnschuhe ausziehen ließen. Das hat vielleicht gemüffelt da. Die Turnschuhe von 1200 Leuten…) und trafen lustigerweise noch Terry Evans und seinen Schlagzeuger, die sich das Geschehen schon seit längerer Zeit von der anderen Seite anguckten. Eigentlich wollten wir mit den Zweien noch Spaghetti essen gehen, aber da wurde der Flug nach Frankfurt angezeigt und wir rannten zum Gate, nicht wenig verwundert über den plötzlich so raschen Ablauf der Dinge. Und hier ist nochmal der absolute Hammer, Freunde! Nach dem Abstempeln der Boarding Card kam stundenlang KEIN Transportbus zum Flieger. Die Nachforschungen der völlig überforderten, bereits mit einem Bein im Narrenhaus stehenden, aber trotzdem total netten Dame vom Boarding Card Schalter ergaben, dass unglaublicherweise einer der Gepäcktransporter auf dem Weg zu irgendeinem Flieger sein Gepäck verloren hatte, welches sich nun in langer Reihe auf dem Rollfeld herumfläzte und den Busverkehr zum Erliegen brachte. Irgendjemand schien sich dann letztendlich erbarmt zu haben, den Krempel wegzuschieben, denn wir saßen auf einmal im Flieger nach Frankfurt.

Diese Geschichte hat sich so zugetragen, wie ich sie aufgeschrieben habe.
Vielen Dank auch an dieses dämliche Arschloch, das das Päckchen da rein geschmissen hat!
Ich muss jetzt in die Koje, Leute, morgen früh ist die Nacht rum, wir gehen auf Tour.
Wo wir zuerst hinmüssen?
Nach Frankfurt. Zum Flughafen. Die Anderen holen.
Sie kommen von Heathrow….

Gute Nacht, und passt auf euch auf!

Stefffffffffffffffffffffffffffffff