15. September 2006

Die "Höflich-geht-die-Welt-zugrunde"-UK-Tour 2006

Um's gleich klarzustellen: Ich besuche die Insel regelmäßig seit fast zwanzig Jahren. Ich kenn' sämtliche Eigenarten, bin der Landessprache (sogar akzentfrei!!) mächtig und weiß, dass das vereinigte Königreich sehr schöne Ecken hat. Es geht auch nicht um irgendwelche Starallüren oder so'n Blödsinn. Mir geht's hier nur darum, die Geschichten, die in einem Musikerleben so passieren, möglichst ehrlich aufzuschreiben. Ohne die übliche, Zucker streuende, langweilige Schönfärberei, eher lustig, und wenn's geboten ist, auch mal sarkastisch. Deswegen wollte ich, um die Objektivität zu wahren, eigentlich mit diesem Tourbericht warten, bis die Wut sich einigermaßen gelegt hat. Sie legt sich aber nicht. Weil wieder mal das eingetroffen ist, was ich in den letzten dreißig Jahren im Musikgeschäft so richtig lieben gelernt habe: Das Gefühl, ausgenutzt und gnadenlos missbraucht zu werden. Das Gefühl, dass sich da irgendjemand hinter den Kulissen auf meine und Bernie's Kosten eine goldene Nase verdient hat. Deswegen dauert's diesmal wieder ein bisschen länger, weil Schreiben als therapeutische Maßnahme eben hilft, Traumata zu verarbeiten.

Ich fang' mal an mit ein paar guten Ratschlägen für denjenigen Musiker, der eine Tour in UK angeboten bekommen hat und nicht so recht weiß, was da auf ihn zukommt:

1. Geh' nicht!!!
2. Du wirst natürlich nicht hören und wirst trotzdem gehen. Für den Fall, dass du gehst: Wann immer sie dir drüben versichern, dass irgendwas "nice and comfortable" ist, vermeide jeden Kontakt und lauf' um dein Leben!!!!
3. Fahr' auf dem Weg zum Gig beim Supermarkt vorbei und hol dir Lebensmittel. Die lassen dich sonst glatt verhungern.
4. Buche keine Hotels. Schlaf im Auto oder im Strassengraben. Das ist sauberer und bei weitem ungefährlicher!
5. Natürlich buchst du trotzdem ein Hotel. Falls du dort den Satz "It's against the law" hörst: Das bedeutet nichts anderes als "Ende der Diskussion!!!" Das heißt, du kriegst kein Handtuch für dein Zimmer, aus, fertig!
6. Wichtiger als Führerschein, Reisepass oder Personalausweis ist deine KREDITKARTE! Ein Mensch ohne Kreditkarte ist heutzutage als solcher in UK nicht mehr anerkannt.

Ich mein's gut mit dir, und ich will es dir erklären, mein Freund:
Achtzehn Stunden sind Tourmanager Bernie und ich bis Windsor gefahren, wo wir uns zunächst mit Eddie und Spencer getroffen haben. Einzige Unterbrechung war die Fähre von Calais nach Dover. Dann hat's aber auch gereicht. Also mir zumindest. Mehr als ein Pint o' Foster's (ins Fränkische übersetzt: A Seidla Bier) in der Hotelbar war nicht drin, ich bin fast im Stehen eingeschlafen. Aber trotz aller Müdigkeit: Hätte ich gewusst, was uns in UK erwartet, ich wäre umgekehrt und zurück zur Küste gerannt, um den Kanal anschließend in derselben Nacht noch schwimmend zu durchqueren!

Was die Briten aus ihrer Musik und ihrer Gastfreundschaft, oder anders gesagt und uns direkt betreffend, aus ihren Liveclubs und ihren Hotels in den letzten paar Jahren gemacht haben, hat der Rest der Welt noch nicht gesehen. Der Meinung bin übrigens nicht nur ich, vielmehr befand sich die die gesamte Combo in einer Art zweiwöchigem Dauerschock und wurde nicht müde, sich für die auf uns eindonnernden Mentalitätsunterschiede zu entschuldigen.

Ich mach' das jetzt seit dreißig Jahren. Ich hab' während und vor meiner Tanzmuggerzeit in Drecklöchern geschlafen, da jagt ein Veranstalter normalerweise nicht mal seinen Hund rein (Es sei denn, um die Identifizierung darin verendeter Schlagzeuger zu erschweren…). Aber in Drei- bis Fünf Sterne Hotels beim Duschen bis zu den Knien im Schimmel zu stehen ist mir diesseits des Kanals noch nicht passiert. Diese Hütten würde das Gesundheitsamt hierzulande zwei Minuten nach Eröffnung dichtmachen.

Eddie hatte das Glück, bei den ersten drei Hotels dieser Tour in Folge keinen Toilettensitz zu haben. Man hat ihm jedoch jedes Mal versichert, dass der Schaden am nächsten Tag unmittelbar nach seiner Abreise behoben wird. Gleich am ersten Tag in Windsor wurde mir der Zutritt zu meinem bereits gebuchten und bezahlten Zimmer verweigert, weil ich keine Kreditkarte hatte. Spencer hat mich dann mit seiner Karte rausgehauen.

Auch in einem "Im-Brandfall-Notausgang" hab ich noch nicht übernachtet. So geschehen in einer grauenhaften Absteige namens "Beaufort Hotel". Da stand in grün weißer Schrift über meiner Zimmertür "FIRE EXIT". Ich hab die Tür trotzdem aufgemacht und bin durch gegangen. Und siehe: Das war tatsächlich mein Zimmer. Über dem Fenster fand sich der gleiche Schriftzug. Ich wohnte im "FIRE EXIT". Im Falle eines Brandes also würden sämtliche Hotelinsassen quer durch mein Zimmer über mein Bett an meinem Koffer vorbei über meine Klamotten am Schimmelpilz in der Dusche vorbei zum Fenster raus die Feuerleiter runter evakuiert werden. Selbstverständlich war zu diesem Zwecke auch gesetzlich verankert, dass weder Zimmertür abgesperrt noch Fenster geschlossen werden durften. Mir schon klar, dass das keiner glauben will. Deswegen hab ich's ja auch fotografiert. Da guckste, wa? In tiefer Sorge und um Gepäck und eig'nes Leben fürchtend blieb ich dann in meinem Notausgang sitzend die ganze Nacht wach.


Aus gutem Grund! Die Nacht vorher nämlich wurden Spencer und mir in einem anderen Höllenloch sogar unsere "DO NOT DISTURB" - Schilder nachts von der Hotelzimmertür runtergeklaut. Also jetzt mal im Ernst: Wer braucht denn so was???? Und überhaupt! DO NOT DISTURB Schildchen! Ein Kapitel für sich! Ich hab mal in einer anderen Schimmelzuchtbude mein "DO NOT DISTURB" Schildchen rausgehängt (natürlich richtig rum!) und innerhalb von zwei Minuten stand der "ROOMSERVICE" mitten im Zimmer. Natürlich ohne vorher anzuklopfen. Der Mann muss durch die geschlossene Tür reingeschwebt sein. Unheimlich! Plötzlich diese Stimme beim Urinieren: "Excuse me Sir…". Er hätte sich in der Tür geirrt. Ich hab dann mein "DO NOT DISTURB" Schildchen an der Hand genommen, bin damit zur Rezeption getigert und hab' anständig gefragt, ob sie mir das umtauschen könnten. Weil's nämlich kaputt zu sein scheint. Nun gut. Für derlei Humor haben Hotelbetreiber weltweit kein Verständnis, da handelt es sich zugegeben nicht nur um eine Britische Eigenart. Aber ich konnte einfach nicht widerstehen. Umgetauscht haben sie's nicht, aber versichert, dass das nicht wieder vorkommt. War ja auch nicht so schwer, wir sind eh nur von nachts um zwölf bis früh um sieben da gewesen.

Die lustigste und damit Krönung aller Unterkünfte bei dieser Tour jedoch schien mir ein schwimmendes Nachtlager namens "FLOATEL" zu sein. Das ist tatsächlich, wie die lustige Wortspielerei bereits verrät, ein schwimmendes Hotel. Es schwimmt in einer Art abgelegenem Nebenbecken eines romantischen Flüsschens vor sich hin. Und weil das Wasser, in dem jenes Kleinod schippert, sich so gut wie gar nicht bewegt, müffelt's halt im Sommer auch dementsprechend. Die Hütte und die Brühe stinken aus allen Poren. Sowohl im Hotel wie auch außen vor. Man hatte die Wahl zwischen Teufel und Beelzebub: Zwischen Chlorgestank und Müffelmoder bei geschlossenem Fenster oder Müffelmoder und Mörderschnakeninvasion bei geöffnetem Fenster. Also Fenster zulassen, Koffer geschlossen halten und unausgezogen AUF der Bettdecke (wegen der Infektionsgefahr) vor sich hindämmern, bis es dem Morgen graut.

Und wie um den roten Faden beizubehalten wurden wir bei so vielen Nächten ohne Schlaf als unangenehme Begleiterscheinung auch bei den Musikclubs nicht mit offenen Armen empfangen. Wär' ja auch zu einfach gewesen. Die normalerweise vertraglich zugesicherten Aufbauhelfer waren grundsätzlich nie da. "We expect them in about half an hour" hieß jedes Mal soviel wie "Wir haben niemanden und ihr kriegt auch niemanden. Macht eueren Kram selber!". Soviel haben wir gelernt. Helfershelfer sind nie da gewesen. Und dass sie angefordert waren, war jedes Mal glatt gelogen. Jeden Tag. Also selber machen. Jeden Tag zwei Stunden aufbauen und zwei Stunden abbauen.
Einmal hat einer mitgeholfen. Der hat einen ungefähr 10x10x20 Zentimeter kleinen Hochtöner reingetragen. Das hat er tatsächlich ganz alleine gemacht. Der war dann aber auch völlig überarbeitet und urlaubsreif, der Knabe.
Aber nicht dass einer auf die Idee kommt, die vier Stunden Mehrarbeit jeden Tag hätten sich dementsprechend auf meine Kohle ausgewirkt. Keinen Penny! Höchstens auf meine drei Bandscheibenvorfälle. Da hat sich's ausgewirkt.

Eigentlich hätten wir einfach wieder nach Hause abhauen sollen, denn "Wenn wir ihnen schon nichts zu Essen geben", so haben sich die Clubbetreiber gedacht, "dann geben wir ihnen auch nichts zu Trinken. Nicht mal ne Flasche Wasser." Und so war's auch. Nicht mal ein Glas Wasser. Nicht mal ein Schluck. Colin hat mal in einem dieser freundlichen Clubs nach einem Sandwich gefragt. Antwort: "Sorry Sir, I'm afraid Sandwich is not on the menu". Eine seltsame Eigenart englischer Musikclubeigentümer. Immer höflich, nett und freundlich erklären sie dir, dass du dem Hungertod geweiht bist und sie nichts dagegen tun können. In den meisten Fällen ist nämlich alles, was Gastfreundschaft ausmacht, "against the law". Übersetzt hört sich die tägliche Dauerlitanei der Clubbetreiber ungefähr so an: "Es tut mir leid, mein Freund, aber Kaffee gibt's hier nicht. Geschweige denn Wasser. Ich darf dir keines geben. Das ist gegen das Gesetz. Leider gibt's hier auch nichts zu Essen. Ich bin gezwungen, dir das zu verweigern, sonst verliere ich meinen Job. Beeilt euch doch bitte mit dem Aufbau, wir erwarten unsere Gäste heute früher. Und könntet ihr bitte nach dem Auftritt noch zwei Stunden warten, bevor ihr mit dem Abbau anfangt? Da läuft nämlich noch Disco mit 280 Dezibel, und unsere Gäste sollen nicht gestört werden, während sie sich nach eurem Konzert bewusstlos saufen und Leute anpöbeln…."

Es geht immer um Geld. Überall. Das weiß ich, ich hab' nämlich auch keins. Aber eins ist sicher: Jeder Veranstalter diesseits des Ärmelkanals, und wenn's der größte Gauner auf Gottes Erdboden ist, würde sich für derlei Zustände in Grund und Boden schämen und sich selber drei Jahre wegen Missachtung der Menschenrechte einsperren. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mal auf die Idee kommen würde, die Existenz zünftiger Feuerwehrfeste in Laibarös oder wo auch immer zu rechtfertigen. Die unergründlichen Tiefen unserer musikalischen Wanderschaften jedoch haben mich wieder einmal in ihrer unendlichen Weisheit eines Besseren belehrt: Rock'n'Roll, du hast mich nie geliebt! In diesem Sinne wieder mal:
"Die Händeeeeeeeeeeeee zum Himmmäääääääl, kommt lasst uns fröööööhlich sein….."
Das entbehrt zwar jeglichen Niveaus, sättigt aber ungemein…

Bis die Tage!
Steffffffffffffff

PS: Fuck Political Correctness!!!