Und das kam so: Als wir vor vier Wochen mit SDG nach Dänemark
fuhren, war die Welt noch in Ordnung. Wir spielten zwei Gigs unter
der Obhut von Thomas, der in den skandinavischen Ländern das
Management für die Spencer Davis Group innehat. Thomas auf Tour ist
immer ein Garant für pure Hysterie und Skurrilität ohne Ende.
Leider kann ich darüber nur auszugsweise schreiben, der volle
Umfang würde den Rahmen sprengen und mich außerdem für ein paar
Wochen in den Knast bringen, aber wenigstens die eine Geschichte
muss sein:
Eddie, Thomas und ich hatten ein paar Drinks an einer Hotelbar,
fünf Sterne, und Thomas beschloss zu später Stunde, seinem
Schwager mal die Hand zu schütteln. Tückisch und in
innenarchitektonischer Hinsicht ziemlich link: Die Klotür war durch
den hauseigenen Treppenaufgang verdeckt und wurde von einem
gigantischen Spiegel an der Wand gegenüber noch mal gezeigt.
Zugegeben, ein solcher Spiegel kann bei ein paar Promille schon sehr
verwirren, aber die Wucht, mit der Thomas bei dem Versuch die Tür
im Spiegel aufzumachen in denselben reinknallte, erstaunte Eddie und
mich doch sehr. Dass das Ding nicht in tausend Teile zerbrochen ist,
kann ich immer noch nicht glauben. Thomas merkte irgendwann dann
doch, dass er in dem Spiegel nicht weiter kam und benutzte die Tür
nebendran. Die war zwar diesmal echt, aber auch gleichzeitig die
Tür von der Damentoilette. Daß dann bei Eddie und mir hemmungslos
die Tränen flossen, ist verständlich, oder?
Das eigentlich komische an dem Vorfall war nicht der Spiegel oder
die falsche Tür, sondern vielmehr die Blicke der oberen
Zehntausend, die in solchen Etablissements zu nächtigen pflegen.
Naja, muss man halt gesehen haben. Der Spiegel jedenfalls wackelt
glaub ich immer noch.…
Nach den zwei Gigs im Norden ging der Stress dann richtig ab.
Für diejenigen, die glauben, dass wir jeden Tag bis in die Puppen
saufen, an jedem Finger mindestens fünf Blondinen haben und den
ganzen Tag "Keep on runnin" spielen, erklär' ich jetzt
mal, wie so was überhaupt abläuft. Das juckt mich eh schon lange:
Wir stehen um sieben auf (ALLEINE!), frühstücken, setzen uns in
den Mercedes Sprinter und lassen uns von Bernie zum nächsten Hotel
in der nächsten Stadt fahren. Im Schnitt dauern die Fahrten so an
die fünf Stunden. Um Vier gehen Bernie und ich dann los, den ganzen
Krempel aufbauen. Dann Soundcheck um Sechs, Gig irgendwann zwischen
Acht und Zwölf, Abbauen, zurück zum Hotel, Duschen, Schlafen
(ALLEINE!), und dann geht's von vorne los. Jeden Tag. Wochenlang.
Und mit ein bisschen Pech hat man dann auch noch so Gigs drin wie
das "Bad Mergentheimer Bockbierfest". Als ich
"Bockbierfest" gelesen habe, war mir schon wieder
vollkommen klar, wie das abläuft. In meiner Tanzmuckerkarriere hab
ich nämlich so ziemlich jedes "Bockbierfest" hautnah
miterlebt. Und ich habe jedes Mal der heiligen katholischen Kirche
eine Kerze gestiftet, als ich, zwar sternhagelvoll, aber heil wieder
draußen war. Derlei Hollereidulljöö hab ich nüchtern noch nie
ausgehalten. Und das "Bad Mergentheimer Bockbierfest"
bildete KEINE Ausnahme:
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Die vertraglich festgelegten Aufbauhelfer
existierten nicht. |
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Die Leute, die uns hätten helfen können,
hatten keine Zeit, weil sie Fotos von uns machten. |
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Die Vor- und Nachband dachte nicht im Traum
dran, uns bei irgendwas zu helfen (Spencer schleppte mit
seinen sechsundsechzig Lenzen seinen Verstärker selber von
der Bühne und die haben zugeguckt…!!) |
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Das Catering bestand aus einem Kasten Spezi. |
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Das Bier für die Band hab ich besorgt. |
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Garderobe gab's auch keine. |
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Die Bockbierkonsumenten waren an gutem Rhythm
and Blues in keinster Weise interessiert und hätten lieber
"Diehändezumhimmälllkommlassdunsfrööölichsain"
gehört. |
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Als krönenden Abschluss hier noch das amtliche
Motto des Abends: "Null Bock auf Bock ist out". Oh
hehre Dichtkunst! Die Poeten werden nicht alle…. |
Und als Bernie dann bei dem ganzen Zinnober schließlich der Hut
hoch ging, hat man sich am nächsten Tag per eMail bei der Agentur
beschwert. Ob der rüden Ausdrucksweise der Techniker. Arschnasen!!!
Das nächst Mal gibt's gleich ein paar auf die Rübe. Wie früher.
Dann ist ein Wort geredet!
Die Tour war nach zweieinhalb Wochen rum. Ich bin dann erstmal acht
Stunden mit unseren heimischen Fussballkids acht Stunden nach Kiel
zu einem Turnier gefahren, hab zwei Tage im Auto gepennt und hab die
Kids dann wieder heimgebracht (auch acht Stunden), um meine Koffer
umzupacken und nach Frankfurt zur alten Oper zu düsen, wo wir mit
SDG zwei Tage in der alten Oper spielten. 50 Jahre Deutscher
Investmentfond. Nobel, nobel! Wieder zuhause hab ich dann ein paar
neue Butterfly - Verschlüsse an Eddie's alten Koffer gebaut, hab
mit ein paar alten Kumpels auf der Hochzeit von meinem alten Kumpel
Rupp Aumüller gespielt (ALLES BESTE FÜR RUPP UND KATHLEEN!!!!!),
und dann noch zwei Gigs mit meinen Weggefährten Steve Hyde und
Steve Chapple. Back into CHP! Und da passierte das dann. In der
Mitte vom Gig.
"People try to put us d-d-down, just because we… PENG!"
Mit einem Mal war die eigene Wahrnehmung nur noch auf's Gucken
beschränkt. Und komisch sah das alles aus. Ein paar Meter weiter
vorne tanzten die Leute, als ob nichts passiert wäre. Die beiden
Steves zupften lautlos ihre Saiten und bewegten die Münder wie im
Privatfernsehen, und meine Arme prügelten immer noch auf die
sündhaft teuren Birkenholzkessel ein.
Nur Hören konnte ich das auf einmal alles nicht mehr.
In solchen Situationen neigt wohl der Großteil der Menschheit zur
Panik, eine coole Sau wie ein Schlagzeuger jedoch genießt zunächst
mal die Ruhe und sieht sich das ganze Geschehen auch mit derselben
an. Genug Bier war ja vorher schon den Hals runtergelaufen, da regt
man sich dann nicht mehr so auf. Außerdem ist einem nach
fünfunddreißig Jahren "Yippiyippiyeah" zwischen
Bayrischem Bierzelt und Frankfurter Oper nichts Menschliches mehr
fremd, und man weiß ja, dass sich das alles im Laufe des Abends von
selber erledigen wird. Und wenn's doch nicht am selben Abend gleich
ein Ende findet, dann dauert's halt ein paar Jahre länger.
Wozu also diese Hektik…
Während sich "My Generation" also in aller Stille dem
Ende näherte, glitt die Szenerie der Open-Air-Veranstaltung mehr
und mehr ins Surreale ab. Weil nämlich die Stille auf einmal Sachen
anbot, die ich schon Hunderttausend mal gesehen haben muss, aber nie
mitgekriegt habe.
Zum Beispiel hat da einer verzweifelt versucht, sich eine Kippe zu
drehen. Den Tabak vorne rein, und hinten wieder raus. Vor dem Knaben
lagen mindestens schon um die zehn Euro Material, durch stetiges
Hin- und Herschwanken gut verteilt. Die eine Hälfte eines
Vermögens! Indirekt zunichte gemacht durch die andere Hälfte des
Vermögens, das jetzt weiter rechts drüben in der Bierkasse vom
Wirt lag.
Ich sah Unmengen von Senf aus Bratwurstsemmeln tropfen und dabei auf
dem Weg nach unten T-Shirts und Hosen einsauen, während sich ganze
Ketchupfluten von Steakbroten herab ergossen, um sich in eh bereits
geröteten Gesichtern zu verteilen (So richtig klasse wirkte das vor
allem bei den Bartträgern…).
Des Weiteren soff man sich an zahlreichen Biertischen gegenseitig
schön, um dann irgendwann völlig ermattet und jeglichen
Bewusstseins beraubt an denselben einzuschlafen.
Verhütung auf Fränkisch.
Eine Art Volkssport in diesen Breitengraden.
Man geht hier am Samstagabend zum Verhütungstrinken.
Mit Sicherheit auch nicht kostenintensiver als ein romantischer
Abend mit der Angebeteten im Restaurant oder Kino, aber, was die
Eindämmung mancher Pilzarten angeht, wesentlich effektiver!
Alles in allem sah ich also nichts Neues in dieser Nacht. Aber
aus der Perspektive der totalen Lautlosigkeit gesehen wurde die
Veranstaltung zum proletarischen Gesamtkunstwerk.
Doch die Wiedererlangung der Wahrnehmung (paradoxerweise durch den
Verlust derselben) ist nur eine positive Seite eines Hörsturzes.
Eine andere fast noch angenehmere ist die Wiedererlangung der
Fähigkeit zur Konzentration. Ich glaube allen Ernstes, dass ich
mich bereits seit dreißig Jahren nicht mehr richtig konzentrieren
konnte, weil dauernd irgendein Arsch "Ey, AC/DC, ey"
gebrüllt hat. Oder "Sweeeeet Home Abalama" oder irgend so
was.
Im Moment muss ich den Leuten nicht mehr selber sagen, dass sie sich
beim Schreien ruhig verhalten sollen. Sie tun es auf wunderbare
Weise wie von selbst.
Verbalplayback sozusagen.
Schrei du nur, Gott straft dich schon…
Der Doktor hat gesagt, dass dieser wunderbare Zustand in spätestens
drei Wochen der Vergangenheit angehören wird. Und in der Tat:
Nachdem ich mir jetzt zwei Wochen lang Tabletten wie Smarties
eingepfiffen habe, kehrt das Hörvermögen langsam zurück.
"Ey, Rammschdain, ey!!!".
Und WM ist auch noch: "LUGGAAS BODDOLLSGI !!!!!"…
Ich glaub', ich lass mich morgen vom Onkel Doktor wieder taub
machen. |