28. Juni 2006

So was passiert unglaublich schnell. Innerhalb einer Millionstel Sekunde ist dein Leben auf den Kopf gestellt und nichts ist mehr wie es war.
Wir waren gerade bei "People try to put us d-d-down, just because we…", als die Welt mit einem letzten lauten PENG still wurde und meine Ohren sich in ihren wohlverdienten Zwangsurlaub verabschiedeten.

TEMPORÄRER VERLUST DES HÖRVERMÖGENS DURCH WIDRIGE UMSTÄNDE

Und das kam so: Als wir vor vier Wochen mit SDG nach Dänemark fuhren, war die Welt noch in Ordnung. Wir spielten zwei Gigs unter der Obhut von Thomas, der in den skandinavischen Ländern das Management für die Spencer Davis Group innehat. Thomas auf Tour ist immer ein Garant für pure Hysterie und Skurrilität ohne Ende. Leider kann ich darüber nur auszugsweise schreiben, der volle Umfang würde den Rahmen sprengen und mich außerdem für ein paar Wochen in den Knast bringen, aber wenigstens die eine Geschichte muss sein:
Eddie, Thomas und ich hatten ein paar Drinks an einer Hotelbar, fünf Sterne, und Thomas beschloss zu später Stunde, seinem Schwager mal die Hand zu schütteln. Tückisch und in innenarchitektonischer Hinsicht ziemlich link: Die Klotür war durch den hauseigenen Treppenaufgang verdeckt und wurde von einem gigantischen Spiegel an der Wand gegenüber noch mal gezeigt. Zugegeben, ein solcher Spiegel kann bei ein paar Promille schon sehr verwirren, aber die Wucht, mit der Thomas bei dem Versuch die Tür im Spiegel aufzumachen in denselben reinknallte, erstaunte Eddie und mich doch sehr. Dass das Ding nicht in tausend Teile zerbrochen ist, kann ich immer noch nicht glauben. Thomas merkte irgendwann dann doch, dass er in dem Spiegel nicht weiter kam und benutzte die Tür nebendran. Die war zwar diesmal echt, aber auch gleichzeitig die Tür von der Damentoilette. Daß dann bei Eddie und mir hemmungslos die Tränen flossen, ist verständlich, oder?
Das eigentlich komische an dem Vorfall war nicht der Spiegel oder die falsche Tür, sondern vielmehr die Blicke der oberen Zehntausend, die in solchen Etablissements zu nächtigen pflegen. Naja, muss man halt gesehen haben. Der Spiegel jedenfalls wackelt glaub ich immer noch.…

Nach den zwei Gigs im Norden ging der Stress dann richtig ab. Für diejenigen, die glauben, dass wir jeden Tag bis in die Puppen saufen, an jedem Finger mindestens fünf Blondinen haben und den ganzen Tag "Keep on runnin" spielen, erklär' ich jetzt mal, wie so was überhaupt abläuft. Das juckt mich eh schon lange: Wir stehen um sieben auf (ALLEINE!), frühstücken, setzen uns in den Mercedes Sprinter und lassen uns von Bernie zum nächsten Hotel in der nächsten Stadt fahren. Im Schnitt dauern die Fahrten so an die fünf Stunden. Um Vier gehen Bernie und ich dann los, den ganzen Krempel aufbauen. Dann Soundcheck um Sechs, Gig irgendwann zwischen Acht und Zwölf, Abbauen, zurück zum Hotel, Duschen, Schlafen (ALLEINE!), und dann geht's von vorne los. Jeden Tag. Wochenlang. Und mit ein bisschen Pech hat man dann auch noch so Gigs drin wie das "Bad Mergentheimer Bockbierfest". Als ich "Bockbierfest" gelesen habe, war mir schon wieder vollkommen klar, wie das abläuft. In meiner Tanzmuckerkarriere hab ich nämlich so ziemlich jedes "Bockbierfest" hautnah miterlebt. Und ich habe jedes Mal der heiligen katholischen Kirche eine Kerze gestiftet, als ich, zwar sternhagelvoll, aber heil wieder draußen war. Derlei Hollereidulljöö hab ich nüchtern noch nie ausgehalten. Und das "Bad Mergentheimer Bockbierfest" bildete KEINE Ausnahme:

- Die vertraglich festgelegten Aufbauhelfer existierten nicht.
- Die Leute, die uns hätten helfen können, hatten keine Zeit, weil sie Fotos von uns machten.
- Die Vor- und Nachband dachte nicht im Traum dran, uns bei irgendwas zu helfen (Spencer schleppte mit seinen sechsundsechzig Lenzen seinen Verstärker selber von der Bühne und die haben zugeguckt…!!)
- Das Catering bestand aus einem Kasten Spezi.
- Das Bier für die Band hab ich besorgt.
- Garderobe gab's auch keine.
- Die Bockbierkonsumenten waren an gutem Rhythm and Blues in keinster Weise interessiert und hätten lieber "Diehändezumhimmälllkommlassdunsfrööölichsain" gehört.
- Als krönenden Abschluss hier noch das amtliche Motto des Abends: "Null Bock auf Bock ist out". Oh hehre Dichtkunst! Die Poeten werden nicht alle….

Und als Bernie dann bei dem ganzen Zinnober schließlich der Hut hoch ging, hat man sich am nächsten Tag per eMail bei der Agentur beschwert. Ob der rüden Ausdrucksweise der Techniker. Arschnasen!!! Das nächst Mal gibt's gleich ein paar auf die Rübe. Wie früher. Dann ist ein Wort geredet!
Die Tour war nach zweieinhalb Wochen rum. Ich bin dann erstmal acht Stunden mit unseren heimischen Fussballkids acht Stunden nach Kiel zu einem Turnier gefahren, hab zwei Tage im Auto gepennt und hab die Kids dann wieder heimgebracht (auch acht Stunden), um meine Koffer umzupacken und nach Frankfurt zur alten Oper zu düsen, wo wir mit SDG zwei Tage in der alten Oper spielten. 50 Jahre Deutscher Investmentfond. Nobel, nobel! Wieder zuhause hab ich dann ein paar neue Butterfly - Verschlüsse an Eddie's alten Koffer gebaut, hab mit ein paar alten Kumpels auf der Hochzeit von meinem alten Kumpel Rupp Aumüller gespielt (ALLES BESTE FÜR RUPP UND KATHLEEN!!!!!), und dann noch zwei Gigs mit meinen Weggefährten Steve Hyde und Steve Chapple. Back into CHP! Und da passierte das dann. In der Mitte vom Gig.
"People try to put us d-d-down, just because we… PENG!"
Mit einem Mal war die eigene Wahrnehmung nur noch auf's Gucken beschränkt. Und komisch sah das alles aus. Ein paar Meter weiter vorne tanzten die Leute, als ob nichts passiert wäre. Die beiden Steves zupften lautlos ihre Saiten und bewegten die Münder wie im Privatfernsehen, und meine Arme prügelten immer noch auf die sündhaft teuren Birkenholzkessel ein.
Nur Hören konnte ich das auf einmal alles nicht mehr.
In solchen Situationen neigt wohl der Großteil der Menschheit zur Panik, eine coole Sau wie ein Schlagzeuger jedoch genießt zunächst mal die Ruhe und sieht sich das ganze Geschehen auch mit derselben an. Genug Bier war ja vorher schon den Hals runtergelaufen, da regt man sich dann nicht mehr so auf. Außerdem ist einem nach fünfunddreißig Jahren "Yippiyippiyeah" zwischen Bayrischem Bierzelt und Frankfurter Oper nichts Menschliches mehr fremd, und man weiß ja, dass sich das alles im Laufe des Abends von selber erledigen wird. Und wenn's doch nicht am selben Abend gleich ein Ende findet, dann dauert's halt ein paar Jahre länger.
Wozu also diese Hektik…

Während sich "My Generation" also in aller Stille dem Ende näherte, glitt die Szenerie der Open-Air-Veranstaltung mehr und mehr ins Surreale ab. Weil nämlich die Stille auf einmal Sachen anbot, die ich schon Hunderttausend mal gesehen haben muss, aber nie mitgekriegt habe.
Zum Beispiel hat da einer verzweifelt versucht, sich eine Kippe zu drehen. Den Tabak vorne rein, und hinten wieder raus. Vor dem Knaben lagen mindestens schon um die zehn Euro Material, durch stetiges Hin- und Herschwanken gut verteilt. Die eine Hälfte eines Vermögens! Indirekt zunichte gemacht durch die andere Hälfte des Vermögens, das jetzt weiter rechts drüben in der Bierkasse vom Wirt lag.
Ich sah Unmengen von Senf aus Bratwurstsemmeln tropfen und dabei auf dem Weg nach unten T-Shirts und Hosen einsauen, während sich ganze Ketchupfluten von Steakbroten herab ergossen, um sich in eh bereits geröteten Gesichtern zu verteilen (So richtig klasse wirkte das vor allem bei den Bartträgern…).
Des Weiteren soff man sich an zahlreichen Biertischen gegenseitig schön, um dann irgendwann völlig ermattet und jeglichen Bewusstseins beraubt an denselben einzuschlafen.
Verhütung auf Fränkisch.
Eine Art Volkssport in diesen Breitengraden.
Man geht hier am Samstagabend zum Verhütungstrinken.
Mit Sicherheit auch nicht kostenintensiver als ein romantischer Abend mit der Angebeteten im Restaurant oder Kino, aber, was die Eindämmung mancher Pilzarten angeht, wesentlich effektiver!

Alles in allem sah ich also nichts Neues in dieser Nacht. Aber aus der Perspektive der totalen Lautlosigkeit gesehen wurde die Veranstaltung zum proletarischen Gesamtkunstwerk.
Doch die Wiedererlangung der Wahrnehmung (paradoxerweise durch den Verlust derselben) ist nur eine positive Seite eines Hörsturzes. Eine andere fast noch angenehmere ist die Wiedererlangung der Fähigkeit zur Konzentration. Ich glaube allen Ernstes, dass ich mich bereits seit dreißig Jahren nicht mehr richtig konzentrieren konnte, weil dauernd irgendein Arsch "Ey, AC/DC, ey" gebrüllt hat. Oder "Sweeeeet Home Abalama" oder irgend so was.
Im Moment muss ich den Leuten nicht mehr selber sagen, dass sie sich beim Schreien ruhig verhalten sollen. Sie tun es auf wunderbare Weise wie von selbst.
Verbalplayback sozusagen.
Schrei du nur, Gott straft dich schon…
Der Doktor hat gesagt, dass dieser wunderbare Zustand in spätestens drei Wochen der Vergangenheit angehören wird. Und in der Tat: Nachdem ich mir jetzt zwei Wochen lang Tabletten wie Smarties eingepfiffen habe, kehrt das Hörvermögen langsam zurück.
"Ey, Rammschdain, ey!!!".
Und WM ist auch noch: "LUGGAAS BODDOLLSGI !!!!!"…
Ich glaub', ich lass mich morgen vom Onkel Doktor wieder taub machen.

Das war jetzt aber lang, gell? Macht nix, muss ja auch ne zeitlang reichen.
Macht's gut, und passt auf eure Ohren auf!

Gute Nacht!

STEFFFFFFF