Wollen wir uns diesmal ein wenig außerhalb der ausgetretenen
Pfade des Musikgeschäfts bewegen und uns selbigen nur peripher
widmen, indem wir die schmalen Stiegen der Rock'n'Roll Literatur
betreten und uns hier im Besonderen zwei Bücher vor Augen halten,
die uns die Niederungen der Unterhaltungsmusik fast schon bis zur
Unerträglichkeit nahe bringen. Denn so wie ein gutes Essen den Sex
des Alters verkörpert, so ist die Literatur die Essenz der Musik.
Und so möchte ich Ihnen nun zu Beginn der diesjährigen
Frühlingssaison in meiner Eigenschaft als Deutschlands führender
Intellektueller und Papst aller Literaturkritiker das erste kleine
Büchlein ans Herz legen. Es trägt den wahnwitzigen Titel "FLEISCH
IST MEIN GEMÜSE" und wurde verfasst von dem nordischen
Poeten HEINZ STRUNK.
Der Autor beschreibt auf kurzweilige Art und Weise anhand
biographischer Schilderungen das Leben eines Tanzmusikers mit all
seinen Höhen und Tiefen.
Eher der Tiefen.
Höhen gibt's da nämlich keine.
Alle Gitarristen, denen geographische Begriffe wie
"Gunzendorf" oder "Poppenhausen" geläufig sind,
alle Trommler, denen von tief hängenden Scheinwerfern in den
Bierzelten bereits Glatzen gebrannt worden sind, und alle anderen
Instrumentalisten, die die schiere Verzweiflung über das völlige
nicht vorhanden sein jeglichen Niveaus bereits ein oder mehrmals
übermannt hat, werden sich in diesem Werk wieder erkennen. Sänger
ausgenommen. Die sind in der Regel so eitel, dass es ihnen
scheißegal ist, von wem sie gerade angehimmelt werden. Erbshausen
sucht den Superstar: "Du hast total schöne Haare".
Bruhahahaa…
Mir selber dreht's den Magen um, wenn ich an meine zwanzig Jahre
Tanzmugge denke. Immer schön haarscharf am Narrenhaus vorbei.
Zwanzig Jahre lang Dialoge wie "Ich war gestern in
Kleinglöbelgümmersberg" "Echt? Wer hat denn da
gespielt?" "Keine Ahnung. Is' mir auch wurscht. Aber zehn
Bier hab ich mindestens gehabt…".
Oder so Fragen wie "Könnt ihr In a Gadda von der Wieda
spielen?"
Oder so Dinger wie "Du bist echt eine Konifere auf deinem
Gebiet".
Oder "Äisi, ey". Das hieß "Würdet ihr bitte was
von AC/DC spielen?"
Oder "Mäidn, ey". Das hieß soviel wie "Ich bin ein
Iron Maiden Fan und möchte gern was von der Band hören…"
Unglaubliche zwanzig Jahre meines Lebens…
Ich Arsch!
Der alte Vincent van Gogh hat einen Riesenfehler gemacht: Er hätte
nicht sich, sondern seinem Publikum die Ohren abschneiden sollen!
Aber zurück zu Heinz Strunk und seinem Werk: Neben einer Menge
schier unglaublicher Begebenheiten, die sich vom
"Publikum" unbemerkt am Rande des Geschehens abspielen,
erfährt der Leser auch manch Nützliches. Zum Beispiel den Ursprung
des Wortes "Mugge". Das hat nämlich nichts mit einer
Abkürzung für "Musik" zu tun, sondern ist das Kürzel
für "Musikalisches Gelegenheitsgeschäft". Mal ohne
Schmarrn: Für Musiker, denen das Wort "Humor" was sagt,
ist das Buch ein absolutes "Muss". Ehrlich. Ich krieg da
kein Geld dafür, ich sag's euch auch so. Und sollte der eine oder
andere unter Ihnen an der Psyche darbietender Künstler interessiert
sein, so sei ihm dies Kleinod auch aus diesem kühlen Grunde
unbedingt empfohlen. Erschienen ist das Buch bei Rowohlt 2004.
Was es kostet, hab' ich vergessen.
Der zweite Schmöker ist von OLAF KÜBLER und heißt KLARTEXT
/ VOLL DANEBEN. Olaf hat (nur um die bekanntesten zu nennen) bei
Udo Lindenberg und Peter Maffay, Sting und Eberhard Schoener, Willy
Michel und Marius Müller Westernhagen, Klaus Doldinger und was
weiß ich mit wem noch alles gespielt. Herr Kübler ist wie Herr
Strunk der Gattung "Bläser" zuzuordnen und hat sich mit
seinem Buch den Luxus geleistet, so schonungslos wie nur irgend
möglich über die letzten fünfzig Jahre selbst erlebte
Musikgeschichte in der BRD und DDR und anderswo zu referieren. Was
da geboten wird, ist so unglaublich, dass es jeder externen
Beschreibung spottet, und es wird ziemlich schnell klar, wer den
Strunk dazu inspiriert hat, seine eigene Geschichte aufzuschreiben.
Wenn das alles stimmt, was da drinsteht, dann wundert's mich nicht,
dass Olafs Historie im normalen Buchhandel nicht oder nicht mehr zu
kriegen ist. Das Ding beinhaltet mit Sicherheit genug Zündstoff, um
sich selber die nächsten fünfhundert Jahre aus dem Handel zu
klagen. Ich hab mein Exemplar bei Olaf himself auf seiner Website
bestellt.
Das Teil erzählt im Grunde genommen tatsächlich von der gesamten
deutschen Nachkriegsgeschichte in Sachen Musik. Keine Band ohne
Kübler, kein Joint ohne Olaf, keine Tour ohne Sax, von 1946 bis
heute. Man kann's einfach nicht mehr weglegen. Ich hab' mit dem
Schinken zwei Nächte durchgemacht und durchgelacht. Und mitten drin
ein wunderschönes Adorno - Zitat, heutzutage in Zeiten von uns
aller DSDSDSSDSDSSDieter Bohlen aktueller denn je:
"Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst
Zwerge lange Schatten".
Was für ein Satz! Oberaffengeil! Unschlagbar und wahrlich zum
Niederknien!
Über eines muss man sich aber im Klaren sein: Wer seine deutschen
Pop - Rock - Ikonen weiterhin unterwürfigst anbeten möchte, der
muss die Finger von Olaf's Zeilen lassen! Der treibt einem so was
nämlich aus. Mit enormer Gewalt!
Verständlicherweise ist das Buch wie bereits erwähnt im offenen
Handel nicht zu kriegen und deshalb im Olaf Kübler Verlag
erschienen. Das gibt's wie gesagt nur bei ihm auf der Website.
Adresse könnt Ihr selber suchen. Heute schon geguuuuglt?
Nebenbei noch was Neues von der Presseabteilung: Eine Kritik
über einen SDG Gig in Offenbach. Nachzulesen unter
"Presse" auf dieser Website. Da steht drin, dass Colin
Hodgkinson Bass gespielt hat. Das ist bis hierhin noch alles
richtig. Aber dann kommt's dick: Spencer Davis an der Orgel! Das ist
so was von gelogen! Der war da noch nie! Ich weiß es, ich war
dabei! Spencer hat noch nie Orgel gespielt! Aber im Namen der
Pressefreiheit sei auch dieses verziehen. Wo kommen wir denn da hin,
wenn sich ein Schreiberling auch noch für das interessieren soll,
worüber er schreibt. Das wär' nun wirklich ein bisschen zu viel
verlangt.
Und das war's auch schon wieder.
Eine Tour steht an mit Spencer Davis Group im Mai, wenn die Bäume
ausschlagen. Danach gibt's dann wieder was Normales zu berichten.
Das heißt, wenn's das je hier gegeben hat.
Macht's gut und bis zum nächsten Mal, wenn es hier bei uns
wieder heißt:
Hätt' ich's nicht gelesen, wär's genauso g'wesn.
Herzlichst
Ihr Stefan Reich-Raporzel
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